Das Haus Ingenray am Möhlendyck 22 in Pont, Tagung- und Begegnungsstätte des Historischen Vereins für Geldern und UmgegendFoto: Gerhard Seybert
12. September 2022 · Geldern

Fossa Eugeniana: Auf den Spuren einer Grenzlegende

Ausstellung des Kulturgeschichtlichen Museumsnetzwerkes Rhein-Maas im Haus Ingenray in Pont

NIEDERRHEIN. Menschen, die in jungen Jahren viel bewirkt haben und (zu) früh aus dem Leben scheiden, werden nicht selten zur Legende. Um Projekte, die nie vollendet werden, rankt sich häufig ein Mythos und beflügelt die Fantasie der Nachgeborenen.

So verhält es sich auch mit der Fossa Eugeniana, dem ambitionierten Bauprojekt, das im 17. Jahrhundert, zur Zeit des Spanisch-Niederländischen Kriegs (1568 bis 1648) vorsah, den Rhein mit der Maas zu verbinden. Im September 1626 begannen die Spanier mit der Errichtung eines etwa 50 Kilometer langen, von Rheinberg bis Venlo, vom Rhein bis zur Maas reichenden Stichkanals, der als Referenz der für ihre Frömmigkeit bekannten Infantin der spanischen Niederland, Isabella Clara Eugenia, offiziell den Namen Fossa Sanctae Mariae erhielt, zu der mehrere Tausend Arbeiter herangezogen wurden. Die Fossa (lateinisch für „Graben“) sollte die abtrünnigen niederländischen Provinzen von der Expansion nach Süden abhalten und den lukrativen Rheinhandel blockieren sowie den Spaniern perspektivisch über Antwerpen einen sicheren Weg zur Nordsee garantieren.

Erster Spartenstich 1626

Mehrere Trassenführungen standen zur Diskussion, unter anderen auch, dass der Rhein bei Arcen in die Maas „münden“ sollte. Schließlich entschied man sich, in Venlo die Verschmelzung der Flussläufe herzustellen. Wirtschaftliche Gründe gaben dafür den Ausschlag, da Venlo, Geldern sowie Rheinberg als Hauptanlieger und Nutznießer die Kosten des Baus tragen und im Gegenzug von den Einkünften aus den Zollabgaben der durchfahrenden Schiffe profitieren sollten. Am 21. September 1626 erfolgte der feierliche erste Spartenstich bei Rheinberg in Anwesenheit des Gouverneurs des Gelderlandes und späteren Oberbefehlshaber der spanischen Truppen in den Niederlanden, Graf Heinrich van den Bergh.

Die für die Zeit ungewöhnliche Ingenieurleistung sowie auch der Einsatz der zahlreichen Arbeiter, die mit Schaufeln, Spitzhacken und Schubkarren einen schiffbaren Kanal aushoben, Schanzen zum Schutz vor den Angreifern aus dem Norden anlegten und Schleusen bauten ist heutzutage nur schwer zu ermessen.

Darüber hinaus mussten sich die Menschen der bis dahin spärlich besiedelten Region mit den angeheuerten Arbeitern und Soldaten arrangieren. Es kam zu Plünderungen und Zerstörungen. Die Gelderländer bangten um Haus und Hof, um ihre Existenz, die Versorgung mit Lebensmitteln wurde problematisch. Dazu gab es regelmäßige Angriffe und Störmanöver der Staatischen niederländischen Truppen, worunter auch die Zivilbevölkerung zu leiden hatte.

Obwohl der Kanal soweit hergestellt war, dass er von Rheinberg bis Venlo befahrbar war und zur Versorgung der spanischen Soldaten diente, vollendet wurde er nie.

Nach zweijähriger Bauzeit überforderten die ständig steigenden Kosten die finanziellen Möglichkeiten der spanischen Krone, so dass die Grabungs- und Ausbauarbeiten zum Erliegen kamen. Spätestens nach der Eroberung der geostrategischen Fixpunkte Venlo und Rheinberg (1632/33) sowie ‚s-Hertogenboschs und Maastrichts durch die Generalstaaten hatte die nur teilvollendete Fossa jede wirtschaftliche und militärische Bedeutung verloren. Der später nach der in Brüssel residierenden Infantin Isabella Clara Eugenia benannte Kanal hinterließ aufgrund der massiven Erdarbeiten für Gräben und 24 Schanzen jedoch bis heute erkennbare Spuren in der Region.

