Ein Tandem fürs Stadttheater: Andrea Joosten, Leiterin der Emmericher Kulturbetriebe, und der neue Theater-Leiter Mike Brendt. NN-Foto: Gerhard Seybert
15. August 2025 · Emmerich

Ein neuer „Kapitän“ fürs Stadttheater in Emmerich

Neue Kulturräume entdecken: Mike Brendt übernimmt Leitung des Theaters

EMMERICH. Fünf Jahre ist das Stadttheater Emmerich „ohne Kapitän gesegelt“, wie es Mike Brendt formuliert, hat dennoch den laufenden Betrieb aufrechterhalten. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagt der 32-Jährige, und spreche für ein „sehr gutes und sehr stabiles Team mit gewachsenen Strukturen“. Nun aber hat das Stadttheater wieder einen Kapitän: eben Mike Brendt, studierter Theaterpädagoge und freiberuflicher Schauspieler. Er übernimmt die Leitung in einer Zeit, in der große Herausforderungen anstehen, denn nach einer nochmals regulären Spielzeit beginnen im nächsten Jahr die Umbauarbeiten am Stadttheater. Das bedeutet für Brendt: „Wir müssen neue Räume für die darstellende Kunst erschließen.“

Brendt, der aus Garbeck, einem Ortsteil von Balve im Sauerland, stammt, gehörte bereits während des Studiums der Soziologie und Psychologie auch dem Ensemble des Theaters im Palais in Erfurt als freiberuflicher Schauspieler an. Nach dem Abschluss als Theaterpädagoge folgten Stationen unter anderem in Norddeutschland und zuletzt in Mainz, wo derzeit auch seine Lebensgefährtin wohnt. „Mein Beruf bringt es mit sich, den Standort zu wechseln und Chancen zu ergreifen“, sagt Brendt.

Rückkehr nach NRW für Mike Brendt schon länger ein Thema

Eine solche ergab sich mit der Stellenausschreibung aus Emmerich. Er habe zu dieser Zeit längst mit einer Rückkehr nach Nordrhein-Westfalen geliebäugelt, und der Posten am Niederrhein habe ihn ganz besonders angesprochen. „Dass im Profil ein Kultur- und Theaterpädagoge gefragt ist, ist ungewöhnlich. In der Regel werden eher Personen mit einem Verwaltungs-, Regie- oder Dramaturgie-Hintergrund gesucht, die zudem mit dem inneren Kreis des Hauses verbunden sind“, berichtet Brendt. Im April habe er dann schließlich sich und seine Ideen in Emmerich vorgestellt.

Und eben diese Ideen sind vielfältig – und werden es durch die Aussicht, für ein bis anderthalb Jahre nicht das Stadttheater bespielen zu können, noch mehr. „Diese Herausforderung hat mich, verbunden mit meiner Idee von Theater, noch mehr angesprochen“, erzählt Brendt. Über allem stehe die Frage: Mit wem und wo ist Theater möglich – und für wen? Das bedeutet zum einen, Talente zu fördern: „Es müssen nicht immer die großen Stars auf der Bühne stehen – denn auch sie waren mal klein“, sagt Brendt, betont aber gleichzeitig: „Wir werden auch die großen Namen nach Emmerich holen, das ist eine Frage des respektvollen Umgangs.“

Der Ansatz des neuen Leiters des Stadttheaters, der seit etwa zwei Wochen im Amt ist, bedeutet weiter, der Frage nachzugehen, welche Themen die Emmericher bewegen und wie diese sich auf einer Bühne darstellen lassen. „Dazu möchte ich auch mit Nicht-Profis arbeiten“, kündigt Brendt an, „und das an sehr kreativen Orten.“ So seien die Planungen, ein Demenz-Theater in der Hansestadt zu implementieren, etwa in Alten- und Pflegeheimen, bereits fortgeschritten. „Das ist sehr spannend: Was ist Demenz? Und wie muss sich Theater verändern und anpassen, damit es für Menschen mit Demenz in Erinnerung bleibt?“ Eine Regisseurin habe er für dieses besondere Projekt bereits gewonnen, verrät er.

