Christof Sieben (l.) und Siegfried Kuipers. NN-Foto: vs
3. April 2026 · Kleve

Die „Möglich-Macher“

600 ehrenamtliche Betreuer werden vom Betreuungsverein der Diakonie im Kirchenkreis Kleve begleitet

KLEVE/GOCH. Nach 51 Jahren Arbeit in einem Heilpädagogischen Heim hätte man sich eigentlich ruhigen Gewissens zur Ruhe setzen können. Für Siegfried Kuipers war das aber keine Option. „Ich hatte Respekt vor dem großen schwarzen Loch“, gibt der Klever zu, dass er einem beschaulichen Rentnerleben wenig bis gar nichts abgewinnen konnte. Eine Kollegin, die als rechtliche Betreuerin tätig ist, weckte sein Interesse fürs Ehrenamt. Kuipers wandte sich an die Diakonie, vereinbarte einen Termin und stellte schnell fest: „Das passt“. Heute ist er einer von rund 600 ehrenamtlichen Betreuern, die vom Betreuungsverein der Diakonie im Kirchenkreis Kleve begleitet werden. Und bald könnte er auch Träger der Ehrenamtsmedaille des Landtags NRW sein.

„Der Siggi ist für uns ein echter Glücksfall“, sagt Christof Sieben, der bei der Diakonie für die ehrenamtlichen Betreuer zuständig ist. Die Diakonie ist im Kreis Kleve die größte Organisation in diesem Bereich. Sie steht den Ehrenamtlern nicht nur mit Rat und Tat zur Seite, sondern bietet ihnen auch regelmäßige Treffen, Sommerfeste und eine Mitgliederzeitschrift an, für die Kuipers mittlerweile auch Beiträge schreibt. Sieben hat Kuipers als Kandidaten für die Medaille in den Ring geworfen – und rechnet sich gute Chancen aus. „Als Heilpädagoge hat er viel Erfahrung mit Menschen in besonderen Lebenslagen und bringt da schon einiges mit“, weiß Sieben „den Siggi“ zu schätzen. Denn das Aufgabenspektrum eines rechtlichen Betreuers ist anspruchsvoll und breit gefächert. Es geht darum, Recht durchzusetzen – nicht selten auch gegen den „Behördenwahnsinn“. Die Zuständigkeiten reichen von Krankenkassen über Arzttermine bis hin zu Behördengängen und den Austausch mit den Pflege- und Sozialdiensten vor Ort. „Wir sehen uns als ‚Möglichmacher‘“, beschreibt Sieben die Rolle der rechtlichen Betreuer, die sich in drei Kategorien einteilen lassen: Die Fremd-Betreuer (wie Siegfried Kuipers), die Familien-Betreuer (in der Regel Angehörige) und die Berufsbetreuer, die natürlich nicht ehrenamtlich arbeiten. „Ehrenamtler haben aber immer Vorrang“, stellt Sieben klar. Während Fremd-Betreuer gesetzlich dazu verpflichtet sind, sich einem Verein anzuschließen, steht das Familien-Betreuern grundsätzlich offen. „Dazu zählen bei uns etwa 70 Prozent“, ist Sieben froh, dass viele Angehörige dieses Angebot nutzen. Es gebe leider aber auch diejenigen, „die erst kommen, wenn‘s schon brennt“. Und manchmal gibt es auch diejenigen, die zwar wollen, aber schlichtweg nicht können. So einen Fall kennt auch Kuipers. „Da gibt es die 80-Jährige, die sich ihr Leben lang um ihren behinderten Sohn gekümmert hat und der es sehr schwer fällt, diese Verantwortung abzugeben“, erzählt er. Fingerspitzengefühl ist gefragt. Während Kuipers sich nach und nach „in den Amtskram“ einarbeitet, sorgt die alte Dame unter anderem noch für den Einkauf. „Es geht darum, den Angehörigen die Last zu nehmen, aber nicht die Aufgaben. Zumindest dann, wenn es so gewollt ist“, sagt Kuipers.

