"Triptychon II von Harald Kunde in Havekost-Ausstellung, NN-Foto von Rüdiger Dehnen"
12. Juni 2026 · Kleve

Grundierung der Oberflächen

Museum Kurhaus Kleve zeigt ab Sonntag eine Ausstellung mit Werken von Eberhard Havekost

KLEVE. In der Wandelhalle: das große „Triptychon II“ mit der amerikanischen Flagge. Nein, das hier hat nichts mit der anbrechenden WM zu tun, sondern mit der neuen Ausstellung „Benutzeroberflächen“, die auf drei Etagen des Museum Kurhaus Werke des 2019 zu früh verstorbenen Künstlers Eberhard Havekost zeigt.

Kurhauschef Harald Kunde lacht. „Man hat ja als Kurator immer den Anspruch, eine optimale Ausstellung zu machen. Wir haben hier Werke aus dem Zeitraum 1994-2019. Das ist nur dank sehr vieler Leihgeber möglich.“ Rund 200 Gemälde und 60 Grafiken sind bis Oktober in Kleve zu sehen.

Es ist Donnerstag. Noch drei Tage bis zur Eröffnung. Die Bilder: noch „namenlos“. Wer einen Rundgang startet, könnte meinen, das hier seine eine Gruppenausstellung. Die Motive: bunt gemischt. Harald Kunde: „Havekost hatte ein Faible für Dinge, die mit Technik zu tun hatten.“ In der Pinakothek: Ein irgendwie gespenstisch anmutender Autofriedhof. Auf einem Großgemälde an der Kopfseite: ein Stapel Autos. Im nächsten Schritt werden sie vermutlich in der Schrottpresse zermalmt. Benutzeroberflächen – was hat es auf sich mit diesem Titel? Da bildet einer Oberflächen ab, um damit zu zeigen, dass es ein Dahinter gibt. „Brandung“ heißt die große Leinwand mit dem Autofriedhof. Das hier, denkt man, ist die Endstation des Konsums. Die Endstation der Träume. Jedes dieser Wracks bildet das Ende einer (Liebes)Geschichte ab.

Ist „Benutzeroberflächen“ eine Autoschau? Ganz und gar nicht. Auf dem titelgebenden Bild „Benutzeroberfläche“: ein postkartenreifes Landschaftsidyll. Auch das Idyll ist eine Benutzeroberfläche, denkt man.

Sucht da einer auf drei Etagen nach der eigenen Handschrift? Vielleicht eher nicht. Da wehrt sich einer großräumig gegen das Abgestempeltwerden. „Ich kennen neben Gerhard Richter keinen anderen Künstler, der ähnlich viele Fragen an die Malerei gestellt hat“, sagt Harald Kunde. Havekosts Fragen: ausgearbeitet in Bildern. „Mitte der 90-er Jahre schwebte ja – nicht nur in Dresden, wo Havekost studierte – die Frage im Raum, ob Malerei obsolet sei“, blickt Harald Kunde auf jede Zeit zurück, in sich seine und Havekosts Wege im Elbflorenz kreuzten.

"Havekosts Drohnen fliegen über grünes Feld, technologische Innovation in der Landwirtschaft"

Havekosts Drohnen. Foto: Rüdiger Dehnen

Havekost, das glaubt man beim Betrachten seiner Kunst zu spüren, war ein Dauerfrager: einer, der nicht in einer einmal gefundenen Handschrift steckenbleiben wollte. Da hängen Bilder von Drohnen – gemalt in den anbrechenden 2000-er Jahren. War da einer prophetisch unterwegs?, denkt man und spürt das Echo der US-Flagge im Kopf auf den Spuren einer stockwerksübergreifenden Verbindung? „Ich denke, das wäre jetzt überinterpretiert“, sagt Kunde. „Drohnen waren etwas, das Havekosts Technikbegeisterung angeregt hat.“ Nicht mehr. Nicht weniger. „Benutzeroberflächen“ ist ein gigantischer Spurenlegerautomat. Manche Bilder wirken in ihrer Oberflächenreproduktion fast schon kühl und sind doch alles andere. Merke: Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen Oberfläche und Oberflächlichkeiten. Havekost macht irgendwie alles zum Thema: Da sind Landschaftsidylle, Porträts, Geisterbilder, Farbflächen, Konkretheiten, Abstraktes...

Die Ausstellung: Dialoge eines Künstlers mit seinem Umfeld, die zu Selbstgesprächen werden. Es ist wie so oft in der Kunst: Nichts ist wie es scheint. Was vordergründig bunt zu sein scheint, deckt im Hintergrund Weltzustände auf. Das „Themenflimmern“ passt zu einem, der auch als DJ unterwegs war. Havekost als Geschmackszentrifuge. „Benutzeroberflächen“ hat nichts Entrücktes – es ist sozusagen angewandte Weltensicht und irgendwie auch malerische Bedienungsanleitung für die Stellungnahme zum Hinsehen. Havekosts Bilderwelt ist weitestgehend menschenleer. Gezeigt werden eher die Spuren menschlicher Überheblichkeiten. Oberflächlichkeiten, die paradoxerweise das Leben grundieren. „Art“, das „Zentralorgan“ der Kunstszene titelt zur Havekost-Schau im Kurhaus: „Alles so schön bunt hier.“

„Triptychon II“ – in Harald Kundes Kopf der Trigger für die Havekost-Ausstellung. NN-Foto: Rüdiger Dehnen