Wie sich Theater verändern muss, um mehr Menschen in Emmerich allgemein anzusprechen, will Brendt in den kommenden Wochen ebenfalls herausfinden. Dazu werde er nach einer ersten Schreibtisch-Phase sein Büro verlassen und Kontakt etwa zu Schulen, Vereinen und Institutionen aufnehmen, sich über andere kulturelle Angebote informieren und so Inspiration erhalten, „was in Emmerich fehlt“. Denn: „Als Stadttheater stehen wir im Dienste der Menschen in Emmerich und Umgebung. Daher ist es wichtig zu wissen: Was interessiert die Menschen, welche Themen sprechen sie an, interessieren und bewegen sie? Damit wir nicht am Ende an ihnen vorbeiplanen.“

Auf ein solches Thema ist Mike Brendt im Zuge seiner Recherchen über Emmerich gestoßen. „Ich habe herausgefunden, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg zu 97 Prozent zerstört wurde – das hat mich sehr bewegt, bewegt mich noch“, sagt der 32-Jährige. Nun möchte er herausfinden, „ob dieses Thema auch die Menschen in Emmerich immer noch bewegt“ – und ganz allgemein, wie es den Emmerichern mit ihrer eigenen Kultur und Geschichte geht. Lohnt es sich, dieses Thema zu vertiefen oder nicht? „Ich möchte niemandem Kultur aufzwingen“, betont Brendt.

Schließlich steht die „große Herausforderungen“ im kommenden Jahr an, „aus dem großen Schauspielhaus in den städtischen Raum zu gehen“. Hier werde er in den kommenden Wochen nach besagten „kreativen Orten“ suchen, die „Kunst- und Kulturraum sein können“. Natürlich gebe es bekannte Möglichkeiten wie das Schlösschen Borghees und das PAN, aber auch das Haus im Park und den Rheinpark selbst. Mike Brendt will den Begriff der Spielorte jedoch weiterdenken. Aus seiner Sicht könne dies auch mal bedeuten, dass „jemand einen halben Tag auf dem Markt Klavier spielt – und im Anschluss das Feedback des Künstlers zu den Reaktionen der Menschen einzuholen“. Potenzial sieht Brendt auch in dem einen oder anderen Leerstand in der Innenstadt mit Blick auf eine kurzzeitige Anmietung für Pop-Art und Performances.

Mit dem Stadttheater Emmerich „offensiv nach außen gehen“

Derzeit verändert das Team des Emmericher Stadttheaters seine Außenwerbung. Diese sei bislang sehr auf die Abo-Kunden ausgerichtet. „Wir sollten offensiver nach außen gehen“, findet der neue „Kapitän“, „um die zu erreichen, die denken, Theater sei nichts für sie. Dazu müssen wir auch fragen, warum sie so denken. Und was denken die Emmericher über ihr Stadttheater?“

Neben seinen Aufgaben als neuer Leiter des Stadttheaters in Emmerich steht im Herbst und Winter eine „Doppelrolle“ für Mike Brendt an. Er spielt an der Neuen Bühne in Darmstadt die Hauptrolle in „Krabat“, hatte dort bereits vor seinem Engagement am Niederrhein unterschrieben. „Dass beides klappt, macht mich besonders froh.“ In dieser Zeit werde so oft wie möglich in Emmerich sein, einen Teil der Arbeit aber auch im Homeoffice aus Darmstadt beziehungsweise Mainz erledigen. Die Leitungsaufgaben werde er dann „im Tandem mit Andrea Joosten“ übernehmen. Für die Leiterin der Kulturbetriebe ist Brendt voll des Lobes: „Ich bin sehr beeindruckt, was sie mit ihrem großen Engagement in den vergangenen Jahren alles bewegt hat.“

Michael Bühs

Ein Tandem fürs Stadttheater: Andrea Joosten, Leiterin der Emmericher Kulturbetriebe, und der neue Theater-Leiter Mike Brendt. NN-Foto: Gerhard Seybert