Ich habe nichts anzuziehen!?
Vortrag vor 550 Schülerinnen und Schüler in der Fairtrade-Stadt Geldern
Der Blick in den vollen Kleiderschrank und die oft zitierte Aussage „Ich habe nichts anzuziehen!“ eröffnete den Vortrag, um den jungen Menschen das Thema Fast Fashion näherzubringen. In diesem Jahr werden weltweit 186 Milliarden Kleidungsstücke produziert. Dass unsere Kleidung, speziell die Billigmode, zum großen Teil aus Asien stammt, konnten die Schüler anhand der Etiketten in ihrer Kleidung direkt feststellen. Neu dürfte vor allem sein, dass ein Kleidungsstück nicht an einem Ort komplett hergestellt wird, sondern einzelne Produktionsschritte wie Weben, Nähen, Färben, Knöpfe und Reißverschlüsse annähen in verschiedenen Ländern erfolgen.
„50.000 Kilometer legt eine Jeans zurück, bis sie fertig ist“, sagte Herrmann. Den Schülern wurde deutlich, dass diese irren, langen Transportwege die Umwelt belasten. Hinzu kommt die Ausbeutung der Näherinnen in den Fabriken, vor allem Bangladesch: kein Existenzlohn, eine bis zu 90-Stunden-Woche, kein Arbeitsschutz, Arbeit mit krankmachenden Chemikalien und auch sexuelle Übergriffe kennzeichnen den Alltag vieler junger Frauen. Während der Mindestlohn bei uns 12,41 Euro beträgt, bekommt eine Näherin in Bangladesch nur 65 Cent, also durchschnittlich 104 Euro pro Monat. Davon müssen oft 50 Euro für das Zimmer bezahlt werden, in dem acht Menschen manchmal leben. Frank Herrmann machte deutlich, wie katastrophal und menschenverachtend die Lebens- und Arbeitsbedingungen hier sind.
Welchen ökologischen Fußabdruck der Modekonsum hat, wurde von Frank Herrmann mit schockierenden Zahlen belegt. Eine Jeans erfordert bei der Herstellung 8.000 Liter Wasser, viele Seen (zum Beispiel der Aralsee) sind ausgetrocknet. Von den weltweit ausgestoßenen 36 Milliarden Tonnen CO2 entfallen auf die Mode allein 3,3 Milliarden, also etwa zehn Prozent der Gesamtmenge. Die bei der Produktion von Kleidung benötigten Chemikalien gelangen meist ungeklärt in die Flüsse und Seen und gefährden das Trinkwasser. Dazu kommt noch eine Menge Mikroplastik, vor allem in billiger synthetischer Kleidung, welches ausgewaschen wird und über die Nahrungskette in den menschlichen Körper gelangt.
Der Übergang von Fast Fashion zu Ultra Fast Fashion vollzieht sich rasant. Modeketten produzieren nicht mehr vier Modekollektionen pro Jahr, sondern 52 Mikrokollektionen, wodurch der Konsum enorm angekurbelt wird.
Deutlich prangerte Frank Herrmann den Online-Handel an. 83 Prozent der 2021 zurückgesendeten 530 Millionen Pakete beinhalteten Kleidung. 17 Millionen Retouren wurden sogar entsorgt, weil es günstiger ist, als die Gegenstände auszupacken und neu versandfertig zu machen. Dadurch wird die Umwelt mit 795.000 Tonnen CO2 zusätzlich belastet. Deutlich kritisierte Herrmann Anbieter wie Shein, der die Ware nur über Social Media - gepowert von Influencern - vertreibt. Bis zu 6.000 neue Produkte wirft der asiatische Anbieter jede Woche auf den Markt, minderwertige Ware unter ausbeuterischen Bedingungen produziert.
Eine Folge dieses Konsumrausches ist dann die Entsorgung von Kleidung. Allein in Deutschland werden pro Jahr eine Million Tonnen Kleidung entsorgt. Damit können 42.000 LKW beladen werden, die aneinander gereiht eine Schlange von Flensburg bis Innsbruck ergeben.
Ausrangierte und gespendete Kleidung gelangt häufig in arme Länder auf anderen Kontinenten, wo die Flut an Altkleidern nicht mehr bewältigt werden kann und die Entsorgung auf Deponien, in Flüssen oder Wüsten passiert. Zudem wird jede Sekunde eine LKW-Ladung an Kleidung verbrannt.
Spätestens an diesem Punkt wird den jungen Zuhörern klar, dass ein jeder einen verantwortungsvollen Umgang mit Kleidung pflegen sollte, der Umwelt und den Menschen zu Liebe, die diese Ware produzieren. Empfehlungen gab Frank Herrmann dann auch. Neben Unternehmen und Politik können auch Verbraucher aktiv werden. Ein maßvoller, bewusst fairer Einkauf, das Reparieren von Kleidung und Secondhandeinkauf gehören dazu. Und die Fragen: Wer bekommt mein Geld? Mach ich die Reichen immer reicher?
Die engagierten Ausführungen von Frank Herrmann sorgten für lang anhaltenden Applaus und regten eindringlich zum Nachdenken an. Am Ende konnten Vertreterinnen von einer Schülerzeitung noch persönlich Informationen von Frank Herrmann bekommen.
Frank Herrmann zu Gast in Geldern. Foto: Manfred Austrup