Das Spiegelzelt diente gestern als besondere Kulisse für eine besondere Veranstaltung. NN-Foto: Rüdiger Dehnen
29. August 2025 · Kleve

Drei Worte – eine Botschaft

Sportreporterlegende Marcel Reif sprach im Klever Spiegelzelt vor Schülern aus dem Kreis Kleve

KREIS KLEVE. Vielleicht besteht der weltenrettende Imperativ aus drei Worten, die alles sagen: „Sei ein Mensch.“ Vielleicht ist „Imperativ“ der falsche Begriff. Menschlichkeit lässt sich nicht befehlen.

Da steht er: Marcel Reif. Älteren ist der Mann ein Begriff. Er ist Sportreporterikone, Legende und „baFuF“: bekannt aus Funk und Fernsehen. Jetzt und hier im Klever Spiegelzelt geht es aber nicht um Sport. „Wer von euch kennt Marcel Reif?“, fragt Wilfried Röth, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Rhein-Maas, die rund 260 Schüler aus dem ganzen Kreisgebiet zu dieser Veranstaltung eingeladen hat. Sie sind gekommen, um eben diesen Marcel Reif, den gerade einmal eine Handvoll der Gäste kennen, zu hören. Eine Geschichtsstunde der etwas anderen Art nimmt ihren Anfang.

Ein großer Teil von Reifs Familie fiel dem Holocaust zum Opfer. „Die sind ermordet worden“, sagt Reif. Das Wort ist ihm wichtig, weil in ihm das Unrecht gebündelt ist. Sechs Millionen Menschen sind ermordet worden in Deutschlands dunkelster Zeit. „Sechs Millionen – das ist eine Zahl. Zahlen sind Theorie, aber stellt euch vor, dass alle, die neben euch sitzen, weg wären“, sagt Reif und versucht das Grauen greifbar zu machen. Er sagt: „Niemand kann euch für die Vergangenheit verantwortlich machen, aber wenn sich so etwas wiederholt, seid ihr Schuld. Alle.“ Es ist still im Rund des Spiegelzelts und die Stille fühlt sich nicht nach gespielter Betroffenheit an.

„Nie wieder“ sei – auch das sagt Reif – kein Appell. „Nie wieder – das muss eine Selbstverständlichkeit sein.“ Reif warnt vor den vermeintlich einfachen Lösungen der Demagogen. Er fordert auf, sich zu informieren, findet es schlimm, wie sehr der Begriff „Asyl“ ins Negative abgerutscht ist. Wie schnell Menschen Abschiebung fordern für all die, die sich nicht an Recht und Gesetz halten.

Dann eine Wortmeldung – es ist die Wortmeldung des Tages. „Wenn wir jemanden, der zum Mörder geworden ist, abschieben, dann wird doch das Problem nur anderen zugeschoben“, sagt eine Schülerin. Es müsse, sagt sie, um Menschlichkeit gehen – darum, dass es allen gut gehe. Zum ersten Mal applaudieren alle. Da hat eine einen Nerv erreicht, getroffen. Reif stimmt zu.

Jetzt kommen diese drei weltenrettenden Worte, die er von seinem Vater gelernt hat: „Sei ein Mensch.“ Manchmal wird das Wichtige übersehen – übergangen. Es kommt so simpel daher und wird überlagert von anderen Lösungen, die nur vermeintlich einfach klingen: Alle Ausländer raus. Deutschland den Deutschen. Demagogenlatein. Platzpatronen im Angesicht von drei Worten, die entwaffnend sind in ihrer Konsequenz: „Sei ein Mensch.“ „Angst“, sagt Reif, „entsteht meist aus Unwissenheit.“ Demokratie sei die Suche nach Lösungen, sagt er auch. Und: „Leben ist mehr als das Gesetz zu befolgen.“ Ja. Sei ein Mensch.

Die Dinge müssen geklärt werden. Mit Herz und Verstand. Man liest das ‚und‘ fett gedruckt und begreift: Die Kraft liegt im Zusammenspiel von Herz und Verstand.

Manchmal schimmert eine Portion Hoffnungslosigkeit in Reifs Worten auf. „Wir hätten alle Kaulquappen bleiben sollen“, sagt er. Das sei besser für die Welt. Ein kurzer Schwächeanfall nur, der im Angesicht des Appells zur Menschlichkeit schnell unbedeutend wird. Die Gegenwart, so Reif, sei kompliziert. „Ihr müsst sie gestalten. Ihr seid verantwortlich für das, was sein wird.“ Es gehe darum, sich zu Wort zu melden, wann immer irgendwo Unrecht geschehe oder Diskriminierung sichtbar werde. Wer nichts tue, mache sich schuldig. Die Extremisten, so Reif, lebten von der Unwissenheit der anderen. Es gehe nicht darum, ob einer Christ sei oder Muslim. „Es ist doch egal, was einer ist.“ Wieder der Dreiwortsatz: Sei ein Mensch. Der „alle-raus-Wahnsinn“ sei keine Lösung.

Nach einer Stunde: Ende der Veranstaltung. Man wüsste gern, was die Abreisenden mit nach Hause nehmen, ins eigene Leben, in die eigene Zukunft. Reif ist kein Zeigefingermensch, aber er ist einer, dessen Denken und Handeln und dessen Menschliebe von Erfahrung gespeist ist. Da kennt einer den Preis der Verführbarkeit. Da ist einer unterwegs, der Herz und Verstand zusammenbringt. Sei ein Mensch - mehr Botschaft braucht es nicht.

P.S.: Marcel Reif hat vor dem Bundestag gesprochen. Es war am 31. Januar 2024. Es ging um das „Holocaust-Gedenken“. Abgeordnete in Schwarz, ernste Musik, Anwesenheitspflicht. Reifs Rede: beeindruckend.

Jetzt sagt er: „Es ist mit den Gedenktagen nicht getan. Es ist nicht mit Reden getan. Es geht um die Gegenwart.“ Nichts, denkt man, darf zur Geste erstarrren, weil es dann seinen Sinn verliert. Absichtserklärungen sind nicht Teil der Lösung. Da ist es wieder: Sei ein Mensch. Herz und Verstand müssen kooperieren.

Marcel Reif sprach vor 260 Schülern aus dem Kreis Kleve. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Marcel Reif sprach vor 260 Schülern aus dem Kreis Kleve. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Das Spiegelzelt diente gestern als besondere Kulisse für eine besondere Veranstaltung. NN-Foto: Rüdiger Dehnen