Einblick in den Cannabis-Club
Vertreter des „Cannabis Social Club Emmerich“ erläutern die Ziele des Vereins
EMMERICH. Die Cannabis-Teillegalisierung vom 1. April 2024 wird sichtbarer im Alltag. Ein Beispiel ist Emmerich: Nach zweijähriger Vorbereitung ist hier seit Februar der Verein „Cannabis Social Club Emmerich“ (CSC) aktiv. Der Vorstandsvorsitzende Emiliano Mustafa und Schatzmeister Jonas Frantzen klären auf, was genau dahintersteckt, welche Ziele der Club verfolgt und wie sie geläufige Vorurteile bewerten.
Der CSC liegt auf der Hühnerstraße etwas im Verborgenen: Nur das mit den Initialen versehene Neonschild weist den Weg. „Wir dürfen nicht so sehr auf uns aufmerksam machen, deshalb ist es hier ein bisschen versteckt“, erklärt Emiliano Mustafa. Einmal in der Abgabestelle angekommen, sieht man freundliche Räumlichkeiten, aufgeräumt und sauber – auf den ersten Blick schon einmal weit entfernt vom klischeehaften Bild der „Kifferhöhle“. Genau das sei der Club nämlich nicht, betonten Mustafa und Jonas Frantzen.
Sie und 13 weitere Mitstreiter sind die ersten gewesen, die 2024 einen Antrag in Düsseldorf auf Clubgründung gestellt hatten. „Wir wollten aber kein Geld nehmen, bevor wir nicht auch eine Leistung dafür bieten können“, kommentiert Frantzen den Grund für die verspätete Eröffnung. Seit dem Start ist der CSC in kürzester Zeit auf 270 Mitglieder gewachsen – die kommen nicht nur aus Emmerich, sondern auch aus Kommunen wie Kranenburg, Rees, Weeze, Wesel oder sogar dem Ruhrgebiet
Das Konzept
Aber was genau ist jetzt der CSC? Emiliano Mustafa erläutert: „Cannabis-Clubs können bis zu 500 Mitglieder haben. Diese produzieren gemeinschaftlich Cannabis und geben es ab.“ Dafür hat der CSC eine gemeinschaftliche Anbaufläche gemietet, auf der jedes Mitglied nach seinen Möglichkeiten ehrenamtlich einen Beitrag leistet. Dafür darf sich jedes Mitglied pro Monat 50 Gramm (maximal 25 Gramm am Tag) in der Abgabestelle abholen. Der für dieses Rohmaterial – verarbeitete Ware bekommt man nicht – zu entrichtende Preis dient zwar keinem Gewinn, soll jedoch die Selbsterhaltungskosten für die Produktion decken. Hinzu kommt ein kleiner Mitgliederbeitrag pro Monat. Ein gemeinschaftlicher Konsum findet – so wie vom Gesetzgeber gewollt – im Club nicht statt. „Wir bieten auch Kurse für den Selbstanbau zuhause an“, sagt Mustafa. Außenstehende haben hingegen die Möglichkeit, eine bestimmte Anzahl von Samen oder Stecklingen für die Eigenproduktion zu erwerben.
Die erklärten Ziele solcher Clubs seien die saubere Selbstversorgung und das Ausdünnen des Schwarzmarkts, sagen Frantzen und Mustafa. Anders als bei den zunehmend chemischen, ungeprüften und besonders süchtig machenden Erzeugnissen vom Schwarzmarkt sollen die natürlichen Produkte der Clubs für gewisse Qualitätsstandards und damit mehr Sicherheit für die Konsumenten sorgen: „Wir haben ein Hygiene- und Gesundheitskonzept. Unsere Produkte werden im Labor auf THC, CBD, Schwermetalle, Schimmel und Düngerreste getestet“, erläutert Mustafa. So soll das Erzeugnis gesundheitlich so unbedenklich wie möglich sein. „Es ist ein bisschen wir das Reinheitsgebot beim Bier, nur für Cannabis.“ Zwar gebe es auch Standards, an denen sich der Weltmarkt orientiere, sagt Frantzen, „diesen Standard haben wir aber nicht. Da gehören Zertifikate und mehr zu. Trotzdem kann man davon viel lernen.“ Viel gelernt habe man auch von Growern und der Cheeba Africa Cannabis Academy in Südafrika.
