Ferienpark, 800-Jahr-Feier, ehemaliges Krankenhaus: Was Rees in den nächsten Jahren erwartet
Bürgermeister Sebastian Hense zieht im NN-Interview Bilanz, nennt Fortschritte und Baustellen und erklärt, welche Projekte für die Entwicklung von Rees besonders wichtig sind.
REES. Die 800-Jahr-Feier, der Ferienpark am Reeser Meer und die angespannte Haushaltslage: In Rees gibt es derzeit zahlreiche Themen, die Bürgermeister Sebastian Hense beschäftigen. Im NN-Interview spricht er über die Vorbereitungen auf das große Stadtjubiläum, die finanzielle Situation der Kommune und wichtige Projekte, die die Entwicklung von Rees in den kommenden Jahren prägen sollen. Dabei geht es auch um Chancen für Tourismus und Gastronomie, stockende Vorhaben und die Frage, wie sich der Zusammenhalt im Stadtgebiet weiter stärken lässt.
Herr Hense, die 800-Jahr-Feier ist seit Monaten ein allgegenwärtiges Thema in Rees. Wie groß ist bei Ihnen jetzt schon die Vorfreude, oder ist das Stadtjubiläum noch zu weit weg?
Sebastian Hense: Nein, es ist nicht zu weit weg. Die Vorfreude ist riesengroß. Wir hatten ja schon einige Veranstaltung, zum Beispiel den Countdown-Start. Dieser hat die Vorfreude noch mal vergrößert. Ich freue mich schon jetzt auf das Jahr 2028 mit einer besonderen Veranstaltung an fast jedem Wochenende. Die Vereine im Stadtgebiet und in den Dörfern haben sich bereits viele Gedanken dazu gemacht.
Wie angenehm ist es, über ein solches Thema zu sprechen, wenn gleichzeitig die schwierige Haushaltslage immer wieder thematisiert wird?
Hense: Natürlich wäre es noch schöner, wenn wir in guten Haushaltsjahren diese Planungen angehen dürften. Dennoch sind wir beim Jubiläum auf einem guten Weg, trotz der schlechten Haushaltslage. Wir nehmen das Thema Sponsoring intensiv in den Blick, und ich bin mir sicher, dass wir Wege finden, dass es ein tolles Jubiläumsjahr wird. Alle Dörfer und der Stadtkern werden eingebunden sein, es wird ein Fest von Reesern für Rees.
Die große Frage: „Was können wir uns noch leisten?“
Der Jahreswechsel war, bedingt durch die Haushaltsthematik, recht unruhig. Inzwischen scheinen sich die Wogen ein wenig geglättet zu haben.
Hense: Das Thema der schlechten Haushaltslage begleitet uns schon fast täglich. In der Verwaltungsarbeit schauen wir immer: Wo können wir noch Einsparungen vornehmen? Was wird dringend benötig? Allen voran steht aber auch die Frage: Was können wir uns noch leisten?
Damit steht Rees keineswegs allein da.
Hense: Es sind für alle Städte wirklich schwierige Zeiten. Die finanzstärkeren Jahre der Vergangenheit sind vorbei. Aber ich nehme war, dass das auch der Rat und die Öffentlichkeit erkannt haben – wichtiger noch, sie haben auch verstanden, was die Gründe dafür sind. Unser Plan ist es, dass wir nach der Sommerpause in die Haushaltsberatung für das Jahr 2027 gehen. Dann wird das Thema auch in der öffentlichen Wahrnehmung wieder Fahrt aufnehmen. Denn die Finanzlage der Kommunen ist bislang noch nicht besser geworden – im Gegenteil, sie wird vermutlich schlechter werden. Es gibt zwar Anzeichen, dass das Land zumindest verstanden hat, wie schlecht es den Kommunen geht. Unter anderem ist der Verbundsatz, also der Steueranteil, den die Kommunen bekommen, leicht angestiegen von 23 auf 23,5. Zur Wahrheit gehört, dass diese leichte Anpassung nicht ausreicht. Zumindest ist es ein Zeichen für eine neue Denkweise und war bis vor kurzem nicht zu erwarten. Insofern bin ich von diesem Schritt sehr positiv überrascht – aber mehr als ein Symbol ist es bisher nicht.
