Immer in Bewegung
Die Behinderten-Sport-Gemeinschaft Xanten feiert ihr 50-jähriges Bestehen
„Die Gründer wollten über den Sport die Integration, den Selbstwert und das Selbstbewusstsein von Menschen mit Behinderung fördern“, sagt Willi Sengstock, der Vorsitzende der BSG. Der 75-jährige Lüttinger leitet den Verein seit 2014; altersbedingt möchte er gerne ins zweite Glied treten. Deswegen ist er kommissarisch im Amt, die Suche nach einem Nachfolger läuft.
Aus heutiger Sicht wirken die Gründerjahre der BSG sehr weit weg. Vieles erscheint in Zeiten der Inklusion kaum mehr vorstellbar. Wie etwa die Geschichte, dass Heinrich Beyl, einer der Gründerväter, an die Stadtverwaltung schrieb und um separate Übungszeiten in der Schwimmhalle bat, da „den anderen Bürgern der Anblick von Beinamputierten und anderen Behinderten nicht zuzumuten“ sei. In vielen Punkten hat sich die Gesellschaft eben doch zum Besseren gewendet.
Geselligkeit und Miteinander
„Wir sind heute ein Verein für Reha-Sport, der viel Wert auf die Gemeinschaft legt“, sagt Willi Sengstock. Viele Mitglieder haben orthopädische Erkrankungen, also beispielsweise ein neues Knie oder neue Hüften bekommen. Andere leben mit einer anderen körperlichen Einschränkung. Viele der aktuell rund 50 BSG-ler haben den Weg über den Reha-Sport zur BSG gefunden.
So war es auch bei Willi Sengstock. 2006 kam er zur BSG. Er merkte, wie gut ihm der Sport und die Gemeinschaft taten – und blieb dem Verein erhalten. „Wir sind ein sehr aktiver und sozialer Verein“, sagt Sengstock. Das hat sich, allem Wandel zum Trotz, in den 50 Jahren nie geändert. Wer durch die Chronik stöbert, die anlässlich des Jubiläums gemeinsam von Tobias Schrörs und Tanja Röken zusammengestellt wurde, liest von vielen Ausflügen und Zusammenkünften. Ganz gleich, ob beim Adventsfrühstück, beim Karneval oder beim jährlichen Vereinsgrillen: Das familiäre Miteinander und die Geselligkeit spielen eine große Rolle in der BSG.
In der Anfangszeit traten die Mitglieder der BSG-Xanten regelmäßig zum Wettkampf gegen andere Behinderten-Sport-Gemeinschaften an. Dabei waren sie sehr erfolgreich, wovon viele Preise und Auszeichnungen zeugen. Wettkämpfe gibt es heute nicht mehr. Und auch viele Sportarten sind im Laufe der Jahre verschwunden: weil es keine Nachfrage mehr gab oder weil Übungsleiter fehlten. Der Sitzball ist so ein Beispiel. In den Gründerjahren wurde er noch gespielt, weil er besonders den Beinamputierten entgegenkam. Auch das Bosseln, eine Art Eisstockschießen in der Halle, das Kegeln oder Faustball werden nicht mehr praktiziert.
Dafür sind andere Sportarten und sportliche Betätigungen hinzugekommen wie gemeinsame Wanderungen oder die donnerstägliche Boule am Plaza del Mar. Der Verein und seine Mitglieder sind eben immer in Bewegung. Auch deswegen wurde die BSG 2012 umbenannt. BSG stand nun für „Bewegung, Sport, Gesundheit“. Richtig durchsetzen konnte sich der neue Vereinsname allerdings nicht. Er drang nicht durch in der Öffentlichkeit, sodass 2017 die Rolle rückwärts erfolgte. „Es gibt Menschen, die der Name Behinderten-Sport-Gemeinschaft abschreckt“, sagt Willi Sengstock. Das Wort „behindert“ sei eine Barriere, „dabei ist jeder Mensch auf irgendeine Art behindert“. Wer einmal mitmache bei Wasser- oder Hallengymnastik, verliere sehr schnell die Berührungsängste.
Wasser- und Hallengymnastik sind heute das sportliche Kernangebot der BSG. Das therapeutische Niveau ist hoch. „Alle, die am Vereinssport interessiert sind, sind herzlich eingeladen vorbeizuschauen“, lädt der Vereinsvorsitzende ein.
Was er sich zum Jubiläum wünscht? Es sind vor allem zwei Punkte: neue qualifizierte Übungsleiter und endlich wieder eine größere Halle. Die vergangenen Jahre waren in diesem Punkt nämlich eine Odyssee: Als die BSG die Landwehrhalle nicht mehr nutzen konnte, weil sie zur Unterkunft für Geflüchtete wurde, zog man zunächst in die kleine Halle am Berufskolleg um. Doch bald benötigte das Placida Haus diese Hallenzeiten wieder. Deswegen zogen die Aktiven erneut um, diesmal in einen großen Raum im Erdgeschoss des Hauses der Begegnung. Optimal sind die Bedingungen dort aber nicht. „Uns fehlt einfach Platz. In einer Halle hätten wir ganz andere Möglichkeiten“, sagt Willi Sengstock. Darüber sei man mit der Stadt in konstruktiven Gesprächen.
Ein Foto aus den frühen Tagen: Die BSG, 1984 bei einem Faustball-Turnier.
Die Wassergymnastik am Dienstag im Hallenbad ist eines der Kernangebote der BSG. Foto: BSG-Xanten/Randolf Vastmans Foto: RANDOLF VASTMANS
Das familiäre Miteinander und die Geselligkeit spielen eine große Rolle in der BSG – zum Beispiel beim jährlichen Vereinsgrillen. Fotos: BSG-Xanten