„Haus des Erinnerns und Gedenkens“: Eva Weyl übernimmt Schirmherrschaft
Der Synagogenplatz in Kleve soll wieder lebendig werden
KLEVE. „Die Erinnerung muss bleiben – und ein leerer Platz gibt keine Erinnerung.“ Diese deutlichen Worte fand die Holocaust-Überlebende Eva Weyl bei einer Feierstunde zu ihren Ehren in der Kleinen Kirche an der Böllenstege in Kleve. Wenn sie am Platz der alten Synagoge – am Fuße der Klever Schwanenburg und in unmittelbarer Nähe zur Stiftskirche – vorbeifahre, habe sie beobachtet, dass die Leute an dem Platz einfach vorbeiliefen. Aber wenn dort ein schönes Haus der Erinnerung stünde, wo auch über den Holocaust unterrichtet werden würde, wäre das vermutlich anders. „Das ist das, was ich für den Synagogen-Platz möchte: Es gibt nichts Schöneres, als dass man die Erinnerung wachhält – und das gibt es nur, wenn es ein Dach gibt“, fügte Weyl hinzu. Die mittlerweile 92-Jährige setzt sich deshalb für den Bau des „Hauses des Erinnerns und Gedenkens“ auf dem Synagogenplatz in Kleve ein. Für das Projekt des Vereins „Haus des Erinnerns und Gedenkens“ hat Weyl nun die Schirmherrschaft übernommen.
Eva Weyl ist als Zeitzeugin bis heute im Kampf gegen Diskriminierung unterwegs. Sie hält jährlich zahlreiche Vorträge an Schulen und auf Gedenkveranstaltungen zum Holocaust. Ihre Botschaft dabei ist immer, dass heutige Generationen nicht verantwortlich dafür seien, was vor nunmehr über 80 Jahren passiert sei. Aber sie würden die Verantwortung dafür tragen, dass so etwas nicht noch einmal passiere – und dabei sei die Erinnerung unerlässlich.
Der Synagogenplatz in Kleve werde aber immer nur am jährlichen Gedenktag am 9. November mit Leben gefüllt. „Und da kommen bis jetzt immer die gleichen alten Knacker“, sagte Weyl mit ihrem gewohnten Humor im Unterton. Auch deshalb würde sie sich freuen, wenn auf dem Synagogenplatz ein „Haus des Erinnerns und Gedenkens“ gebaut werden würde, das an vielen Tagen im Jahr mit Leben gefüllt werden könne. Sie sehe es auch als geeigneten Lernort für Schüler, an dem sie selbst noch „die nächsten 30 Jahre“ ihre Geschichte erzählen könne. Zudem könnte es ein Ort sein, an dem sich jeder bewusst mache, „dass wir alle Menschen sind“, ganz gleich, welche Funktion oder Religion man habe.
Als die Synagoge in Kleve am 9. November 1938 von den Klever Nazis niedergebrannt wurde, war Eva Weyl als Dreijährige selbst in der Stadt. „Meine Mutter nahm mich 1938 mit zum Besuch bei meinem Großvater in Kleve“, erzählte sie im Gespräch mit Ulrike Froleyks, die als Moderatorin durch die Feierstunde führte. Ihre Eltern, die an der Stelle des jetzigen Kaufhofs ein Kaufhaus führten, waren bereits 1934 aus Kleve nach Arnheim geflohen. Auch ihr anderer Großvater sei an jenem Tag aber von Freiburg aus zu Besuch in Kleve gewesen. „Meine beiden Großväter haben also gesehen, wie die Synagoge brannte. Beide sind verhaftet worden“, berichtete Weyl, deren einer Großvater die zur Synagoge gehörende Gemeinde geleitet und Kleve sehr geliebt habe. Deshalb liege es ihr auch besonders am Herzen, dass der Synagogenplatz wieder mit Leben gefüllt werde. Bedenken gegen den Bau des Hauses, das neben einem Erdgeschoss noch zwei Obergeschosse erhalten soll, ließ Weyl nicht gelten. Bedenken hätten nämlich nur „die Alten, die Angst vor Veränderung haben“. „Ich bin ja noch jung, aber irgendwann gibt es uns nicht mehr“, betonte Weyl. Dann müsse die Erinnerung anders am Leben gehalten werden.
Edmund Verbeet, Vorsitzender des Vereins Haus des Erinnerns und Gedenkens, berichtete, dass Eva Weyl sofort der Schirmherrschaft zugestimmt habe. „Ich fühle mich geehrt“, habe sie nach nur wenigen Sekunden Bedenkzeit gesagt. Der Architekt Friedhelm Hülsmann hatte seinen Entwurf für das Haus bereits vor einem Jahr im Kolpinghaus vorgestellt. Die Idee, den Platz durch lebendiges Erinnern zu gestalten, stieß schon damals auf Zustimmung. Nun muss der Verein allerdings noch die Finanzierung sichern, um das mit rund vier Millionen Euro veranschlagte Projekt realisieren zu können. Deshalb wandte sich Verbeet im Rahmen der Feierstunde an potenzielle Unterstützer und bat um großzügige Spenden. Neben den ersten Sponsoren werde das Projekt auch bereits von der Stadt Kleve unterstützt, die das Grundstück bereitstellen wird, wenn der Bau umgesetzt werden kann.
Dass die Kleine Kirche an der Böllenstege als Veranstaltungsort für die Feierstunde zur Übernahme der Schirmherrschaft durch Eva Weyl gewählt wurde, hatte übrigens einen besonders großen symbolischen Charakter: Denn schon im Jahr 1612 war der junge Pfarrer Sebastian Hornung unterwegs, um Geld für eine evangelische Kirche an der Böllenstege zu sammeln. Als er 1618 zurückkehrte, reichten die Mittel nicht nur für die Kirche, sondern auch für eine Schule und das Pfarrhaus. „Warum sollten wir also nicht auch das Geld für das Haus des Erinnerns und Gedenkens zusammenbekommen?“, fragte Moderatorin Froleyks im Rahmen der Feierstunde, die von Norbert van Os an der Gitarre und einer Lesung von der Schauspielerin Joanne Gläsel aus Tagebuchnotizen von der niederländischen Jüdin Etty Hillesum, die gleichzeitig mit Eva Weyl im Lager Westerbork war und 1943 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde, begleitet wurde.
Weitere Informationen gibt es online unter www.hdeug.de per E-Mail an info@hdeug.de.
Sabrina PetersZeitzeugin und Holocaust-Überlebende Eva Weyl (vorne r.) sprach in der gut gefüllten Kleinen Kirche an der Böllenstege über ihre Erlebnisse. NN-Foto: SP