Jeden Tag auf TikTok: Eine Mutter spricht über die Drogensucht ihres Sohnes
Bianka Ertl aus Haldern veröffentlicht täglich Beiträge über die Herausforderungen, vor denen Eltern suchtkranker Kinder stehen. Ihre eigenen Erfahrungen und ihr Wissen hat sie zuvor in einem Buch niedergeschrieben.
HALDERN. „Meine Seele war immer schwarz.“ Bianka Ertl muss bei diesen Worten selbst schmunzeln, sitzt die 57-Jährige doch in einem Zimmer, das aussieht wie das Zuhause des Pummeleinhorns. Alles ist bunt, vieles ist rosarot. „Je kitschiger, desto besser“, sagt Ertl lachend. Seit zwei Jahren wohnt sie in Haldern, hat mit dem Umzug von Hilden an den Niederrhein einen weiteren Schritt getan, die dunkle Zeit hinter sich zu lassen. Zuvor hat die Sucht ihres ältesten Sohnes anderthalb Jahrzehnte ihr Leben und das ihrer ganzen Familie bestimmt. „Ich bin selbst durch die Hölle gegangen“, erzählt sie offen. Ihre Erfahrungen und ihr Wissen hat sie inzwischen nicht nur in einem Buch niedergeschrieben, sondern gibt es in täglichen Beiträgen auf ihrem TikTok-Kanal an betroffene Eltern suchtkranker Kinder weiter.
Mit gerade einmal zwölf Jahren gerät der Sohn von Bianka Ertl in die Sucht – „experimentierfreudig“ sei er gewesen, habe dazu den „falschen Umgang“ gehabt. Über Alkohol und Cannabis führt ihn den Weg schließlich in die Heroin-Abhängigkeit. „Ich habe versucht, alles aufzufangen, es aber nicht geschafft“, sagt Ertl. Erst nimmt sie an einer Selbsthilfegruppe teil, kurz darauf leitet sie eine. Damit kann sie anderen zwar Kraft geben, schöpft für sich jedoch keine. „Ich war lange in der Co-Abhängigkeit“, berichtet die gelernte Zahnmedizinische Fachassistentin von einer enormen „psychischen, körperlichen und finanziellen Belastung“.
„Man lebt in einem Ausnahmezustand“
Es ist eine Zeit ständiger Angst bei jedem Anruf, „man lebt in einem Ausnahmezustand, es gibt immer eine neue Katastrophe“. Auch ihre drei anderen Kinder leiden, vor allem ihr zweiter Sohn. „Er hatte einen Bruder und doch keinen Bruder“, sagt Bianka Ertl. Mit siebzehneinhalb Jahren zieht ihr ältester Sohn zuhause aus – „es musste sein“, beschreibt Ertl den „Drahtseilakt: Ich wollte ihm helfen, musste aber auch meine anderen Kinder schützen.“ Nach dem Auszug „ging es noch weiter bergab, ich habe aber weiterhin versucht, alles aufzufangen – bis ich selbst kaputt war“.
Sie selbst erkrankt erst an einer Depression, erleidet Panikattacken, erhält schließlich auch noch die Diagnose Krebs. Da habe sie erkannt: „Ich kann mein Kind nicht retten – ich kann ihm nur zur Seite stehen.“ Heute weiß sie: Der Versuch, alles für ihren Sohn aufzufangen, „ist nicht der richtige Weg, weil der Suchtkranke so keine Notwendigkeit sieht, sich zu ändern“.
Das Kind „nicht fallenlassen, sondern loslassen“
Mit Blick auf ihre eigene Gesundheit und den Schutz ihrer anderen Kinder bricht sie schließlich den Kontakt zu ihrem ältesten Sohn ab. Wichtig dabei ist ihr klarzustellen: „Ich habe mein Kind nicht fallengelassen, sondern es losgelassen.“ Sie habe sich zurückgenommen und ihm so gezeigt: „Wenn du gesund werden willst, helfe ich dir und bin für dich da. Aber ich unterstütze nicht länger deine Sucht.“ Der Wille zur Veränderung müsse immer vom Suchtkranken selbst ausgehen.
