Dr. Wilhelm Schwarze auf der Feier zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 1982. Foto: privat
28. September 2024 · Alpen

Geschichten aus Alpen

Karl Hofmann erinnert an den ersten Träger des Ehrenrings Dr. med. Wilhelm Schwarze (1902-1989)

ALPEN. Zu den Jubiläumsfeierlichkeiten „900 Jahre Alpen“ im Jahr 1974 wurde erstmalig ein Ehrenring der Gemeinde Alpen gestaltet und verliehen. Zur damaligen Jubiläumsfeier am 28. September erhielten Dr. Wilhelm Schwarze und der Pfarrer im Ruhestand Gerhard Terhorst als erste den neu geschaffenen Ehrenring der Gemeinde Alpen. Aus diesem Anlass erinnert Karl Hofmann mit seiner Geschichte an Dr. Wilhelm Schwarze, vor allem als Mensch und Arzt.

Wilhelm Schwarze wurde am 13. September 1902 in Bochum in eine Handwerkerfamilie hineingeboren. Sein Abitur legte er im katholischen Internat der Franziskaner zu Dorsten ab. Im Anschluss studierte er zunächst Mathematik und Chemie in Gießen, schloss aber sein Arzt-Studium 1930 mit dem Physikum ab. Bereits ein Jahr später konnte er an der Universität Bonn sein Staatsexamen und die Promotion mit hervorragendem Ergebnis abschließen.

Dadurch erreichte er später eine hohe berufliche Anerkennung. Bereits zu Beginn seines Studiums in Gießen trat er der katholischen Studentenverbindung „Hasso Rhenania“ (Rhein-Hessen) bei. Eine prägende Zeit, wie sich zeigen sollte, denn das Motto der Verbindung lautete: „Neminem time, neminem laede! – Fürchte niemanden, verletze niemanden!“

Nach mehrjähriger Tätigkeit als Arzt und Chirurg am St. Johannis-Krankenhaus Duisburg ließ er sich 1938 erstmals als Arzt in Alpen nieder. Auch wurde er als Belegarzt und Chirurg an das Alpener Marien-Krankenhaus berufen. 1936 wurde er Mitglied beim Deutschen Roten Kreuz; in Alpen war er seit 1938, unterbrochen durch Krieg und Gefangenschaft, DRK-Bereitschaft-Arzt. Des Weiteren war er als Knappschafts-Vertragsarzt der Solvay Werk Borth (Rheinberg) tätig.

Er heiratete 1938 Luise Große-Wilde aus Bottrop-Eigen. Die Eheleute Schwarze hatten fünf Kinder, von denen vier während der Kriegszeit geboren wurden. Ein Sohn verstarb 1942 nur zwei Tage nach der Geburt. 1939, bereits zu Beginn des 2. Weltkrieges, wurde Wilhelm Schwarze zur Wehrmacht eingezogen. Er erhielt dort 1940 die Anerkennung zum Chirurgen bei gleichzeitiger Beförderung zum Oberstabsarzt. Gegen Ende des Krieges 1945 geriet er in russische Kriegsgefangenschaft, unter anderem, weil er als Arzt „seine Patienten“ nicht im Stich lassen wollte.

Infolgedessen kam er erst im September 1949 nach Alpen zurück. Noch im selben Jahr nahm er seine Tätigkeit als Landarzt sowie als Belegarzt am Alpener Marien-Krankenhaus wieder auf. Außerdem war er aktiver Reiter und Mitglied im Reiterverein St. Georg Alpen. Als langjähriges Mitglied des Pfarrgemeinderats der Katholischen Kirche St. Ulrich, Alpen, hat er das kirchliche Gemeindeleben mitgestaltet.

Dr. Wilhelm Schwarze verstarb am 18. September 1989 im Alter von 87 Jahren. Er wurde unter großer Teilnahme der Alpener Bevölkerung auf dem Friedhof in Alpen beigesetzt.

Starke Erinnerungen

In seiner Aufbereitung der Geschichte Schwarzes spielt auch Karl Hofmanns eigene Familiengeschichte eine Rolle. Dessen Vater diente von 1940 bis 1945 selbst in einer Infanteriedivision als Sanitätsobergefreiter. Er war dort als Kompanieschreiber eingesetzt, später auch als Krankenträger und war einer der „Gespann-Fahrer.“ Bei alldem hatte er viel mit den Ärzten der Sanitätskompanie zu tun, unter anderem mit Dr. Wilhelm Schwarze. Diesem sei er über die Kriegsjahre mehrfach begegnet. Hofmans Vater habe über Jahre hinweg in seiner Familie immer wieder beteuert, dass er ihm viel zu verdanken habe.

