Ungefähr hier war‘s: Bruno Schmitz in Rees vor seiner ehemaligen Wirkungsstätte. NN-Foto: Michael Bühs
14. März 2024 · Niederrhein

„Ich wollte etwas verändern“

Der Klever Kabarettist Bruno Schmitz erinnert sich an seine Zeit als Lehrer in Rees und Emmerich

NIEDERRHEIN. Vietnamkrieg, Watergate-Affäre, RAF, Ölkrise – die 1970er-Jahre waren ein krisengebeuteltes, explosives Jahrzehnt. Hippies und Punks zeigten gesellschaftliche Missstände auf und grenzten sich von der Elterngeneration ab. Die Zukunft der Bildung zählte neben vielen Kontroversen zu den strittigsten gesellschaftlichen Themen dieser Zeit. Besonders umstritten waren die Gesamtschulen. Während die Sozialdemokraten sie als Weg zu mehr Chancengerechtigkeit betrachteten, fürchteten Konservative um den bürgerlichen Bildungskanon. „Ich habe nie verstanden, warum man die Kinder nicht zusammen unterrichtet – wir sind doch alle Teil derselben Gesellschaft“, sagt Bruno Schmitz (77) und blickt zurück auf die Zeit, in der er seinen Lebensunterhalt noch nicht mit Kabarett, Stunksitzung und Kulturbüro Niederrhein verdient hat. „Erstmal war ich Beamter“, sagt Bruno – und kann sich das Schmunzeln nicht verkneifen.

Nach dem Studium an der Pädagogischen Hochschule in Neuss gründete der Klever mit dem Haus am Damm in Kellen die erste Wohngemeinschaft am Niederrhein. Lange Haare, Vollbart, die Gitarre, auch auf dem Schulhof, immer dabei. Nach dem Referendariat an der St. Markus Hauptschule in Schneppenbaum war Schmitz von 1972 bis 1978 Lehrer in Rees, erst an der Haupt- dann an der Sonderschule. „Ich war gerne Lehrer“, sagt er. Dann wechselte er nach Emmerich. Weil es dort eine additive Gesamtschule gab. Hauptschule und Gymnasium teilten sich ein Schulgebäude und einen Schulhof. „ Ich hatte immer einen guten Draht zu den Schülern und sie wählten mich zum Vertrauenslehrer“, sagt Schmitz.

Die Stimmung im Lehrerzimmer stimmte und der Kontakt zu den meisten Kollegen auch. „Es gab aber auch einige Lehrer und Schulleiter, die mit mir nichts anfangen konnten“, räumt er ein. Probleme gab es zum Beispiel, als es um den Beamtenstatus ging. Sein Leben in der „Kommune“ ging einigen Konservativen gegen den Strich. „Da hat man versucht, mich mit der DKP in Verbindung zu bringen und Leute aus der DKP wurden nicht in den Schuldienst übernommen“, erklärt Schmitz. Er zog vor Gericht – und bekam Recht. „Einer Partei habe ich nie angehört, bis heute nicht“, betont Schmitz. Eine klare politische Haltung habe er damals trotzdem gehabt. Bis heute.

Als in den 1970er Jahren in Kalkar der „Schnelle Brüter“ gebaut wurde, war Bruno Schmitz einer von denen, die den Widerstand organisierten. Der Melkstall von Bauer Josef Maas wurde zum Treffpunkt des Widerstandes. Von hier aus koordinierte man auch die Großdemonstration: 50.000 Menschen protestierten am 24. September 1977 gegen die Fertigstellung des Brüters. Für Schmitz blieb es nicht bei dem Protest in Kalkar. In den Schulferien ging er auf Anti-AKW-Tour. Friedlich, das ist ihm wichtig. „Mit Pferd und Planwagen sind wir 1980 von Kalkar über Ahaus nach Grohnde und weiter zum Anti-Atom-Dorf nach Gorleben im Wendland gefahren. Unterwegs haben wir in Fußgängerzonen gesungen und Handzettel gegen Atomkraft verteilt“, sagt er. Kurz darauf trat Schmitz gemeinsam mit Didi Jünemann und Winni Walgenbach als Musikkabarett „Laut & Lästig“ auf. Was im Brüter-Umfeld begann, wurde schnell zu etwas Größerem. „Unseren ersten Auftritt hatten wir im April 1981 in Emmerich im Landhaus. Viele Schüler aus meiner Klasse und die Hälfte des Kollegiums waren da“, erinnert er sich. Als „Laut & Lästig“ bekannter wurde, tourten die Herren mit ihrem Trio durch die ganze Republik. „Da wurde ich auch schon mal nach einem langen Wochenende montagsmorgens um halb acht auf dem Lehrerparkplatz abgesetzt.“

