Freuen sich auf die Premiere (v.l.): Peter Franke, Janis Krebbers, Sylvia Flegel, Katja Kleinebenne, Alina Hünnekes und Alexandra Ludzinski. NN-Foto: Rüdiger Dehnen
11. September 2026 · Kleve

Erste Hilfe auf der Theaterbühne

Drei Szenen gegen den sexuellen Missbrauch

KREIS KLEVE. Manchmal tun sich, auch wenn es paradox klingt, Freiräume auf, wenn Einschränkungen eintreten. Theater – das ist eine Welt der Umsetzung von Gefühlen in Bühnensituationen: Theater ist modulierte Wirklichkeit, die ohne Umwege ins Blut, ins Herz, ins Hirn geht. Die Klever Jugendkunstschule Theater im Fluss wird am 23. September um 16 Uhr eine Premiere spielen, zu der nicht einfach jeder kommen kann. Eingeladen sind Schulleiter von Grund- und Förderschulen. Das Thema des Stückes: „Die Sache mit dem Bauchgefühl“. Es geht um Prävention. Was können Kinder tun, wenn ihr Bauchgefühl ihnen sagt, dass etwas mit einer Situation nicht stimmt?

Auftraggeber für die drei Theaterszenen ist die Caritas. „Die Szenen greifen Situationen auf, die Kinder tatsächlich erleben können“, sagt Alexandra Ludzinski von der Caritas Geldern Kleve. Dabei gehe es um „behutsames Erzählen und den Fokus auf Lösungsmöglichkeiten“, so Ludzinksi.

Entwickelt wurden die Szenen von Schauspielenden beim Theater im Fluss. Janis Krebbers, künstlerisch-pädagogischer Leiter beim Theater im Fluss und ausgebildeter Theaterpädagoge: „Das Projekt ist für uns eine Herausforderung, denn zum einen spielen wir in den Szenen Kinder oder beispielsweise einen übergriffigen Stiefvater – zum anderen ging es beim Erstellen der Szenen um ein Gleichgewicht aus Realität und Behutsamkeit.“ Jede der drei Szenen, die in den Bereichen Familie, Sport und digitale Welt angesiedelt sind, soll Wirklichkeit abbilden ohne die Kinder zu schocken. In jeder Szene gibt es zwischendurch einen „Halt“. „Da bleibt das Bühnengeschehen quasi stehen und es geht darum, den Kindern Fragen zu stellen, wie es wohl weiter geht oder was man tun könnte“, erklärt Ludzinski. Das ist der Punkt, an dem die Fachleute eingreifen. Krebbers: „Das ist eine Aufgabe, die wir als Schauspieler nicht leisten können. Da braucht es die Experten.“

Geplant ist, das Projekt am 23. September vorzustellen. Danach kann das Stück von Schulen gebucht werden, sprich: Das Theater kommt in die Schulen. Eben hier liegt für die Theaterleute die Herausforderung. Janis Krebbers: „Wir können also nicht auf die Technik zugreifen, die uns im Theater zur Verfügung steht.“ Das sei einerseits eine Einschränkung, zwinge aber andererseits dazu, sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Nicht, dass Theater auf der Bühne nicht wesentlich sei – aber die Technik bietet andere Möglichkeiten der emotionalen Verstärkung.

„Die Sache mit dem Bauchgefühl“, heißt es in einem Pressetext, „erzählt drei Geschichten aus dem Lebensalltag von Kindern.“ Zusammen mit den Schauspielenden sowie den Fachberatenden sollen die Schüler Lösungswege erfahren und lernen, wo sie Unterstützung finden können.

Krebbers: „Für uns war es wichtig, dass wir nicht drei Szenen spielen und erst im Anschluss Gespräche mit den Schülern stattfinden.“ Daher das Konzept mit den Unterbrechungen, die im eigentlichen Sinn keine Unterbrechungen sind, sondern Übertragung des Gesehenen in die Lebenswirklichkeiten der Kinder. Ludzinski: „Wenn man sich klarmacht, dass sich statistisch gesehen in einer Klasse mit 30 Schülern zwei Opfer befinden, dann zeigt es, wie wichtig ein sensibler Umgang mit dem Thema ist.“

Wie wichtig neben der Beratung vor allem die Prävention sei, zeigten, so heißt es im Begleittext, aktuelle Zahlen des Bundeskriminalamts. „Demnach wurden im vergangenen Jahr bundesweit 17.126 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern registriert. So viele wie nie zuvor.“ Logischerweise ist das Dunkelfeld – die Zahl von Missbräuchen also, die nicht gemeldet werden, höher.

Das Projekt stellt also einen wichtigen Baustein der Prävention dar. Den Kindern werden „Werkzeuge zur Beurteilung“ an die Hand gegeben. Auch zum „Gepäck“ gehört eine Postkarte. Die Botschaft: „Du bist wichtig.“ Dazu die Andeutung eines Handlungskonzepts: „Manchmal sagt dein Bauchgefühl: Irgendwas stimmt nicht. Vertrau deinem Gefühl. Du darfst Nein sagen. Du musst nichts allein aushalten. Du bist nicht schuld. Es gibt Erwachsene, die dir zuhören und helfen.“ Mit dem Konzept aus Theaterstück und Gespräch findet also Erste Hilfe im Theater statt. „Allein die Fachberatungsstelle Kleve begleitete im vergangenen Jahr 77 Kinder und Jugendliche, darunter 53 Mädchen und 24 Jungen“, heißt es im Begleittext zum Pojekt.

Möglich wurde „Die Sache mit dem Bauchgefühl“ durch eine 80-Prozent-Beteiligung des Landes und eine 20-Prozent-Beteiligung der Kommunen des Kreises Kleve. Die Produktion des Stückes wurde außerdem durch eine 3.200-Euro-Spende der Zevens Stiftung. Zielgruppe für das Theaterprojekt sind die 3. und 4. Klassen. Gebucht werden können die Aufführungen über die Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt der Caritas Kleve (02821/7209300) und Geldern-Kevelaer (02831/9102306). Pro Aufführung entstehen Kosten von 250 Euro - dazu kommen Fahrtkosten. Vorgesehen sind die Aufführungen für maximal zwei Klassen mit je 25 bis 30 Kindern.

Freuen sich auf die Premiere (v.l.): Peter Franke, Janis Krebbers, Sylvia Flegel, Katja Kleinebenne, Alina Hünnekes und Alexandra Ludzinski. NN-Foto: Rüdiger Dehnen