„Ob Zufall oder mehr? Genaueres bleibt durch die Kriegswirren bis heute verborgen“, sagt Karl Hofmann. „Jedoch will ich gerne glauben, was mein Vater Gutes über Dr. Schwarze berichtete. Dr. Schwarze behandelte nämlich nicht nur die eigenen, sondern auch verwundete russische Soldaten. Dabei hat er sich auch schon einige russische Worte merken können. ‚Dann wehte auf dem Hauptverbandplatz oder dem Feldlazarett die Fahne der Menschlichkeit‘, sagte mein Vater mehrfach - wohl auch aus Dankbarkeit dafür, dass Dr. Schwarze maßgeblich dazu beigetragen hatte, sein Leben zu retten.“ Bewundert habe sein Vater Schwarze auch wegen seines Mutes und seiner unerschütterlichen Ruhe.

Zeitzeugen blicken zurück

Auch der heutige Vorsitzende des DRK Ortsverband Alpen, Rüdiger Kunst, konnte Hofmann in einem Interview einiges über Wilhelm Schwarze berichten. So habe dieser noch Anfang der 1980er Jahre bei Kunsts eigener Sanitäter-Ausbildung Vorträge gehalten. Rüdiger Kunst erinnert sich „an die breite Sachkunde, die Dr. Schwarze dabei vermittelte, besonders was Vergiftungen und Verätzungen durch chemische Mittel betraf. Er war in jeder Verletzungs-Situation in der Lage, die notwendigen Sofortmaßnahmen zur Verletzungseinschätzung zu erläutern. Seine Vorträge waren nie langweilig und geprägt von praxisnahen Beschreibungen.“

Auch Tochter Hildegard und Enkelin Gerhild konnte Karl Hofmann befragen. „Beide bestätigten, dass ihr Vater bzw. Großvater sich von einem „christlichen Weltbild“ habe leiten lassen, dass ihm wie ein Kompass den einzuschlagenden Weg gewiesen habe“, sagt Hofmann. „Er war dabei Arzt im Sinne eines heilenden, aber auch mitfühlenden Menschen, der sich unermüdlich und bis zur Aufopferung für seine Patienten einsetzte. Mit großem Organisationsgeschick setzte er sich auch außerhalb des eigentlichen Berufs ein - ehrenamtlich, wie man heute sagt, durch seine Tätigkeit im DRK Ortsverband Alpen und darüber hinaus auch kreisweit“, heißt es in Hofmanns Geschichte weiter.

Auch seine eigenen Erinnerungen an Dr. Schwarze bringt er ein: „Meine erste starke Erinnerung an ihn war ein Hausbesuch im Jahr 1959, in dem ich mit vier Jahren an Scharlach sehr schwer erkrankte. Ich wurde nach eingehender Untersuchung, sozusagen ‚stehenden Fußes‘ von ihm selbst ins Krankenhaus zur Behandlung in Quarantäne nach Duisburg gefahren. Damals war Scharlach noch eine gefährliche und sehr ansteckende Krankheit. Meine Begegnungen mit Dr. Schwarze und die damit verbundenen Erinnerungen sind geprägt von Dankbarkeit und Achtung.“

Sein unermüdlicher, teils selbstloser Einsatz am Menschen sei begründet in seinem christlichen Menschenbild und habe Kraft und Mut zum Handeln erfordert – nie auszuweichen, selbst unter höchster Gefahr – das habe diesen Mann ausgezeichnet. Er sei als Arzt und als Mensch in der Alpener Bevölkerung beliebt und geachtet gewesen. Schon zu Lebzeiten erhielt er daher höchste Auszeichnungen und Ehrungen.

Dazu zählte 1965 in Würdigung seiner Verdienste die höchste Auszeichnung des DRK aus den Händen des Vorsitzenden des DRK-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen. Er erhielt das Ehrenkreuz des Deutschen Roten Kreuz „für seinen unermüdlichen Einsatz als Bereitschaftsarzt, den unzähligen Abenden und Wochenenden, an denen er DRK-Erste-Hilfe-Kurse in Alpen leitete, sowie den vielen Großübungen während seiner langjährigen Mitgliedschaft.“

Die Funktion des Alpener DRK-Bereitschaftsarztes übte Wilhelm Schwarze bis zu seinem 79. Geburtstag im Jahr 1981 aus. Nur ein Jahr später, anlässlich seines 80. Geburtstags, veranstaltete das DRK Alpen aus Dankbarkeit unter anderem einen Fackelzug durch Alpen zum Haus der Familie Schwarze. „Ein einmaliges Ereignis, bis heute!“, sagt Hofmann.

Weitere Auszeichnungen waren die Silberne Ehrennadel des Reiterverbandes Rheinland, das Bundesverdienstkreuz und natürlich der Ehrenring der Gemeinde Alpen.

Dr. Wilhelm Schwarze auf der Feier zu seinem 80. Geburtstag im Jahr 1982. Foto: privat