"Lasse Fankhänel glücklich am Ziel nach dreitägiger Reise, lächelnd, mit NN-Foto von Rüdiger Dehnen"
28. September 2026 · Kleve

Einmal Basel-Kleve, einfache Fahrt

Lasse Fankhänel hat einen Ausflug gemacht ...

KLEVE. Die einen laufen einen (Halb)Marathon – andere setzen sich in Hamburg nach Freitagsschulschluss in einen ICE und fahren nach Basel. Echt jetzt? Nun ja – der wichtigere Teil der Information fehlt noch.

Lasse Fankhänel ist einer von den anderen. Im wirklichen Leben ist der 47-Jährige stellvertretender Schulleiter (Fächerkombi: Musik, Erdkunde) am Städtischen Gymnasium „Bismarckschule” in Elmshorn. Hier allerdings ist von etwas anderem zu berichten. Es geht um den Teil von Fankhänels Reise, der nach der Ankunft in Basel begann. Ankunft – siehe oben – freitags; Abfahrt am Samstagmorgen. Das Ziel: die Klever Schwanenburg. Das Arbeitsgerät: ein Gravel-Bike – bio, versteht sich, sprich: Der Mann tritt ohne Akku an. Mit dem Auto würde die Fahrt – sagt ein Internetstreckenplaner – rund sechs Stunden und 25 Minuten dauern. Setzt sich einer aufs Rad, misst die Strecke, je nach Routenführung, 750 bis 827 Kilometer.

Kleve, Schlossstraße: Es ist Montag. Vor vier Tage ist Fankhänel in Hamburg in den ICE Richtung Basel gestiegen. Es ist 15 Uhr. Gegen 15 Uhr soll Fankhänel in Kleve eintreffen. Echt jetzt? Jau! Es wird dann einen Tick später. Gegen 15.40 Uhr biegt Fankhänel auf die Zielgerade. Das, was er „eine Challenge” nennt, ist beendet. Der Mann wird erwartet: Lara Hahlen von der „Wirtschaft, Tourismus & Marketing der Stadt Kleve” (WTM) wartet zusammen mit dem NN-Fotograf und dem Schreiber dieser Zeilen. Fankhänel – eigentlich sein Rad – ist mit einem GPS-Tracker versehen. Der Mann ist also zu orten. Irgendwann biegen zwei Radfahrer auf die Schlossstraße ein und werden erst einmal fotografiert. Und während Fankhänel erste Frage beantwortet, reicht ihm Frank Sparenberg ein mittelkühles Dosenbier.

Zeit für Zahlen: 70 Starter haben sich am Samstag auf die Strecke begeben. Sparenberg: „Rund 40 Prozent werden das Ziel nicht erreichen.” Fankhänel jedenfalls ist der Erste, der Kleve erreicht. Der Mann ist bei bester Laune und sieht irgendwiesogarnicht aus wie einer, der drei Tage auf dem Rad verbracht hat. „Am ersten Tag habe ich 352 Kilometer in 15 Stunden und 31 Minuten geschafft, gestern waren es 305 Kilometer in 16 Stunden und 41 Minuten.” Und heute? „Heute waren es 172 Kilometer in sieben Stunden und 47 Minuten.” Da klingt der letzte Tag fast schon nach einem Wohlfühlprogramm. Reporter dürfen uncharmant fragen: „Wie alt sind Sie?” Fankhänel ist einer mit Humor: „Eigentlich 47, aber irgendwie fühle ich mich jetzt ein halbes Jahr älter.” Von der „Challenge” hat Fankhänel im Internet erfahren – auf dotwatcher.cc. Für ihn ist es die zweite Teilnahme. Im letzten Jahr hieß die Strecke: Wien – Berlin. Auch nicht schlecht. Fankhänell erklärt, dass die Challenge unsupported” ist. Heißt: Man ist allein unterwegs, bestimmt das Pensum selbst und muss dementsprechend sehen, wo man abends bleibt. „Die letzte Nacht habe ich auf einem Spielplatz verbracht”, sagt er. Kann passieren. In solchen Fällen helfen Isomatte und Schlafsack. Aber natürlich darf es auch ruhig ein Bett in einem Hotel sein.

