Große Tiere richtig retten
Einsatzkräfte am Niederrhein besuchen Schulung zu vernachlässigter Praktik
KLEVE. Ein Pferd, das in einen Graben gerutscht ist und nicht mehr rauskommt, ein Verkehrsunfall, bei dem ein Pferdeanhänger involviert ist oder ein Rind, das in eine Güllegrube gefallen ist– Einsätze die Tierhalter schockieren und professionelle Hilfe benötigen. Das Problem: Zu wenig Hilfskräfte der Feuerwehr sind passend ausgebildet, um eine Rettung von großen Tieren richtig und sicher durchzuführen. Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen möchte dies im Rahmen des Projekts „Fokus Tierwohl“ ändern. In einem eintägigen Seminar aus Theorie und Praxisübungen mit dem Experten Lutz Hauch, kamen dafür nun viele Kräfte der Feuerwehren im Umkreis Kleve zusammen.
Organisator ist Johannes Heer von der Landwirtschaftskammer. Er erklärt die Wichtigkeit des deutschlandweiten Verbundprojekts „Fokus Tierwohl“ so: Das Projekt wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gefördert und hat das Ziel, den Wissenstransfer in die Praxis zu verbessern, um Landwirte, Berater, Tierärzte und den vor- und nachgelagerten Bereich zukunftsfähig zu machen. Uns geht es um das Tierwohl, in diesem Seminar aber auch um den Selbstschutz der Feuerwehren. Einsätze, in denen große Tiere gerettet werden müssen, passieren immer öfter. Daher setzen wir uns dafür ein das Landwirte, Berater, Tierärzte und Feuerwehrleute in diesem Bereich geschult werden. Das Tierwohl steht im Vordergrund und die Teilnehmer sind dadurch auch sehr motiviert, an den Übungen mitzumachen.“
Aufgeteilt wird das Seminar in eine zweistündige Theoriephase mit anschließenden Übungen in Gruppen. „In der Theorie wird erst ausreichend dargestellt, wie man die Tiere nicht retten sollte und was man alles falsch machen kann. Dabei können sich die Tiere nämlich stark verletzen und müssen im schlimmsten Fall eingeschläfert werden, wenn das Rettungsgeschirr beispielsweise nicht korrekt angelegt wird“, wie Heer weiter erklärt.
Erst dann geht es an die korrekte rettungsweise, die an der authentischen 200 Kilogramm schweren Pferdepuppe namens „Sam“, in einer ländlichen Umgebung geübt wird. „Ideal sind Hänge und Gräben, Wasserläufe, Morast, Unterholz oder auch ein dichter Baumbestand“, beschreibt Übungsleiter Lutz Hauch, „man muss bei echten Einsätzen auch mit schwierigen Bedingungen zurechtkommen. Wir versuchen, die Übungen daher so authentisch wie möglich durchzuführen, und beziehen auch Faktoren wie hysterische Tierhalter und die Unruhe des Tiers selbst mit ein. Man kann die Stellung des Tieres und den Ort, wo es liegt, nie beeinflussen. Mit vielseitigen Übungen sind die Einsatzkräfte dann auf alles vorbereitet.“
Im Sinne des Tierwohls ist in realen Rettungssituationen und auch während der Übung ein Tierarzt vor Ort.
Das echte Tier würde vor der Rettung durch diesen Mediziner sediert und beruhigt werden. Eine Maßnahme, um zu gewährleisten, das auch die Retter immer sicher sind, schließlich wolle niemand von einem Rind, Pferd oder Esel getreten werden.
In einer Einsatzgruppe zur Großtierrettung gibt es immer einen Gruppenleiter, der Anweisungen gibt und Aufgaben verteilt, ein „Team am Tier“ und eine gerätebeauftragte Person, die alle Hilfsutensilien bereitlegt. Zur Rettung werden dann lange Gurte, Stangen und Tücher verwendet. Die Gurte werden mithilfe von Sägebewegungen unter das Tier gebracht und um den Körper gelegt.
Mit dem Tuch kann der Kopf des Tieres angehoben werden, um die Schonung des Tieres sicher zu stellen, wenn es bewegt wird. Typische Kommandos sind die sogenannten „Rückwärts-, Seitwärts-, Vorwärts- und Drehassistenten“. Diese beschreiben, in welche Richtung das Tier gezogen wird, um es aus seiner Lage zu befreien.
Die Einsatzkräfte die freiwillig an der Übung teilnehmen, schätzen die Möglichkeit sich weiterzubilden, und sehen die Wichtigkeit des Projekts „Fokus Tierwohl“.
So auch Sven Verfondern von der Feuerwehr Kleve: „Wenn man die Möglichkeit hat sich weiterzubilden, sollte man diese wahrnehmen. Es ist interessant etwas Neues zu lernen, das oft gebraucht wird. Leider ist die Großtierrettung kein Bestandteil der normalen Feuerwehr Ausbildung. Das macht es so wichtig. Oft genug wird man zu Einsätzen gerufen, wo niemand wirklich weiß, wie man ein großes Tier richtig rettet. Das ändert sich jetzt.“ Auch für die nächsten Jahre ist das Seminar zur technischen Großtierrettung seitens der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen geplant.
Jacqueline KurschatkeKräfte der Feuerwehr bei der Übung des „Drehassistenten“. Foto: J. Kurschatke