Transporte von Menschen und Waren auf Flüssen hatten überragende Bedeutung, weil sie die schnellste und ökonomischste Verbindung an A nach B ermöglichten. Gegenüber den Landwegen, mit Pferd und Wagen auf unwegsamem Gelände, waren sie die Autobahnen der Zeit. Pläne für Kanalbauten gab es schon zu Römerzeit und zur „Franzosenzeit“ erlebte die Fossa eine kleine Renaissance. Napoleon trug sich kurzfristig mit dem Gedanken, sie wiederzubeleben, entschied sich dann aber 1806 für den Bau eines eigenen Kanals, des Nordkanals, der von Neuss nach Venlo führen sollte. Auch diese Baumaßnahme wurde 1810 aus politischen Gründen eingestellt.

Die Chronisten der Zeit, die Kupferstecher und Kartografen dokumentierten die Geschicke der Fossa, wenn auch meist ein wenig zeitversetzt und je nach politischer Ausrichtung oder Auftraggeber aus subjektiven Sichtweisen. Hervorzuheben sind hier die Arbeiten aus den Werkstätten der Kölner Hogenberg-Dynastie, die als protestantische Glaubensflüchtlinge im liberalen Kurköln Exil fanden, sowie auch die aus den Werkstätten der Amsterdamer Werkstätten Blaeu.

Die Fossa-Schau im Haus Ingenray in Pont, die am kommenden Samstag, 17. September, eröffnet und bis zum 17. Dezember zu sehen sein wird, präsentiert zum Teil nie zuvor gezeigte Exponate zum Bau der Fossa aus der Sammlung Stratmans und anderer Leihgeber, die anschaulich erläutert und in den geschichtlichen Kontext eingeordnet werden. Sie blickt von Geldern aus in Richtung Arcen auf den Kanal und macht regionale Historie greifbar.

Rahmenprogramm

Dazu wird ein Rahmenprogramm geboten, das am Samstag, 24. September, beginnt. Um 13.30 Uhr startet an diesem Samstag die Vier-Schanzen-Tournee in Geldern, eine rund dreistündige, geführte Fahrradtour querfeldein durch die Gelderner Heide zu vier Schanzen an der Fossa Eugeniana mit Dr. Wilfried Kleiböhmer. Treffpunkt ist am Parkplatz des Friedhofs Geldern. Die Strecke ist rund 25 Kilometer lang, ein gutes Trecking-Rad oder Mountainbike wird empfohlen. Um Anmeldung wird gebeten per E-Mail an wkleiboehmer@gmail.com. Der Kostenbeitrag beläuft sich auf fünf Euro pro Person, bei Regen findet die Tour nicht statt.

Am Montag, 25. September, 10 Uhr, wird eine Wanderung entlang der Fossa mit Geograph Wilfried Sieben und Gerd Halmanns, Vorsitzender des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend, angeboten. Treff punkt ist am Freibad in Walbeck, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Am Dienstag, 26. September, 19 Uhr, wird im Haus Ingenray in Pont ein öffentlicher Abendvortrag von Wolfgang Crom, Staatsbibliothek zu Berlin, zum Thema „Fossa Eugeniana – oder: Warum vermarkten Niederländer die Karte eines gescheiterten spanischen Bauvorhabens?“ Der Eintritt frei. Um Anmeldung wird gebeten per E-Mail an schroer@haus-ingenray.de oder per Telefon unter 02831/2690.
Das Projekt Fossa Eugeniana steht im Mittelpunkt ersten Ausstellung im Haus Ingenray im Rahmen des Themenjahres „Provinz – provinciaal?“ des Kulturgeschichtlichen Museumsnetzwerkes Rhein-Maas.

Das Projekt Fossa Eugeniana steht im Mittelpunkt ersten Ausstellung im Haus Ingenray im Rahmen des Themenjahres „Provinz – provinciaal?“ des Kulturgeschichtlichen Museumsnetzwerkes Rhein-Maas. Foto: Gerhard Seybert derpressefotogra

Das Haus Ingenray am Möhlendyck 22 in Pont, Tagung- und Begegnungsstätte des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend Foto: Gerhard Seybert