Die Temperatur der Welt
Crischa Ohler und Sjef van der Linden stellen neuen mini-art-Spielplan vor
BEDBURG-HAU. Damokles? Da war doch was. Richtig. Am Hof des Tyrannen Dionysos I. wurde der Höfling Damokles üppig bewirtet, aber: Über seinem Haupt hing ein Schwert – aufgehängt an einem Pferdehaar. Alles Glück ist flüchtig ...
... und schon sind wir beim Theater: Theater ist die Welt des flüchtigen Glücks. Theater ist der Ort, an dem uns Dinge anders erreichen als Nachrichten in den Medien. Theater hat – gut gemacht – die Kraft des Magischen. Dabei muss es gar nicht immer um das Feel-Good-Theater gehen. Crischa Ohler und Sjef van der Linden können davon nicht – auch wenn sie in erster Linie Schauspieler sind – ein Lied singen. Im Theater mini-art in Bedburg-Hau geht es nicht selten um die Unerträglichkeiten deutscher Vergangenheit. Die beide sind leise Lautsprecher und sie haben über Jahre einen Ruf auf- und ausgebaut, der sie immer wieder weit über die Grenzen des Kreises hinausführt. Projekte allüberall; und Preise auch. Soeben haben die beiden den Spielplan für Januar bis Juni vorgestellt. Und was hat all das mit dem Sklaven des Dionysos zu tun? Mehr als man möchte, denn: Über der Theaterwelt am Brückenweg 5 in Bedburg-Hau schwebt eben jenes Schwert, von dem die beiden nicht wissen, ob und wann es herunterfallen wird. Die neuen Besitzer eben jenes Teils des jetzigen Klinik-Geländes, auf dem auch das Theater befindlich ist, haben sich – so Ohler und van der Linden – noch nicht geäußert. Daraus Schlüsse zu ziehen, wäre vorschnell. Fest steht aber, dass es für mini-art um alles oder nichts gehen dürfte. Der Spielplan weiß nichts davon. Gut so – es muss ja weiter gehen. Los geht‘s am Samstag, 8. Februar, und am Samstag, 8. März, jeweils um 19 Uhr mit einer Wiederauflage von „Gelungenes Leben“ – einer musikalischen Lesung mit Texten aus Axel Hackes Buch „Wozu wir da sind“. Das Programm hatte am 11. Januar Premiere. Peter Eckartz (Lesung) wird unterstützt vom „Duo Klara“, bestehend aus Ralf Nieder (Piano, Gitarre, Gesang) und Klaus Willwacher (Gesang Gitarre). Neben den Texten von Axel Hauke wird das Duo Klara Musik von (unter anderem) Udo Lindenberg, Wolf Biermann, Hildegard Knef und Leonard Cohen spielen.
Anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktages spielen Ohler und van der Linden unter der Regie von Rinus Knobel eines der Stücke, in denen es um das Thema Euthanasie geht: „Ännes letztes Reise“ ist eines bestimmt nicht: Wohlfühltheater. Ännes letzte Reise ist trotzdem wichtig, denn Theater ist nicht nur der Platz des entspannten Ausflugs in heile Welten.
Theater ist immer auch ein Spiegel, ein Thermometer gesellschaftlicher Temperatur. Theater ist ein Ort der Analyse von Geschichte, die auf der Bühne Gegenwart wird. Aufführungen von „Ännes letzte Reise“ finden am finden am Freitag, Samstag, Montag und Dienstag 24., 25., 27. und 28. Januar statt.
Ein ebenfalls wichtiger Teil der Arbeit von mini-art sind Theater-Projekt mit Schulen. Sjef van der Linden: „Wenn wir mit Schulklassen arbeiten, sagen uns die Lehrer am Ende eines Projektes oft, dass sie ihre Klasse nicht wiedererkannt hätten. Das wundert mich nicht, denn wir haben die Möglichkeit, die jungen Leute auf einer anderen Ebene anzusprechen und zu erreichen.“
Theater als ein Ausbruch im doppelten Sinn. Da ist der Ausbruch aus dem eng getakteten Schulalltag – gefolgt von einem Ausbruch des Kreativen. Crischa Ohler: „Wir sagen oft am Beginn eines Projektes: Das Stück ist schon fertig – wir wissen nur noch nicht wie es aussieht.“ Bei den Schulprojekten geht es darum, den Teilnehmern nicht einfach ein Stück zu servieren, sondern darum, mit ihnen zusammen ein neues Stück zu entwickeln. So erleben sie das Leben als Teil des Theaters und das Theater als Teil ihres Lebens.
Um so wichtiger ist der Fortbestand von „Institutionen“ wie mini-art. Leider hat Theater-Arbeit längst ihre Position der Institution eingebüßt. Crischa Ohler und Sjef van der Linden wünschen sich den Fortbestand von mini-art und das nicht nur, weil es ein Teil ihres Lebenswerkes darstellt. Theater sind Orte des Überlebens der Phantasie.
Wer sich für den kompletten Spielplan interessiert, findet alle Infos unter: www.mini-art.de.
Sjef van der Linden und Crischa Ohler vor ihrer Spielstätte am Brückenweg 5 auf dem LVR-Klinik-Gelände in Bedburg-Hau. NN-Foto: HF