Auch die weiterführenden Kontrollen fallen streng aus: „Alles muss dokumentiert werden. Jedes Gramm muss von der Herkunft bis zur Abgabe nachverfolgbar sein“, sagt Emiliano Mustafa. „Sollten wir Probleme feststellen, können wir auch einen Rückruf starten.“
Nicht das volle Potenzial
Angesichts der behördlichen Hürden gebe es derzeit allerdings nur rund 350 Clubs in Deutschland – zu wenig, um den Bedarf als Konkurrent des Schwarzmarkts tatsächlich decken zu können, sagen Mustafa und Frantzen. „Bei jeweils 500 Mitgliedern hätte man nur Kapazitäten für 175.000 Konsumenten. Man sagt, zehn Prozent der Deutschen konsumieren einmal im Monat Cannabis und wir sind bei circa 83,5 Millionen Einwohnern“, sagt Mustafa. „Da sind wir nicht mal nah dran.“
Zudem könne man kaum die Gelegenheitskonsumenten im Club darstellen. „Sie müssen am Anbau teilnehmen und das lohnt sich zeitlich und finanziell bei sehr geringem Konsum nicht. Da sind noch Lücken im Gesetz“, sagt Mustafa. Auch der eigene Anbau sei in solchen Fällen zu viel Arbeit – oft bleibe also der Weg über den Schwarzmarkt. Lediglich der medizinische Markt schaffe es derzeit durch den recht einfachen Zugang, den Schwarzmarkt effektiver zu bekämpfen. „2024 wurden vor der Legalisierung 30 Tonnen, 2025 nach der Legalisierung 250 Tonnen medizinisches Cannabis verschrieben und verkauft.“
Sein Vorschlag für einen effektiven, kontrollierten Freizeitkonsum sind daher Richtlinien unterworfene Fachgeschäfte. „Das würde einen ganzen Wirtschaftszweig schaffen, neue Jobs und Produktionshallen.“ Frantzen: „Auch die Steuereinnahmen wären immens“.
Doch bereits das medizinische Cannabis komme aktuell vornehmlich aus Ländern wie Portugal, Spanien oder Kanada. Für die beiden CSC-Mitglieder ebenfalls eine vertane Chance: „Das sind Arbeitsstellen, die Deutschland verliert“, sagt Mustafa. Ungenutztes wirtschaftliches Potenzial sieht Frantzen auch beim übrigen Nutzen der Pflanze. „Es war historisch gesehen schon immer eine nahe Nutzpflanze für den Menschen“, egal ob man es beim Backen oder für Kleidung, Papier und sogar Zement verwende. „Es gibt sehr viele Anwendungsmöglichkeiten. Das Problem ist das Stigma. Vielen denken nicht über den restlichen Nutzen der Pflanze nach.“ Doch Emiliano Mustafa spricht auch von einem Wandel. „In der Ecke Rees-Bienen haben viele Bauern Nutzhanf angebaut, weil es eine gute Gelegenheit für neue Produktionszweige ist.“
Beratung und Aufklärung
Aller Qualitätsstandards zum Trotz weiß man beim CSC allerdings auch: „Jedes Konsummittel hat ein Risiko und in jungen Jahren ist der Kosum immer risikoreicher. Aber auch in älteren Jahren ist er nicht ganz ohne mögliche Schäden“, sagt Emiliano Mustafa. Im Sinne des Jugend- und Gesundheitsschutzes öffnet sich der CSC Emmerich daher nur für Menschen ab 21 Jahren und bietet darüber hinaus Beratungen, Aufklärung und Informationen an – auch für Eltern. „Wir haben einen geschulten Präventionsschutzbeauftragten“, sagt Emiliano Mustafa. Derzeit baue man auch einen Kontakt zur Caritas in Kleve auf, um weitere Kurse anzubieten.
Überhaupt möchte der CSC Stigmata aufbrechen und zeigen, dass auch Cannabiskonsumenten entgegen der Vorurteile normale Menschen sind, die normaler Arbeit nachgehen „und die sich am Abend oder am Wochenende einfach entspannen wollen“, sagt Mustafa. „Wir haben aber auch viele Mitglieder, die Schmerzpatienten sind und es für die Selbstmedikation nehmen.“
Der Altersdurchschnitt sei mit 40 Jahren recht hoch: „Daran sieht man auch, dass es keine typische Droge für junge Leute ist.“ Cannabis sei vielleicht nicht das harmloseste Mittel, aber auch nicht das schlimmste. Es sei auf jeden Fall wichtig, Konsumenten zu begleiten und sie zu informieren, „aber am Ende ist es immer noch die eigene Entscheidung.“
Die Auswirkungen des Konsumcannabisgesetzes untersucht derzeit das Forschungsprojekt Ekocan. Infos dazu unter www.uke.de/landingpage/ekocan/index.html.
Haben Einblicke in den Cannabis Social Club Emmerich gegeben: (v.l.) der Vorstandsvorsitzende Emiliano Mustafa und Schatzmeister Jonas Frantzen. NN-Foto: Thomas Langer