Bürgermeister Hense: Kommunen „strukturell unterfinanziert“
Die Bürger haben also verstanden haben, dass die schlechte Haushaltslage nicht darin begründet liegt, dass eine Kommune schlecht gewirtschaftet hätte, sondern dass es ein strukturelles Problem gibt, das weiter oben ansetzt?
Hense: Wir sind strukturell unterfinanziert. Das sagen die Kämmerer und auch die Bürgermeister schon seit einigen Jahren. Wir haben als Kreis Klever Zusammenschluss aller Bürgermeister dementsprechende Briefe geschickt, waren in Berlin und haben auch da immer wieder angebracht, dass wir strukturell unterfinanziert sind. Der Treiber der Ausgaben sind vor allem die großen Kosten im sozialen Bereich. Die Altersstruktur, die Pflegesituation, die wachsenden Kosten im Kindergartenbereich, die Sozialhilfe, das sind alles Dinge, die zu einer Explosion der Ausgaben haben, vor allem in den vergangenen zweieinhalb bis drei Jahren.
Wie sehr haben Sie sich angesichts dessen auf die Sommerpause gefreut? Hat man als Bürgermeister überhaupt eine echte Sommerpause?
Hense: Eine richtige Sommerpause gibt es für mich nicht. Wir schieben Anfragen für Gespräche, Treffen und Termine, die übers Jahr reinkommen, aber nicht zeitkritisch sind, gerne auf die „Sommerpause“. Rats- und Ausschusssitzungen finden dann nicht statt, und ich kann mir Zeit nehmen für diese Themen. Das ist aber überhaupt nicht schlimm: Der Job macht mir sehr viel Spaß, und deshalb bin ich durchaus bereit, auch deutlich mehr als zehn Stunden am Tag dafür aufzubringen. Als Bürgermeister lese ich an 365 Tagen im Jahr meine Mails.
Positive Nachrichten gibt es auch vom Reeser Meer. Dort schreiten die Arbeiten am Ferienpark offenbar gut voran.
Hense: Es tut sich dort gerade enorm viel: Die Häuser schießen quasi aus dem Boden, und auch die Verkäufe der nächsten Bauabschnitte laufen positiv. Marissa liegt im Zeitplan, die ersten Vermietungen sollen schon Ende diesen Jahres erfolgen, und weiterhin rechnet der Projektentwickler bis Ende 2029, Anfang 2030 mit der Gesamtfertigstellung.
Marissa Ferienpark in Rees ist „beeindruckend“
Der Wunsch nach einem Ferienpark am Reeser Meer besteht schon lange. Kommt es Ihnen manchmal noch ein wenig unwirklich vor, dass dieses Vorhaben nun realisiert wird?
Hense: Tatsächlich gibt es die Überlegungen für einen Ferienpark bereits seit 45 bis 50 Jahren. Aber bei mir überwiegt vor allem die Freude. Nachdem ich im April 2023 Bürgermeister geworden war, gab es noch mal ein wichtiges Gespräch und wichtige Verhandlungen mit allen Beteiligten. Als dieser gordische Knoten zerschlagen war, habe ich keine Sekunde daran gezweifelt, dass der Ferienpark umgesetzt wird. Deshalb freue ich mich einfach, dass es so gut vorwärts geht. Es ist beeindruckend, was dort entsteht, und man kann sich richtig vorstellen, was das für ein wunderschöner Ort wird, vor allem für Familien. Und genau das passt ja auch wunderbar zu unserer Stadt.
Was bedeutet dieser Ferienpark für Rees?
Hense: Er bedeutet für Rees und für die ganze Region einen großen Schritt in Richtung positive Entwicklung im Bereich Tourismus. Die Dimensionen sind riesengroß. Die Übernachtungszahlen des gesamten Kreises Kleve werden auf 150 Prozent erhöht, nur durch den Ferienpark. Also 50 Prozent der Übernachtungszahlen kommt noch mal drauf. Wir dürfen also eine große Gästezahl erwarten, die den Ferienpark besucht. Die besuchen nicht nur Rees und unsere Ortsteile, sondern auch Hamminkeln und Wesel, Xanten und Kalkar. Alle Städte, die beispielsweise im Umkreis einer angenehmen Fahrradtour mit einem E-Bike liegen, werden unmittelbar davon profitieren – in der Gastronomie, im Einzelhandel und in den Freizeitangeboten. Zudem entstehen rund um den Ferienpark neue Arbeitsplätze ganz unterschiedlicher Art. Mir fällt zu diesem Ferienpark, der auch noch ökologisch hochwertig angelegt ist, nichts Negatives ein. Es ist einfach eine tolle positive Entwicklung, und ich glaube, der eine oder andere aus der Region hat diese Energie, die da auf uns zukommt, noch nicht verstanden. Aber sie verstehen sie immer mehr.
