80 bis 90 Prozent der Erkrankten wissen nichts von ihrer Zöliakie. Auch sie profitieren von einer gesicherten glutenfreien Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen. Foto: Adobe Stock/ Galigrafiya, Halyna Vitiuk
11. März 2026 · Kerken

Glutenfreie Versorgung im öffentlichen Bereich sichern

Petition der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft fordert Hilfen für Betroffene in Kitas, Schulen und Heimen

NIEUKERK. Zöliakie betrifft als Autoimmunerkrankung etwa ein Prozent der deutschen Bevölkerung. Noch mehr Menschen sogar ohne das sie davon wissen. Betroffene müssen Gluten sowie dessen Hauptbestandteil Gliadin meiden, um chronische Entzündungen im Verdauungstrakt zu verhindern. Während Gefahren durch Lebensmittel zu Hause gut eliminierbar sind, fehlt häufig die Unterstützung öffentlicher Einrichtungen um auch in Kitas, Schulen oder Pflegeheimen eine glutenfreie Verpflegung sicherzustellen. Die Deutsche Zöliakie Gesellschaft wendet sich nun mit einer Petition an den Bundestag. Ziel: Fehlendes Verständnis und Angebote müssen ein Ende haben.

Für Corinna Heyer aus Nieukerk ist die Petition ein persönliches Anliegen. Bei ihrer Tochter Nora (4), brach die Erkrankung bereits früh, mit knapp zwei Jahren aus. „Wir hatten Glück, dass die Diagnose schnell, innerhalb von zwei Wochen gestellt werden konnte. Nora zeigte Symptome: Sie war weinerlich, hatte Verdauungsbeschwerden und verweigerte Essen und Trinken irgendwann ganz. Die Kinderärztin hat diese Symptome gleich ernst genommen und mitgedacht“, berichtet Heyer. Eine bestimmte Behandlung für Zöliakie oder Medikamente gibt es nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt gilt die Autoimmunerkrankung als unheilbar. Umso wichtiger steht die Ernährungsumstellung mit Verzicht auf glutenhaltige Produkte im Vordergrund. „Man musste sich einmal richtig informieren, danach hatten wir keine Probleme, uns umzustellen. Auch mein Mann und ich essen seitdem zu Hause glutenfrei. Wir wollten Nora einen sicheren Ort ermöglichen.“

Heyer betont: Eingeschränkt fühle sie sich zu Hause dadurch nie. „In unserem Kühlschrank befinden sich die gleichen Produkte wie bei anderen Familien. Es sind die Ersatzprodukte wie glutenfreies Brot oder Mehl, auf die man sich neu einstellen muss. Hier ist die Auswahl im Supermarkt immer noch vergleichsweise klein.“ Auch im Freundes- und Bekanntenkreis hätten sie bisher noch keine negativen Erfahrungen gemacht, auch wenn man viele Absprachen treffen müsse. „Ich möchte nicht, dass Nora das Gefühl hat, dass sie auf etwas verzichten muss. Anstelle von normalen Muffins beim Kindergeburtstag biete ich an, für alle Kinder glutenfreie Muffins zu backen. Die anderen Kinder stört es nicht und Nora weiß, sie darf die Muffins bedenkenlos essen. Das klappt gut.“ Das Problem, weiß Corinna Heyer, lege bei öffentlichen Einrichtungen. Aus diesem Grund unterstützt sie die Petition der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft: „Die Petition hilft, das Thema sichtbar zu machen. Die Herausforderungen liegen in der Spontanität bei Aktivitäten draußen, Restaurantbesuchen aber eben auch in der Kita, Schule und in Pflegeheimen. Betroffene Kinder und Senioren im Heim, können sich nicht selbst versorgen. Sie sind auf Rücksichtnahme angewiesen.“

Zudem sei ihr erst durch Noras Erkrankung bewusst geworden, was essen, auch für eine soziale Komponente habe. Zöliakiepatienten seien durch ihre Einschränkungen zunehmend von Ausgrenzung betroffen. „Niemand sollte ausgeschlossen werden, weil er sich anders ernähren muss. Zöliakie ist keine Entscheidung“, betont Corinna Heyer weiter. Doch es fehlt nicht nur an glutenfreien Angeboten. Auch Kontamination von Lebensmitteln muss verhindert werden. Bereits kleinste Mengen Gluten können für Betroffenen verheerende Folgen haben. So dürfen glutenfreie Produkte beispielsweise nicht mit Utensilien in Berührung kommen, die auch für glutenhaltige Lebensmittel verwendet werden. Das bezieht Besteck mit ein, genauso aber auch Arbeitsflächen, einen Ofen oder Geschirr. Auch gemeinsam gelagert werden sollten die Lebensmittel nicht. Um diese Maßnahmen – besonders in Industrieküchen öffentlicher Einrichtungen – durchzusetzen, braucht es Geld und Personal: Ressourcen die knapp sind. Dem ist sich auch Corinna Heyer bewusst: „Ich habe volles Verständnis dafür, dass in vielen Branchen Personalmangel herrscht, es an Ressourcen fehlt und aktuell andere politische Themen im Fokus stehen. Trotzdem ist die Aufmerksamkeit auf dieses Thema wichtig, um Wahrnehmung zu schaffen und gemeinsam über die Umsetzbarkeit nachzudenken.“

Derzeit läuft die Petition der DZG noch in Form von klassischem Unterschriftensammeln über den Postweg oder per Mail. Dazu finden Interessierte über die Homepage www.dzg-online.de eine PDF-Datei zum Download. Darauf werden Name, Anschrift sowie die Unterschrift eingetragen. Es können bis zu 15 Personen auf einem Zettel unterschreiben. Anschließend wird die Unterschriftenliste per Post oder E-Mail an die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft versandt. So sind bereits mehr als 100.000 Stimmen bei der Organisation eingegangen. In naher Zukunft wird außerdem eine Onlinepetition freigeschaltet. Heyer baut auf diese Möglichkeit: „Ich erhoffe mir durch die Onlinepetition eine noch größere Reichweite für das Thema und niedrigere Hemmschwellen zum Unterschreiben.“ So erkenne die Politik den Ernst der Lage, um den Alltag für Menschen mit Zöliakie zu erleichtern.

Nora lebt dank ihrer Ernährungsumstellung ein glückliches und beschwerdefreies Leben. Auch ihr Aufenthalt sowie die Mahlzeiten bei der Tagesmutter und in der Kita konnten durch persönliche Absprachen geregelt werden. 2027 kommt Nora in die Schule. Für Corinna Heyer bedeutet das, schon jetzt das Essensangebot der Schule zu erfragen und sich auf diese Zeit vorzubereiten.

80 bis 90 Prozent der Erkrankten wissen nichts von ihrer Zöliakie. Auch sie profitieren von einer gesicherten glutenfreien Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen. Foto: Adobe Stock/ Galigrafiya, Halyna Vitiuk