Der „Elefant im Raum“
Ein Leserbrief zu „Den Nationalpark ablehnen“ (NN vom 2.11.)
Der „Elefant im Raum“ ist die Gefahr, die man übersieht. Er ist der wahre Verursacher eines Problems, und wird trotzdem ignoriert. Von Blindheit geschlagen scheint man gegenüber dem, was doch dick und breit und mächtig mitten unter einem sitzt. Einen solchen Elefanten besitzt der Verein „Unser Reichswald“ mit dem geplanten Windpark, auf den der Artikel mit keiner Silbe eingeht. Spielt der denn keine oder eher eine zu ignorierende Rolle?
Eine gewisse Antwort erhält man, wenn man auf der Internetpräsenz des Vereins sich bis zur zwölften „Frage“ durchgekämpft hat , und dort erfährt, dass die „Windenergieanlagen“ sowieso kämen - „voraussichtlich“. Es gäbe halt ein „übergeordnetes Interesse“ daran.
Angesichts des Klimawandels ist die Ablösung der fossilen Energieträger gewiss eine dringende Aufgabe. Aber ergibt sich daraus zwingend, dass man deshalb die Windräder ausgerechnet am Kartenspielerweg bauen muss? Das „Es gibt keine Alternative!“ wäre mal wieder eine seltsame und verheerende „Logik“! Das Interesse, einen Nationalpark zu schützen und zu ermöglichen, könnte man noch als zweitrangig einstufen, aber es wäre doch nicht inexistent und nicht unwichtig. Das wäre ein Interesse, das keine verantwortliche Behörde unbeachtet lassen kann, woraus sich logisch die Notwendigkeit ergäbe, auch nach anderen Flächen Ausschau zu halten.
Es macht auch einen seltsamen Eindruck, dass der Verein offensichtlich klag- und widerstandslos bereit ist, einen sehr mächtige Ansammlung von riesigen Windrädern im Reichswald hinzunehmen, obwohl er diesen doch (Zitat) „in seiner heutigen Form für die Natur, die Wildtiere und die Menschen zu bewahren, weiterentwickeln und zu stärken“ anstrebt. Gegen „Regulierungen“ scheint man also nicht generell zu sein?
Zusammenhänge sehr, sehr verkürzt, und daher verfälschend darzustellen, scheint eine spezielle Form der Argumentations? Wir lesen da: „In einem Nationalpark müssen zudem 75 Prozent der Fläche auf die Dauer sich selbst überlassen werden. Dies würde dazu führen, dass diese Flächen für Besucher nicht mehr betreten werden dürfen.“ Was für ein Bild soll uns da suggeriert werden?
Die Wirklichkeit: Jeder Nationalpark hat den doppelten Zweck, die Natur einem rein ökonomischen Nutzendenken zu entziehen, und gleichzeitig Natur und Wald für alle Menschen als einen Ort der Erholung und des Naturerlebnisses zu erhalten und zu fördern. Dazu dient in allen Nationalparks ein umfangreiches Wegenetz für verschiedene touristische Zwecke.
Als „Schutzzweck“ führt die Verordnung zum Nationalpark Eifel beispielsweise an:
„ 2. die Landschaft wegen ihrer besonderen Bedeutung für naturnahe Erholung und das Naturerlebnis erhalten und entwickeln und dabei die Interessen des Naturschutzes und des Tourismus zusammenführen,
3. wildlebende Tierarten und wildwachsende Pflanzenarten für die Nationalparkbesucher erlebbar machen,
4. kulturhistorisch sowie zeitgeschichtlich wertvolle Flächen und Denkmäler erhalten und erlebbar machen“
Das Naturerlebnis macht im Nationalpark Hainich (Thüringen) gar ein Baumwipfelpfad möglich.
In Videos des Vereins erscheint der Nationalpark als eine umfassende Bedrohung. In einem Video erfahren wir, dass dann Wege für Einsatzwagen der Feuerwehr vernachlässigt oder zerstört würden. In der Eifel sei dies schon der Fall.
Ein kurzes Googeln führt zu einer Pressemitteilung des Nationalparks Eifel aus dem Jahre 2023. Man berichtet von Gesprächen und Beratungen zwischen der Nationalparkverwaltung und den Feuerwehren umliegender Ortschaften: „Austausch von Nationalparkverwaltung Eifel und Feuerwehren zur Prävention und Bekämpfung von Wald- und Flächenbränden im Nationalpark Eifel“. In dieser Pressemitteilung lesen wir auch: „Die Nationalparkverwaltung bietet außerdem alle zwei Jahre an, bei örtlichen Befahrungen mit den Feuerwehren die Eignung der Wege für Einsatzfahrzeuge zu prüfen.“
Nanu: Da scheinen es doch mutige Menschen verhindert zu haben, dass fanatische und unverantwortliche Naturschützer den Wald bei Feuer sich einfach selbst überlassen?
Vor welchen Problemen stünde eigentlich die Feuerwehr, wenn in einem - wenig wahrscheinlichen, aber doch hin und wieder vorkommenden - Fall, mitten im Wald ein Windrad in Brand gerät?
Als zur Entscheidung aufgerufener Bürger hätte ich mir mehr die Möglichkeit eines Forums in den Medien gewünscht, in dem man den „Parteigängern“ seine Fragen mit der Bitte um Antwort hätte stellen können. Man möchte sich doch mehr gegen Beschönigungen einerseits und Panikmache andererseits inhaltlich wappnen.
Ich hätte die Stadtwerke Goch und Kleve beispielsweise gerne gefragt:
1) Auf welche schlechten Erfahrungen mit der Trinkwassergewinnung in den schon vorhandenen Nationalparks sie denn verweisen können?
2) Der Windpark würde gegebenenfalls doch direkt in ein Gebiet gebaut werden, in dem sich Brunnen der Stadtwerke Goch befinden. Bau und Betrieb der Windräder würden zu Bodenverdichtungen führen; zu Kahlflächen, da nicht wenige Bäume gefällt werden müssten; zu großflächigen Betondeckeln als Sockeln; auch Kontaminationen des Bodens wären nicht auszuschließen.
- Ohne Gefahr für Gewinnung und Qualität des Trinkwassers?
Hans Steih, Kleve
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