Juniorwahl: Alles wie in echt
Im Rahmen des Projektes „Juniorwahl“ findet deutschlandweit Demokratie an der Wahlurne statt.
KRANENBURG. Donnerstag, 5. Juni, 10.15 Uhr. Lot van Moerkerk hat ihre Wahlbenachrichtigung nebst Ausweis vorgezeigt. Jetzt geht es mit dem Wahlzettel an die Urne. Europa wählt Europa ... Am Sonntag ist in Deutschland Europawahl. Jetzt findet im Rahmen des Projekts „Juniorwahl“ ein Probelauf an der Euregio Realschule in Kranenburg statt. Eigentlich passt der Termin: In den Niederlanden ist heute Wahltag und die Euregio Realschule ist zweisprachig unterwegs: Niederländisch und Deutsch.
Sharon van Willigen ist Lehrerin an der Realschule und hat die „Juniorwahl“ organisiert. „Das hier ist kein Probelauf. Es ist alles wie in echt.“ Schüler ab der Klasse 7 dürfen wählen. Dafür haben sie Wahlbenachrichtigungen bekommen, sind in einem Wählerverzeichnis erfasst worden und können heute abstimmen. Und ganz wie im wirklichen Leben müssen Wähler sich ausweisen. (Bei der Juniorwahl tut‘s auch der Schülerausweis.) Lot ist – zusammen mit Louise – Wahlhelferin. Wählen ist kein Muss. „Wir haben ein Recht zu wählen“, sagt van Willigen. Das Recht zu wählen ist ein hohes Gut. „Wichtig ist, den Schülern klarzumachen, was Wahlen eigentlich sind, wie sie ablaufen und vor allem, welche Bedeutung sie für uns alle haben.“ Wenn van Willigen sagt, alles sei „wie in echt“, gibt es nur eine kleine Ausnahme: „Bei uns dürfen alle Schüler ab der 7. Klasse wählen – unabhängig davon, was für einen Pass sie haben.“
Im Unterricht hatten die Schüler unter anderem die Gelegenheit, mit dem Wahl-O-Mat zu arbeiten. Schließlich gilt: Wer zur Urne schreitet, sollte wissen, um wen und was es geht. Van Willigen: „Wir haben im Zuge der Vorbereitungen versucht zu ergründen, warum Europa wichtig ist. Dabei haben wir auch über Themen wie Migration, Klima und Sicherheit gesprochen.“ Die Botschaft: „Bei Wahlen geht es um euer Land und euer Leben.“
Lot und Louise haben sich, obwohl sie an den „richtigen“ Wahlen nicht teilnehmen können, akribisch vorbereitet. „Das ist wichtig“, sagen beide und finden es gut, dass in Deutschland das Wahlalter für die Europawahl 16 ist. Was ist den beiden aufgefallen: „Die Wahlzettel sind unglaublich lang, weil es so viele Kandidaten und Parteien gibt.“ Für manche Juniorwähler sei das eine „Überraschung“ gewesen, „obwohl wir ja im Unterricht darüber gesprochen haben.“
„Für viele Erwachsene ist es irgendwie normal, sich über Dinge, die in der Politik passieren, zu informieren. Die einen lesen vielleicht Zeitung – andere informieren sich über das Internet. Bei den Schülern ist das anders. Es gibt da nicht unbedingt ein Grundverständnis von Politik. Es gehört zu unseren Aufgaben, ein Interesse zu wecken, ohne dabei eine politische Richtung vorzugeben“, so van Willigen. Bei Lot und Louise ist das auf jeden Fall gelungen. Sie sind bestens vorbereitet. Van Willigen: „Europa ist immer dann interessant, wenn es um handfeste Beispiele geht. Wir haben zum Beispiel darüber diskutiert, ob es besser wäre, wieder Grenzkontrollen einzuführen.“ Das Ergebnis: eindeutig zweiseitig. „Es gibt gute Gründe dafür und dagegen“, sagt van Willigen, „aber ein Thema muss angesprochen werden, um ins Bewusstsein vorzudringen.“
Sieht man sich im Internet die Seite www.juniorwahl.de an, finden sich reichlich Zitate. „Die Juniorwahl macht Lust auf demokratische Mitbestimmung und beugt Wahlmüdigkeit vor“, ist nur eines von vielen. Es stammt von einer Ost-Berliner Schule.
Zurück zur Euregio Realschule, die nur eine von sehr vielen teilnehmenden Schulen ist. „Unsere ausgezählten Stimmen müssen wir bis morgen um 18 Uhr übermitteln.
Bekanntgeben dürfen wir sie allerdings noch nicht. Das wird erst am Montag stattfinden.“ Der Grund ist naheliegend. Einige der Schüler, die jetzt an den Juniorwahlen teilnehmen, sind am Sonntag wahlberechtigt. „Da soll natürlich jeglicher Beeinflussung vorgebeugt werden“, so van Willigen. Im Schulgebäude hängen jede Wahlplakate – die Schüler stellen wichtige Themen wie Migration, Sicherheit, Klima und Landwirtschaft vor.. Im Wahllokal liegen jetzt die Stimmzettel bereit und die Wahlurnen sind verplombt. Alles wie in der europawählerischen Wirklichkeit. Für die Juniorwähler gilt, was am Sonntag für uns alle gilt: „Gebruik je stem.“ „Gebrauche deine Stimme.“ . Heiner FrostLot van Moerkerk bei der Stimmabgabe. Im Hintergrund ihre Wahlheferkollegin Louise.NN-Foto: HF