Wie sieht es beim Niag- und Postgelände.
Hense: So positiv und freudig ich beim Ferienpark bin, so zäher ist es aktuell an anderen Stellen. In Sachen Niag-Gelände gibt es im Wesentlichen nichts Neues. Beim Postgelände sehen wir immerhin schon etwas Entwicklung: Der vollständige Rückbau zu einer baureifen Flächeist erfolgt. Der Bauhofbetrieb der Stadt Rees stellt hier zeitnah eine temporär nutzbare Fläche her. Das heißt, wir stellen auf einem Teilstück hin zur Straße Parkbänke auf und legen eine Wildblumenwiese an, dass es attraktiv aussieht. In Gesprächen mit dem Eigentümer wird aber deutlich, dass es noch dauern kann, bevor hier weitere Bautätigkeiten erfolgen. Durch den Abriss hat dieses Grundstück zumindest an Attraktivität gewonnen – auch für mögliche Investoren.
Abgeschlossen sind die Arbeiten am Busbahnhof.
Hense: Ja, es war ein langes Projekt, aber es hat sich gelohnt. Es ist ein toller Busbahnhof geworden, und ich habe bisher nur positive Rückmeldungen bekommen.
„Positive Zeichen“ beim ehemaligen Krankenhaus
Gibt es in Sachen ehemaliges Krankenhaus etwas Neues zu vermelden?
Hense: Als Stadt koordinieren wir hier. Wir haben den Bebauungsplan gemeinsan mit dem Projektentwickler sowie Eigentümer des Gebäudes auf den Weg gebracht. Noch vor kurzem hatten wir ein Gespräch hier im Rathaus mit allen Beteiligten. Der Investor wartet aktuell auf die konkreten Förderzusagen, hat uns aber sehr positive Zeichen gegeben. Er geht davon aus, dass es dort schneller losgehen könnte, als wir vielleicht erwarten – unter Umständen bereits Anfang nächsten Jahres. Dass wir einen Investor gefunden haben, der auch auf die städtebaulichen Fragestellungen immer sehr konstruktiv eingegangen ist, war wirklich ein Glücksgriff für uns.
Weniger reibungslos läuft es rund um den Spraypark am Stadtbad.
Hense: Das stimmt leider. Der Baukörper für den Schwimmclub und für die Gastronomie wird recht planungsgemäß gegen Ende August fertiggestellt sein. Damit können wir diese Teilbereiche auch eröffnen. Der Pächter für die Gastronomie bereitet seinen Betrieb gerade vor. Das ist die positive Seite. Die negative Seite ist, dass die Firma, die den Spraypark bauen wollte, leider in die Insolvenz gegangen ist. Deshalb müssen wir für diese Spezialbauten eine neue Ausschreibung machen – so verlangt es auch der Fördergeber. Daher werden sich der Bau und eine Eröffnung des Sprayparks sicherlich noch deutlich verschieben.
Auf welche positiven Entwicklungen der vergangenen Monate können Sie in Rees zurückblicken?
Hense: Da gibt es viele. Da sind natürlich, wie erwähnt, der Ferienpark, der Abriss der alten Post und die positiven Entwicklungen zum alten Krankenhaus. Dann haben wir den Bau des neuen Aldi-Gebäudes, der positive Effekte für uns als Stadt gebracht hat. Wir haben trotz der Finanzlage weiter Investitionen in unsere Schulgebäude getätigt. Wir haben tolle Anmeldezahlen an unseren weiterführenden Schulen. Und wir sind in einem super Austausch mit den Dörfern zur 800-Jahr-Feier.
Zusammenhalt im Reeser Stadtgebiet „noch größer geworden“
Letzteres scheint Ihnen besonders wichtig.
Hense: Stimmt. Ich bin bei allen Schützenfesten im Stadtgebiet unterwegs, und sie sind immer ein bisschen ein Spiegel der Gesellschaft. Mir ist aufgefallen, dass mittlerweile noch mehr Besuche untereinander stattfinden als früher. Ich merke, dass der Zusammenhalt im ganzen Stadtgebiet noch größer geworden ist und wird. Und die 800-Jahr-Feier wird sicherlich einen weiteren Teil dazu beitragen.