Kuipers‘ erster Klient, das war vor zehn Jahren, lebte im Petrusheim. Von Anfang an stimmte die Chemie, die beiden begegneten sich auf Augenhöhe. Ein „leichter Kandidat“ für den Einstieg. Heute betreut Kuipers sieben Menschen und hat schon so einiges erlebt. „Ich habe mal einen togolesischen Dorfkönig betreut, den die besonderen Umstände seines Lebens am Ende in ein Altenheim in Emmerich gebracht hatten“, erzählt er. Als der Mann nach Jahren im Wachkoma verstarb, wäre Kuipers‘ Aufgabe eigentlich beendet gewesen – eigentlich. „Die Familie wollte ihn unbedingt in seiner Heimat beisetzen“, erzählt Kuipers, dass er diesen Wunsch mit viel Überzeugungskraft, diplomatischem Geschick und dem Einsatz der gesamten togolesischen Familie letztlich tatsächlich erfüllen konnte. „Das war schon ziemlich spannend“, schätzt Kuipers Herausforderungen. Ihm geht es nicht nur um die Formalitäten, sondern vor allem ums Zwischenmenschliche. „Mich reizt einfach die Arbeit mit Menschen“, sagt er. Gerade bei Demenzpatienten gehe er oft „durch die Biographie“, um einen Zugang zu finden. Und wenn es richtig gut passt, können sich aus der Betreuung sogar Freundschaften entwickeln. „Der Betreuer muss ganz wenig, aber darf ganz viel“, bringt es Sieben auf den Punkt und beschreibt es als „die Pflicht“ und „die Kür“. Hier liege auch der Unterschied zwischen ehrenamtlicher und beruflicher Betreuung. Ein Berufsbetreuer hätte nämlich zeitlich gar nicht die Möglichkeit, sich so intensiv um den einzelnen Menschen zu kümmern. Kuipers ist jedenfalls eindeutig der Kür-Typ. Sein Lohn: Die Freude und der Dank seiner Schützlinge. Diese Wertschätzung sei für ihn essenziell. Und die erfahre er auch von Seiten der Diakonie. „Für das Geld macht man es jedenfalls nicht“, pflichtet ihm Sieben bei. Um mal eine konkrete Zahl zu nennen: Die jährliche Aufwandsentschädigung liegt bei 450 Euro. „Man kann mit etwa drei bis fünf Stunden im Monat rechnen und sollte etwa zehn persönliche Besuche im Jahr einplanen“, umreißt Sieben den zeitlichen Aufwand, mit dem ein Betreuer rechnen sollte. Hinzu kommt einmal pro Jahr ein vom Gesetzgeber vorgeschriebenes Gespräch mit der Diakonie. Sieben: „Ansonsten gilt für uns: Wir lassen Sie in Ruhe, aber nicht alleine!“

Einmal im Jahr findet ein mehrwöchiges Seminar statt, bei dem Referenten vom Amtsgericht, Demenz-Fachleute und andere Experten Wissen vermitteln. Die nächste Runde findet vom 6. November bis 11. Dezember statt, jeweils freitags von 14.30 bis 18.30 Uhr. „Diese Seminarreihe richtet sich an Menschen, die sich vorstellen können, eine ehrenamtliche rechtliche Betreuung zu übernehmen, aber auch an Menschen, die bereits eine führen“, sagt Sieben und betont noch einmal, dass grundsätzlich Jeder rechtlicher Betreuer werden kann. Dass Kuipers jede Menge Erfahrung von „der anderen Seite“ („früher haben wir alle stramm gestanden, wenn sich der rechtliche Betreuer angekündigt hat“) mitgebracht hat, ist aber natürlich von Vorteil. „Er hat seinen Beruf zum Hobby gemacht – kann man das als Überschrift nehmen?“, fragt Sieben. Zu lang, sagt die Redakteurin: Und wünscht Siegfried Kuipers, dass er die Medaille am Ende auch bekommt. „Er ist ein leuchtendes Beispiel für dieses wichtige aber oft so schwierige Ehrenamt und zeigt, dass man hier so viel Gutes tun kann und es eine große Bereicherung für das eigene Leben sein kann“, heißt es im von Sieben aufgesetzten Schreiben an den Landtag. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Christof Sieben (l.) und Siegfried Kuipers. NN-Foto: vs