"Schüler lernen am Segelflugzeug: praktische Flugvorbereitung und Handling-Training"
1. Oktober 2026 · Emmerich

Emmericher Schüler entdecken das Segelfliegen

Projektwoche soll Jugendlichen zu mehr Selbstwirksamkeit verhelfen

EMMERICH. Die Gesamtschule Emmerich legt mit einem neuen Konzept Wert darauf, ihre Schüler ganz individuell zu bestärken. Sie sollen sich trauen, Dinge auszuprobieren, herausfinden wo ihre persönlichen Ängste liegen und versuchen diese zu überwinden. Ein Weg zu mehr Selbstwirksamkeit. Eine „Heldenreise“. Verschiedene Aktionen sind dafür das Schuljahr über geplant. Gestartet wurde mit Projekttagen auf dem Emmericher Segelflugplatz.

Die Jahrgangsstufe 8 ist eine Besondere, wie Schulleiterin Kristin Pohl beschreibt. „Die Schüler aus den achten Klassen befinden sich in einer Zwischenphase. Sie sind einerseits noch sehr auf ihre Eltern angewiesen, fangen gleichzeitig aber schon an eigene Entscheidungen zu treffen. Wir wollen das fördern und die Schüler animieren, über sich hinaus zu wachsen.“ Wie stellt man sich eigentlich seinen Ängsten? Und was passiert, wenn einem das gelingt? Alles Fragen, die auf dem Segelflugplatz deutlich sichtbar in den Köpfen der Jugendlichen herumschwirren. „Jeder sollte die Möglichkeit haben zu fliegen. Damit sie das Gefühl erleben, sich etwas nicht zu trauen und es dann doch zu tun. Und das klappt schon sehr gut“, sagt Pohl weiter. Jede Klasse verbrachte einen Tag mit den Segelfliegern. Eltern durften zwar entscheiden, ob sie ihren Kindern einen Flug zumuten und eine Einverständniserklärung unterschreiben, das letzte Wort lag dann aber bei den Schülern selbst. Das Ziel der Lehrkräfte zu mehr Selbstwirksamkeit der Jugendlichen beizutragen, scheint Früchte zu tragen. „Am Anfang dachte ich, wenn die Hälfte aller Schüler fliegen, wäre das schon gut. Gehofft hatte ich auf dreiviertel. Nun sind es fast 95 Prozent der Jugendlichen, die in der Luft waren“, zieht Pohl Bilanz und ist sichtlich Stolz. Es herrsche eine allgemein spürbare Lethargie unter den Schülern. Keine Lust mehr, Dinge auszuprobieren. Durch das Konzept der „Heldenreise“, kämen sie „wieder ins Schaffen“.

"Segelflugverein-Mitglieder unterstützen Schüler bei aufregendem Flugerlebnis"

Die Mitglieder des Segelflugvereins helfen dabei, den Schülern einen ereignisreichen Tag zu bescheren. Foto: NN/ J. Kurschatke

Jan Plorin ist Vorsitzender des Segelflugvereins und hat die Jugendlichen über die Aktionswoche begleitet. Ein wichtiger Bestandteil war die theoretische Vorbereitung: „Wir starten mit den Schülern gegen 9 Uhr mit einer Theoriestunde, wo sie alles über die Sicherheitsmaßnahmen auf dem Flugplatz und was beim Fliegen passiert. Wenn man sich gut vorbereitet und Hintergründe kennt, braucht man keine Angst haben.“ Vereinsmitglied und Fluglehrer Marius Plückthun bringt die Schüler nach und nach in die Luft und weiß genau, wie man mit ängstlicheren Kandidaten umgehen muss. Er ergänzt: „Die Angst können wir niemandem nehmen. Das ist ganz normal. Aber wenn man jeden Schritt erklärt, hilft das meistens sehr. Man muss einfühlsam sein und beruhigend auf die Person einwirken.“ Und jeder Schüler dürfe sich das Segelflugzeug vor dem Flug noch einmal genau ansehen, Probesitzen und sich dann entscheiden. „Niemand wird gezwungen. Wir versuchen, zu vermitteln, dass es vollkommen in Ordnung ist nach sorgfältiger Überlegung Nein zu sagen. Die meisten trauen sich aber doch, wenn sie es sich ein paar Mal von außen angesehen haben und dann motivieren auch die Freunde, die schon geflogen sind“, erläutert Plorin.