Und mit diesem Schritt habe sich tatsächlich „auch bei ihm etwas verändert“, sagt Bianka Ertl. Ihr Sohn dosiert sich immer weiter runter, bekommt seine Sucht und damit sein Leben wieder in den Griff. „Wir haben auch wieder Kontakt“, sagt Ertl, „aber zu meinen Regeln.“ Sie weiß: Die Sorge und Angst um ihren Sohn wird sie immer begleiten. „Er bleibt ein Suchtkranker, der jahrelange Konsum hat Spuren hinterlassen.“
Umzug nach Haldern zur eigenen Familie
Auch der Umzug von Hilden nach Haldern sei ein Teil des Prozesses gewesen. „Ich musste aus Hilden raus, es gab dort zu viele schlimme Erinnungen“, sagt sie. So zog sie mit ihren beiden Töchtern nach Haldern, in die Nähe ihrer eigenen Familie. „Meine Geschwister wohnen in Mehr und Mehrhoog.“
Nachdem sie die Krebserkrankung überstanden hat, reift in ihr der Entschluss, ihr Wissen und ihre Erfahrungen an andere Eltern suchtkranker Kinder weiterzugeben. Zunächst erhält sie von ihrer Mutter den Rat – auch angesichts des Umstandes, dass sie zu ihrer Co-Abhängigkeit keine Therapie bekommt –, alles aufzuschreiben. Dies tut sie über anderthalb Jahre, „mit Pausen, denn vieles ist dabei wieder hochgekommen“.

In ihrem Buch „Meiner Hand entrissen“ hat Bianka Ertl ihre Erfahrungen als Mutter eines suchtkranken Kindes niedergeschrieben. Foto: NN/Michael Bühs
Kein Ratgeber, sondern Tipps für Eltern
Ihr Buch, betont sie, soll kein Ratgeber sein, „ich gebe Tipps“. Das gilt auch für ihren TikTok-Kanal @meiner.hand.entrissen, in dem sie seit Beginn des Jahres „über die Herausforderungen, vor denen Eltern suchtkranker Kinder stehen“, spricht und „praktische Hilfestellungen für ihren Alltag“ gibt. Jeden Tag stellt sie ein bis zwei Beiträge online, einmal in der Woche ist sie live auf ihrem Kanal zu sehen. „Ich spreche über Themen auf, die mich bewegen, greife aber auch Fragen von Eltern auf.“
Sie will betroffenen Angehörigen zeigen: „Die ganz kleinen Schritte in die richtige Richtung sind wichtig.“ Dazu gehört beispielsweise, Zeit für sich selbst einzuplanen und auch das Kontrollieren des Kindes nicht völlig einzustellen, aber ein wenig zu verringern. „Durch solche Veränderungen werden auch die Suchtkranken oft zugänglicher“, weiß Bianka Ertl.
Mit ihrem Engagement will sie auch dazu beitragen, die Stigmatisierung des Themas suchtkranke Kinder aufzuheben: „Eltern dürfen sich nicht schämen“, fordert sie. Demnächst ist sie zu Gast in der SWR-Tak-Sendung „Nachtcafé“, zudem strebt sie ihr „größtes Ziel“ an: die Verfilmung ihres Buch als Fernsehfilm. Das Exposé liege bereits bei Filmfirmen vor. Zudem denkt sie über Frage-Antwort-Runden in Kliniken und anderen Einrichtungen nach. „Ich möchte so vielen Eltern suchtkranker Kinder helfen wie möglich.“
Rosarot ist das Zuhause von Bianka Ertl in Haldern – doch hinter der 57-Jährigen liegen sehr dunkle Zeiten. NN-Foto: Michael Bühs