Als im Februar 1984 die erste Stunksitzung als bissig-böse Alternative zum Kölner Karneval in der Alten Mensa der Kölner Uni stattfand, war Bruno Schmitz ebenfalls mit von der Partie. Später war er Mitbegründer der Gesellschaft, die heute pro Spielzeit rund 60 Mitarbeiter beschäftigt. Bis 2023 stand Schmitz, der eine Wohnung in der Kölner Südstadt hat, auf der E-Werk-Bühne. „Aufhören, wenn es am Schönsten ist. Ein banaler Satz, der aber richtig ist.“ Schmitz bereut seinen Rückzug nicht. Zumal es für ihn mit „Stunk unplugged“, einem Best off aus Sketchen und Liedern aus 40 Jahren Stunksitzung, weiter geht. Im Rahmen von ReesLive wird er am 28. April im Bürgerhaus mit seinen Stunkkollegen zu Gast sein. Vielleicht gibt es ja ein spontanes Wiedersehen mit ehemaligen Schülern und Kollegen. „Das würde mich freuen. Eigentlich ist es ja verrückt“, sagt er: „Während viele meiner Schüler schon in Rente gehen, stehe ich immer noch auf der Bühne.“

Seinen Lehrerjob an den Nagel gehängt hat Bruno Schmitz 1985 nach 15 Jahren im Schuldienst. „Eigentlich wollte ich schon ein Jahr früher gehen, aber dann habe ich beschlossen, gemeinsam mit meiner Klasse aufzuhören.“ Seine Eltern waren mit dieser Entscheidung nicht unbedingt glücklich. „Die fanden es damals ganz toll, dass ich nach dem Abi Lehrer geworden bin. Eine solide Berufswahl und nicht zu vergleichen mit dem Weg, für den ich mich dann entschieden habe“. Aber seine Entscheidung damals war absolut richtig. „Ich wollte immer etwas verändern und die jungen Leute, die es eh in unserer Gesellschaft nicht leicht haben, stark machen. Deshalb bin ich auch Hauptschullehrer geworden“, blickt er zurück. Projekttage, Ausflüge am Nachmittag, auch außerhalb der Schulzeit. „Das gab es damals alles noch nicht.“ Aber Bruno hat‘s einfach gemacht. Und er scheint einiges richtig gemacht zu haben. Denn auch heute noch wird er regelmäßig zu Klassentreffen eingeladen und hält Kontakt zu Ehemaligen. „Das werte ich mal als gutes Zeichen.“Verena Schade
Bruno Schmitz (3.v.r.) bei einer Demo in Kalkar.Foto-Archiv: RD

Bruno Schmitz (3.v.r.) bei einer Demo in Kalkar.Foto-Archiv: RD Foto: Ruediger Dehnen D-47533

Bruno Schmitz im Jahr 1985 mit Schülern der 9c der Europa-Hauptschule in Emmerich.Foto: privat

Bruno Schmitz im Jahr 1985 mit Schülern der 9c der Europa-Hauptschule in Emmerich.Foto: privat

Ungefähr hier war‘s: Bruno Schmitz in Rees vor seiner ehemaligen Wirkungsstätte. NN-Foto: Michael Bühs