Geflogen wird, bis alle die wollen, einmal in der Luft waren. Je nach Wetter mit Temperatur, Luftdruck und Wind, dauert der Flug unterschiedlich lang. „Vor einigen Tagen konnten wir 15 bis 20 Minuten in der Luft bleiben und sind auch über Praest oder Hüthum geflogen. Heute [am vorletzten Flugtag] ging das nicht. Da dauern die Flüge etwa acht bis zwölf Minuten und wir bleiben über dem Stadtkern“, so Plorin weiter. Gesehen haben die Schüler aber so oder so viel. Das Naturschutzgebiet rund um den Flugplatz, die Innenstadt, die Gesamtschule sowie in vielen Fällen das eigene Zuhause. Wer gerade nicht in der Luft ist, kann neben der Flugbahn Ball spielen oder mit anpacken. Etwa beim Aufrüsten der Flugzeuge helfen, mit vereinten Kräften das Flugzeug in die richtige Startposition schieben und die Startwinde mit dazugehörigen Seilen kennenlernen. Nicht zu vergessen: Auch Start und Landung sind interessant zu beobachten.

Fliegen macht Freude

Die Schüler bestätigen das, was man ihnen ansieht. Freude darüber, über ihren Schatten gesprungen zu sein. Fynn berichtet, er habe Höhenangst, würde aber ohne Zweifel noch einmal mitfliegen. Er ist einer der Schüler, die vorher noch nie in irgendeiner Form geflogen seien, was die Hürde noch einmal größer macht. „Ich wollte erst nicht, habe mich dann aber umentschieden“, betont er. Mitschüler Ali checkt vor seinem Flug noch einmal den richtigen Sitz vorne im Flugzeug, wirkt nervös. Doch auch bei ihm ist die Erleichterung und Freude am Ende groß. „Der Flug war sehr gut. Ich hatte erst großen Respekt davor, aber dann hat es spaß gemacht“, berichtet er. Ein paar Schüler hätten sogar schon angefragt, wie es mit einer Mitgliedschaft im Verein aussehe. Die Segelflieger freuen sich über neuen Nachwuchs. Interessierte sind eingeladen, an einem Wochenende zum Flugplatz zu kommen. Einen Schnupperflug könne man dann einrichten, betont Jan Plorin.

"Ali nach Flug mit Fluglehrer Marius Plückthun, strahlend vor Freude, nachdem er seine Angst überwunden hat"

Schüler Ali und Fluglehrer Marius Plückthun: Nach dem Flug wird Ali von seiner anfänglichen Angst nur noch Freude übrig haben. Foto: NN/ J. Kurschatke

Die Segelflugwoche ist die erste von insgesamt drei Aktionen im Schuljahr die unter dem Motto „Deine Heldenreise“ stehen. Mitte Oktober geht es weiter mit einer Erprobungswoche, bei der die Schüler als Klasse Aufgaben bewältigen, ihre Stärken entdecken und Verantwortung übernehmen sollen. Die dritte Stufe „Wachsen“ findet dann vor den Sommerferien im nächsten Jahr statt. Dabei sollen die Schüler ihre eigenen Herausforderungen planen und wie sie diese überwinden können. Eine aktive Reflexion und außerhalb der eigenen Gewohnheiten handeln, ist das Ziel.

"Zwei Schüler fliegen mit Fluglehrern über Emmerich, Luftaufnahme, Flugtraining, Stadtansicht"

Zwei Schüler gleichzeitig erleben mit ihren Fluglehrern Emmerich von oben. Foto: NN/ J. Kurschatke

Wenn die Schüler nicht fliegen, packen sie aktiv mit an und lernen alles über den Umgang mit einem Segelflugzeug.