Gibt es auch Dinge, bei denen es stockt, die Sie dringend angehen möchten?
Hense: Ich würde mich freuen, wenn wir den Wohnungsbau stärken könnten. Ich glaube, dass wir im nächsten Jahr in Haldern vorwärtskommen werden und dass der Kampschultenhof in die Entwicklung gehen wird. Ich hoffe, dass auch die Erweiterung des Baugebiets „Am Rükenbuschfeld“ in Millingen weiter vorangeht. Natürlich bleiben wir in der Haushaltskonsolidierung dran und schauen auf jeden Cent, den wir ausgeben. Wir sind mit der kommunalen Wärmeplanung auf dem Weg und sind gerade dabei, eine Machbarkeitsstudie zum Quartierskonzept zu entwickeln. Weitere Themen sind Haus Aspel – da gibt es leider keine Neuigkeiten – und der Edeka-Markt in Millingen, auch ein Riesenthema.
Gibt es dort etwas Neues zu vermelden?
Hense: Für uns war es eine sehr negative Nachricht, dass der jetzige Betreiber dort Ende des Jahres schließt. Wir befinden uns in Gesprächen mit dem Eigentümer und Interessenten, sprechen aber auch aktiv potenzielle Nachfolger an. Der Eigentümer hat signalisiert, dass er daran interessiert ist, wieder einen Vollsortimenter zu finden, und dass er auch bereit ist, Mietlaufzeiten anzupassen und in den Standort zu investieren. Wir als Stadt sind bereit, unser kleines Grundstück, das wir gekauft haben, mit in die Gesamtüberlegung einzubringen. Am Ende muss aber eine Person oder ein Unternehmen gefunden werden, das dort die Investments tätigt. Dazu sind wir in intensiven Gesprächen.
Traum kommt der Wirklichkeit etwas näher
Wie sieht es denn mit Gesprächen in Sachen Steiger für Flusskreuzfahrtschiffe aus? Wenn es um Tourismus geht, wird dieser ja immer wieder thematisiert.
Hense: Diesen Traum habe ich weiterhin, und ich habe nach intensiven Gesprächen, die Jörn Franken und ich geführt haben, den Eindruck, dass dieser Traum der Wirklichkeit etwas näherkommt. Es gibt durchaus Interessenten aus dem weiten Umfeld, die erkennen, wie wunderschön Rees ist, und die ernsthaft darüber nachdenken, mit ihren Kreuzfahrtschiffen – eine Branche, die boomt – auch in Rees anzulegen. Dabei hat aber auch Priorität, dass unsere jetzige Schifffahrt weiterhin hier wie gewohnt verkehren kann.
Ein wesentlicher Aspekt im Zusammenhang mit Tourismus ist die Gastronomie.
Hense: Dazu haben wir gemeinsam mit dem Rat ein Ansiedlungsförderprogramm auf den Weg gebracht. Heißt: Wer mit einer neuen Gastronomie nach Rees kommt, kann sich bei uns für einen Investitionskostenzuschuss von maximal 20.000 Euro unter gewissen Rahmenbedingungen bewerben. Ich bin sehr froh, dass der Rat unserem Vorschlag gefolgt ist und uns die Möglichkeit gibt, zweimal diesen Betrag maximal auszuschütten. Beim Thema Ärzte hat dieser Investitionskostenzuschuss bereits zum Erfolg geführt, weshalb also nicht auch bei der Gastronomie?
Wie sehen diese Erfolge bei den Arztpraxen aus?
Hense: Ein großes Highlight im vergangenen Jahr war die MVZ-Campuspraxis mit Orthopädie und hausärztlicher Versorgung hier in Rees begrüßen konnten. Hinzu kommen zum Beispiel die Hausarztpraxen von Frau Hallepape und Frau Jansen sowie das Ärztehaus am Stadtgarten. Damit hat sich etwas sehr Positives hier in Rees entwickelt. Was mir ein wenig Sorge bereitet, ist die Frage: Was passiert durch die politischen Beschlüsse im Land und Bund im Bereich der medizinischen Versorgung? Welche Auswirkungen dies auf die Hausärzte haben wird, kann ich noch nicht genau überblicken; es wird sich zeigen.
Bürgermeister Sebastian Hense im Gespräch. Foto: Stadt Rees