Die Sozialpädagogin Lena de Jong hat gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Kinderzimmer in der Inobhut- und Klärungsgruppe des SOS-Kinderdorfs Niederrhein neugestaltet. Im Waldzimmer kommen Kinder an, die vom Jugendamt der Stadt Kleve in Obhut genommen wurden. Foto: SOS-Kinderdorf Niederrhein / Katrin Wißen
10. März 2026 · Kleve

Ein Anker fürs Ankommen

Neu gestaltete Zimmer im SOS-Kinderdorf erleichtern den Übergang

KLEVE. Wenn man die Kinderzimmertüre im ersten Geschoss der Inobhut- und Klärungsgruppe im SOS-Kinderdorf in Kleve-Materborn öffnet, betritt man „den Wald“. An den in warmen Holztönen gehaltenen Wandpaneelen gibt es eine kleine Garderobe, das frischbezogene Bett mit Tiermotiven steht in einer salbeigrün gestrichenen Ecke, davor ein gemütlich flauschiger Teppich in beige. Ein kleines Tippie-Spielzelt aus weißem Leinen bietet Schutz, Geborgenheit und Ruhe. Eine fröhliche Wimpelkette in erdigen Farbtönen heitert auf, die farblich abgestimmte Hörspielbox gibt leise Töne von sich und das Nachtlicht in Form einer Wolke sorgt am Abend für wohlige Wärme. Dieses Kinderzimmer ist kein Gewöhnliches.

Denn hier kommen Kinder an, die erst vor ein, zwei Stunden ihr bisheriges Lebensumfeld zum eigenen Schutz verlassen mussten. Manchmal in Kita oder Schule, manchmal mitten in der Nacht schreitet der Allgemeine Dienst des Jugendamts in akuten Gefahrensituationen ein und nimmt die vier- bis achtjährigen Kinder in Obhut. „Das kann für die Kinder natürlich extrem belastend und beängstigend, gar traumatisierend sein“, berichtet Sozialpädagogin Lena de Jong. Sie hat mit ihren Kollegen aus Haus a im SOS-Kinderdorf deshalb die Zimmer neugestaltet. De Jong weiter: „Unser Inobhutzimmer ‚der Wald‘ soll vor allem Ruhe und Geborgenheit ausstrahlen. Denn hier nehmen wir im Auftrag des Jugendamtes der Stadt Kleve kurzfristig Kinder auf.“ Neben dem Waldzimmer gibt es noch sechs weitere Kinderzimmer mit den Motto-Schwerpunkten Meer, Strand, Weltall, Mond, Blumenwiese und Berge, die auch von anderen Jugendämtern zur Klärung belegt werden können. Die Büro- und Besprechungsräume im Haus heißen Hafen und Leuchtturm. „Das spiegelt auch unsere Haltung wider: Mit unserem Haus wollen wir in stürmischen Zeiten ein Anker sein, der Halt gibt.“

Jedes Zimmer ist individuell gestaltet und farblich aufeinander abgestimmt. „In unsere Inobhut- und Klärungsgruppe kommen die Kinder maximal sechs bis neun Monate. In dieser Zeit klären wir im Auftrag des Jugendamts, was das Kind künftig braucht“, erläutert Lena de Jong, die bereits seit 2016 in Haus a arbeitet. Am Ende eines solchen Klärungsauftrages gibt es verschiedene Wege für das Kind. Manchmal gelingt es in diesem Zeitraum das familiäre Umfeld zu stabilisieren, so dass eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie oder zu einem Elternteil erfolgen kann. Gegebenenfalls wird aber auch ein Platz in einer Wohngruppe oder in einer Erziehungsstelle, das sind Pflegefamilien mit pädagogisch, medizinisch oder therapeutischer Ausbildung, gesucht. Bis es so weit ist, kümmern sich die pädagogischen Fachkräfte in Haus a um Versorgung, Stabilität und Verlässlichkeit.

„Die Kinder wissen von Anfang an, dass es sich um einen Übergang handelt und sie nicht auf Dauer bei uns in der Inobhut- und Klärungsgruppe bleiben werden. Dennoch soll ihr Alltag von Struktur und Halt geprägt sein.“ Dazu gehören auch das gemeinsame Frühstück, Mittagessen und Abendessen am großen Esstisch im offenen Wohnbereich. Dazu gehört, dass jedes Kind seinen eigenen Platz im Haus spürt: Das eigene Kinderzimmer, die eigene Garderobe, der eigene Bereich für Tornister oder Fahrradhelm, ein Willkommenskuscheltier, eine eigene Kuscheldecke – all das schafft Verlässlichkeit, Geborgenheit und Zugehörigkeit. Gleichzeitig gibt es Raum für Individualität. „Wir bereiten zwar die Kinderzimmer nach dem jeweiligen Motto vor – im Meereszimmer gibt es einen coolen Hai-Sitzsack und Meerestierbettwäsche, im Blumenwiesen-Zimmer hängen schöne Fotodrucke von Blumen und Gräsern an den Wänden – doch natürlich können die Kinder auch ihre individuellen Wünsche umsetzen. Da gibt es dann die eigene Bettwäsche mit Disneyfiguren oder das mitgebrachte Lieblingsspielzeug“, berichtet die 34-jährige Pädagogin. „Je nach Situation arbeiten wir auch mit den Eltern zusammen und laden sie zu uns ein. Da hilft es, wenn wir ihnen die schön gestalteten Zimmer, das moderne Haus und das Dorfgelände mit Spiel- und Fußballplatz zeigen können“, berichtet De Jong. Denn auch für die Eltern sei die Übergangsphase häufig belastend. Die Pädagogin abschließend: „Die Eltern spüren, dass bei uns jedes Kind seinen Platz hat und willkommen ist. Das kann die Hemmschwelle senken.“ Für das Kind entsteht so wieder ruhigeres Fahrwasser und damit eine gute Grundlage für seinen weiteren Weg.

Die Sozialpädagogin Lena de Jong hat gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen die Kinderzimmer in der Inobhut- und Klärungsgruppe des SOS-Kinderdorfs Niederrhein neugestaltet. Im Waldzimmer kommen Kinder an, die vom Jugendamt der Stadt Kleve in Obhut genommen wurden. Foto: SOS-Kinderdorf Niederrhein / Katrin Wißen