"Historischer Kranenburger Bahnhof um 1900, schwarz-weiß, Archivfoto, Kranenburg"
30. Oktober 2026 · Kranenburg

Durchreise: Gustav Mahler am Kranenburger Bahnhof

Die „linksrheinische Strecke“ war eine wichtige Verbindung

KRANENBURG. Wo heute während der Saison Draisinen zwischen Kranenburg und Groesbeek „pendeln“, fand ab 1865 (und bis zum Beginn der 90er Jahre) am Kranenburger Bahnhof „großes Theater“ statt, denn Kranenburg (damals: Cranenburg) war lange Zeit eine wichtige Schaltstelle auf der Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden. Hier wurden Waren umgeschlagen – hier fanden die Grenzkontrollen statt. Und da die „linksrheinische Strecke“ von Krefeld nach Amsterdam zu den wichtigsten Bahnverbindungen des anbrechenden 20. Jahrhunderts gehörte, passierten viele Waren und Menschen den Bahnhof.

"Zeichnung von Gustav Mahler, berühmter Komponist, Adobe Stock"

Eine Zeichnung von Gustav Mahler. Foto: Adobe Stock.com Foto: TenWit - stock.adobe.com

990 Seiten stark ist die Mahler-Biografie von Jens Malte Fischer (Erstauflage 2003). Mahler? Der Mann (1860-1911) war Komponist und dazu einer der berühmtesten Dirigenten seiner Zeit. So weit, so gut. 1910, ein Jahr vor seinem Tod, suchte Mahler Sigmund Freud (1856-1939), den „Vater der Psychoanalyse“, auf. Der Grund: Mahler und seine Frau Alma durchlebten eine schwere Ehekrise – ausgelöst durch Almas Affäre mit dem Architekten Walter Gropius (1883-1969). Mahlers Treffen mit Sigmund Freud fand allerdings nicht – wie man vermuten könnte – in Wien statt, wo Freud lebte und arbeitete, sondern in Leiden in den Niederlanden, wo Freud 1910 seinen Sommerurlaub verbrachte.

Mahler reiste von Toblach in Südtirol nach Leiden. Die rund 1.000 Kilometer weite Reise begann am Donnerstag, 25. August, und dauerte vermutlich knapp zwei Tage. Mahler bestieg den Zug am Bahnhof Franzenfeste, einer kleinen Gemeinde im Wipptal in Tirol. Vermutlich reiste er im Schlafwagen der Ersten Klasse. Seinerzeit wurden Fahrgäste, auch wenn sie in der Ersten Klasse reisten, (leider) nicht registriert. (Von Mahlers Treffen mit Freud in Leiden handelt der 2010 erschienene Film „Mahler auf der Couch“ von Percy und Felix Adlon.)

Für eine Reise von Tirol nach Leiden gab es im Prinzip mehrere Möglichkeiten, von denen jede mit zahlreichen Umstiegen verbunden war. Direktverbindungen quer durch Europa waren damals nicht vorhanden. Eine der Streckenvarianten ging so: Einstieg in Franzenfeste, erster Umstieg in Innsbruck – dann München. Umstieg und Weiterfahrt nach Köln, Umstieg nach Krefeld. Von dort weiter nach Amsterdam. Die schnellste Strecke führte von Köln über Krefeld nach Amsterdam. Recherchiert man die Verbindung Köln-Amsterdam, stößt man auf eine der damals wichtigsten Verbindungen zwischen dem Rheinland und Amsterdam und die führte auf der sogenannten „linksrheinischen Strecke“ von Krefeld aus zum Grenzbahnhof Cranenburg (heute Kranenburg). Mahlers Zug muss also am Freitag, 26. August 1910, auf seiner Fahrt nach Amsterdam nach Stopps in Goch und Kleve in Kranenburg (der dortige Bahnhof wurde 1865 eröffnet) gehalten haben, denn dort wurden dann Zoll- und Ausweiskontrollen durchgeführt, bevor der Zug über Nimwegen in Richtung Amsterdam weiterfuhr.

Die Fahrt von Krefeld nach Amsterdam dauerte vier bis fünf Stunden. Am Grenzbahnhof Cranenburg wurden die Passagiere der Ersten Klasse im Abteil kontrolliert. Schon einen Tag später – also am Samstag, 27. August 1910 – reiste Mahler von Leiden aus in sein Sommerdomizil (Trenkerhof bei Toblich) nach Tirol zurück. Recherchiert man im Internet, stößt man auf einen rekonstruierten Fahrplan aus der Zeit um 1910, der sich wie folgt liest: Abfahrt Krefeld: 8.14 Uhr; Zwischenhalt in Kempen: Ankunft 8.26 Uhr, Weiterfahrt 8.26 Uhr; Ankunft Goch: 9.02 Uhr, Weiterfahrt 9.05 Uhr; Ankunft Kleve: 9.21, Abfahrt; 9.27 Uhr; Ankunft Kranenburg: 9.41, Weiterfahrt: 10.12 Uhr (31 Minuten Zoll- und Passkontrolle).

Zurück zu Mahler, dem Krefeld in jedem Fall ein Begriff war, denn dort fand am 9. Juni 1902 in der Stadthalle im Rahmen des 38. Tonkünstlerfests die Uraufführung seiner 3. Sinfonie statt. Wenn man heute zwischen Kleve und Groesbeek „draisiniert“ beziehungsweise parallel zu den Gleisen den Radweg benutzt, ist eine irgendwie verrückte Vorstellung, dass man indirekt auf Mahlers Spuren reist. Vielleicht könnte man ja eine der Draisinen nach Mahler benennen oder am 26. August ein Platzkonzert veranstalten. Schade eigentlich, dass man das Jubiläum verpasst hat.

P.S. Gustav Mahler starb am 18. Mai 1911 – knapp ein Jahr nach seiner Reise. Der letzte reguläre Personenzug von Kleve nach Nijmegen über Kranenburg fuhr am 1. Juni 1991.

"Historische Bahnhofsgaststätte 1900er, Mahler Kaffee Pause, nostalgische Architektur"

Die Bahnhofsgaststätte Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier könnte Mahler während seines kurzen Aufenthalts einen Kaffee getrunken haben. Foto: Gemeindearchiv

Der Kranenburger Bahnhof um 1900. Foto: Gemeindearchiv Kranenburg