Friedhelm Kahm mit dem Köhler- Manuskript von „Ihr lieben Mehrer!“ NN-Foto: HF
9. Februar 2026 · Kranenburg

Erinnerungen an ein Dorf

„Ihr lieben Mehrer!“ Ein Mann, der als Junge in Mehr lebte, blickt zurück

MEHR. Geschichte passiert, aber wenn sie nicht erzählt wird, verschwindet sie und wird zum diffusen Zeitennebel. Geschichte: Da steht das Erzählen auf der einen Seite dem Einordnen auf der anderen Seite gegenüber. Im Kranenburger Ortsteil Mehr muss man sich um die Geschichtsschreibung nicht sorgen. Keine Geschichtsschreibung ohne Geschichtsschreiber. Zu nennen wären Johannes van Lier und Friedhelm Kahm. Um ihn soll es hier gehen.

Spannend wird Geschichte immer dann, wenn Schätze zu heben sind – wenn ein Geschichtsschreiber auf einen seiner Vorgänger trifft: wenn also Zeitreisen ihren Anfang nehmen. Für die Mehrer Bevölkerung dürfte die „Postille“ (soeben ist die achte Ausgabe erschienen) längst zum festen Begriff geworden sein. Hauptsächlich verantwortlich: Friedhelm Kahm. Er ist der Mastermind hinter den Veröffentlichungen, die mit Unterstützung des Vereins „Mehr Miteinander“ kostenlos an alle im Dorf verteilt werden.

Als Friedhelm Kahm in die Vorbereitung für die 8. Ausgabe einstieg, war das Ziel, etwas über eine Schreinerei zu erzählen. Es ist die Schreinerei Vervoorts. Sie liegt gewissermaßen im Schatten der Dorfkirche. Kahm begann mit der Recherche und bekam ein rund 60-seitiges Skript in die Hand – geschrieben von einem, der einen Teil seiner Jugend (die Jahre 1930 bis 1936) in Mehr verbrachte, dann mit seinen Eltern wegzog und im Alter seine Erinnerungen an das Dorf in der Düffel aufschrieb: 60 eng betippte Seiten auf dünnem Luftpostpapier. 60 Seiten konservierte Vergangenheit.

Kahm hat ein Wort für diesen Fund: Er nennt, was dort unter dem Titel „Ihr lieben Mehrer!“ geschrieben stand, einen Schatz. Aufgeschrieben wurde „Ihr lieben Mehrer!“ von Erich Köhler (1921-1992). Kahm: „Es ist erstaunlich, mit welcher Präzision Köhler sich an Einzelheiten in Mehr erinnert, obwohl er seine Erlebnisse erst Jahrzehnte später aufgeschrieben hat“, sagt Kahm. Er hat das Manuskript Seite für Seite durchgearbeitet. Für die Veröffentlichung hat er – zusammen mit Ulrike Körner-Schoop – Änderungen im Satzbau und bei der Interpunktion vorgenommen. „Köhler schreibt häufig unglaublich lange Sätze und viele davon enden mit einem Ausrufzeichen.“ Kahm sah Änderungsbedarf, legt aber Wert auf die Feststellung: „Am Stil und der Erzählweise habe ich nichts geändert. Der Köhler-Sprech ist erhalten geblieben.“

Auf die Frage nach den Themen, die in „Ihr lieben Mehrer!“ auftauchen, zeigt Kahm die Rückseite der Veröffentlichung. Dort finden sich Stichworte wie Kirche, Veränderungen im beginnenden Nationalsozialismus, Freizeit und Schule, Sprache und Dialekt, Handwerker, Infrastruktur, Festtage und Umgang mit Krankheiten. Immer wieder spricht Kahm von einer „Zeitkapsel“ und er spricht davon, dass er jetzt anders durch sein Dorf gehe, „weil ich vieles jetzt anders sehe“.

Taucht in Köhlers Erinnerungen einzig Mehr auf? Kahm: „Ganz und gar nicht. Köhler erzählt auch von Kleve, denn dort erhielt er als Junge Violinunterricht und so tauchen auch viele Eindrücke aus Kleve auf.“

„Ihr lieben Mehrer!“ ist also eine Zeitreise im mehrfachen Sinn. Da ist zum einen der Autor, der seine Kindheit schreibend zurückerobert, aber da ist dann auch Kahm, der all das aufbereitet und – nicht unwichtig – mit Bildern anreichert; Bilder, die auch den jungen und den alten Köhler zeigen. Immer wieder findet sich auch die Beschreibung politischer Veränderungen. Immer wieder also werden Fenster in eine andere Zeit geöffnet – es ist eine Zeit, die irgendwie fremdbekannt daherkommt. Eine Zeit, die – ganz am Rande nur und irgendwie vernebelt – den manchmal traurigen Beweis antritt, dass Geschichte in ihren Grundzügen und -mustern menschliches Verhalten abbildet und also wiederholt. Wer an Zeitreisen interessiert ist, sollte „Ihr lieben Mehrer!“ lesen. Kahm über Köhlers Text: „Uns ist ein vollständiges Bild des Dorflebens aus der Zeit zwischen den Weltkriegen überliefert. Was Köhler als Kind erlebte, hat er als Pensionär erzählt.“ Manchmal sei das auch ein irgendwie melancholischer verklärter Rückblick. „Nur an wenigen Stellen sind Köhlers Erinnerungen ungenau“, heißt es auf der letzten Seite. Dort erfährt man auch, das der eingangs erwähnte Johannes van Lier bereits 2017 Erich Köhlers Erinnerungen als Quelle für sein Buch „Mehr – Heimat mit Geschichte“ nutzte. Erich Köhler erklärte auch: „Ich bin kein Schriftsteller. Bitte das zu berücksichtigen. Wenn dieses oder jenes nicht ganz exakt ist – ich bin Amateur. Es hat mir Freude gemacht, in Erinnerung zu leben. Ich sah alles noch einmal vor meinen Augen, so wie es damals war und so wie ich es heute sehe.“ „Ihr Lieben Mehrer!“ liegt nun in zwei Varianten vor: Die Softcover-Version (zehn Euro) und die Hardcover-Version (15 Euro). Die offizielle Vorstellung von „Ihr lieben Mehrer!“ findet am Sonntag, 22. Februar, um 10 Uhr in der „Alten Schule“ in Mehr statt.

Friedhelm Kahm mit dem Köhler- Manuskript von „Ihr lieben Mehrer!“ NN-Foto: HF