Zeit, Tim Sparenberg ins Spiel zu bringen. Sparenberg hatte sich mailtechnisch bemerkbar gemacht: „Über 130 Jahre später: Grevett nimmt die Distanzradfahrt Basel–Kleve wieder auf: Ab Samstag, 26. September, sind Fahrer:innen 827 Kilometer von Basel bis nach Kleve unterwegs — einzeln, unsupported, verteilt über mehrere Tage und Nächte. Ziel ist die Schwanenburg. Am Samstag, 26. September, starten in Basel die Teilnehmer:innen der Distanzradfahrt Basel–Kleve: 827 Kilometer, größtenteils entlang des Rheins, in Eigenregie und ohne Begleitfahrzeug. Ziel ist die Schwanenburg in Kleve. In diesem Jahr sind rund 70 Fahrer:innen unterwegs, viele aus dem europäischen Ausland, aber auch aus der Region Kleve und den angrenzenden Niederlanden — für einige von ihnen quasi eine Heimfahrt. Es gibt keine gemeinsame Ankunft, kein Zielband, keine Zeitnahme — die Fahrer:innen kommen einzeln an, mit GPS-Navigation, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Verbindung wurde bereits 1894 zum ersten Mal gefahren, damals als Rennen mit Sieger und Zeit, auf einer eigenen Streckenführung zwischen denselben Start- und Zielorten. Der 19-jährige Fritz Opel gewann nach 27 Stunden und 50 Minuten — entschieden im Sprint um Sekunden, knapp vor Sorge. Von der Erschöpfung dieser Fahrt erzählt ein Teilnehmer der Distanzfahrten jener Jahre so: 'Da ich sehr von Trockenheit im Mund zu leiden habe, fange ich an, Stroh zu kauen. Doch steht mir solches bald nicht mehr zur Verfügung; nun muss die rechte Spitze meines Schnurrbartes herhalten.' Der Empfang in Kleve war damals ein Ereignis für die ganze Stadt: Häuser mit Girlanden und Fahnen geschmückt, Böllerschüsse kündigten die ankommenden Fahrer an, Straßen und Plätze füllten sich mit Zuschauer:innen. Das Rennen wurde 1894 begründet — neun Jahre vor der ersten Tour de France — und fand bis in die 1930er Jahre jährlich statt; es zählte zu den bekanntesten Langstreckenfahrten im deutschsprachigen Raum. Danach verschwand die Fahrt für Jahrzehnte aus dem Veranstaltungskalender.”

Jetzt also: die Wiederbelebung mit anderen Mitteln. Sparenberg nennt das Ganze „ein Statement fürs Radfahren". Irgendwie a bisserl weniger spektakulär als anno dunnemals, aber schon jetzt scheint festzustehen, dass es 2027 wieder von Basel nach Kleve gehen wird. Und Fankhänel? Der hat für die Rückreise nach Hamburg schon einen Zug gebucht. Vielleicht muss man ihm noch sagen, dass er vielleicht das erste Stück mit dem Rad fahren muss. Die Verbindungen wackeln zuweilen. Erwird’ss überleben. Zur Not erst mal mit dem Rad von Kleve nach Emmerich: das nennt man einen Klacks.

Um 16.54 Uhr hätte der Reporter dann doch noch eine Frage an den Radler. Anruf bei Tim Sparenberg. „Ich bräuchte mal die Nummer von Herrn Fankhänel. Wo ist der in Kleve untergekommen?“ „Der sitzt schon wieder im Zug. Ich schicke Ihnen mal die Nummer.“ Whatsapp an den Rückreisenden: Worauf freut man sich am meisten, während man unterwegs ist? Antwort: „Das Bett ist einfach immer ein schöner Gedanke, das beste sind aber Momente eines mühelosen Flows, wo man quasi eins mit der Umwelt wird, für dieses Gefühl mache ich das.”

Lasse Fankhänel ist nach drei Tagen am Ziel – gut gelaunt und „um ein halbes Jahr gealtert“. NN-Foto: Rüdiger Dehnen