Der Ausbildungsmarkt gerät unter Druck
Sowohl die Zahl der Bewerber als auch die der gemeldeten Lehrstellen ist gesunken
NIEDERRHEIN. Im Ausbildungsjahr 2025/2026 ist die Zahl der Ausbildungsplätze in den Kreisen Wesel und Kleve deutlich zurückgegangen. „Das ist vermutlich auch eine Folge der angepassten wirtschaftlichen Lage“, sagt Barbara Ossyra, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Wesel. Gleichzeitig fanden jedoch auch weniger Jugendliche den Weg in die Berufsberatung der Agentur für Arbeit. Ein wesentlicher Grund dafür war der nahezu vollständig ausgefallene gymnasiale Abiturjahrgang 2026. Dabei bleibe die Ausbildung aufgrund des demografischen Wandels ein wichtiger Baustein.
Insgesamt 3734 Bewerber meldeten sich von Oktober 2025 bis Ende September 2026 bei der Agentur für Arbeit Wesel, um Unterstützung bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz zu erhalten. Das waren 374 Jugendliche oder 9,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig standen in den Kreisen Wesel und Kleve insgesamt 3365 betriebliche Ausbildungsstellen zur Verfügung. Das entspricht einem Rückgang um 480 Stellen oder 12,5 Prozent gegenüber dem Ausbildungsjahr 2024/2025.
„Viele Betriebe haben nicht ausgebildet. Wir haben im Agenturbezirk 19.000 Unternehmen, 14.500 davon sind Kleinstbetriebe mit bis zu neun Arbeitnehmern“, erläutert Barbara Ossyra, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Wesel. Gerade kleinere Unternehmen bildeten nicht jedes Jahr aus und verhielten sich in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eher zurückhaltend. Die Ausbildung eines Jugendlichen sei schließlich eine Investition in Zeit und Geld. Ossyra empfiehlt den Betrieben deshalb, Unterstützungsangebote der Arbeitsagentur wie die Assistierte Ausbildung zu nutzen.
Im Kreis Wesel meldeten sich im betrachteten Ausbildungsjahr 2348 Bewerber. Das waren 279 Jugendliche oder 10,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig ging die Zahl der betrieblichen Ausbildungsstellen um 313 beziehungsweise 12,9 Prozent auf 2107 zurück. Im Kreis Kleve fiel der Rückgang bei den Bewerberzahlen etwas geringer aus: Dort suchten 1386 junge Menschen einen Ausbildungsplatz, 95 oder 6,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahl der gemeldeten betrieblichen Ausbildungsstellen sank um 167 beziehungsweise 11,7 Prozent auf 1258. Damit standen auch im Kreis Kleve weniger Lehrstellen zur Verfügung als noch im Ausbildungsjahr zuvor.
Generell gab es im gesamten Agenturbezirk Wesel mehr Bewerber als gemeldete Ausbildungsstellen. Auf 100 betriebliche Ausbildungsplätze kamen statistisch gesehen 111 Bewerbungen. Allerdings berücksichtigt die Statistik der Bundesagentur für Arbeit ausschließlich Bewerber sowie Ausbildungsplätze, die über die Arbeitsagentur gemeldet wurden. Direktbewerbungen und nicht gemeldete Stellen sind darin nicht enthalten.
Zum Ende des Berufsberatungsjahres am 30. September waren im Kreis Wesel noch 287 Jugendliche auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle. Das waren 101 mehr als ein Jahr zuvor. Weitere 230 junge Menschen planten mangels einer passenden Ausbildungsstelle zunächst mit einer Alternative. Dazu gehören beispielsweise ein weiterer Schulbesuch, eine Berufsvorbereitung, eine Einstiegsqualifizierung oder ein Freiwilligendienst. Auf der anderen Seite waren bei der Arbeitsagentur noch 241 unbesetzte Ausbildungsstellen gemeldet, 26 mehr als im Vorjahr.
Eine ähnliche Entwicklung zeigte sich im Kreis Kleve. Dort suchten zum Stichtag noch 249 Jugendliche eine Ausbildungsstelle oder eine Alternative. Das waren 37 mehr als ein Jahr zuvor. Weitere 182 junge Menschen hatten sich mangels einer Ausbildungsstelle zunächst für eine andere Möglichkeit entschieden. Gleichzeitig waren im Kreis Kleve noch 146 Ausbildungsplätze unbesetzt. Das waren 43 mehr als im Vorjahr. Damit stieg die Zahl der nicht besetzten Stellen in beiden Kreisen, während gleichzeitig mehr Jugendliche ohne Ausbildungsplatz blieben.
Auch bei den vorzeitig aufgelösten Ausbildungsverträgen zeigt sich ein differenziertes Bild. Fast jeder dritte Ausbildungsvertrag im Kreis Wesel wird vorzeitig beendet. Im Kreis Kleve waren es etwas weniger. Die Gründe dafür sind vielfältig. Mitunter stellen Jugendliche fest, dass sie den falschen Beruf gewählt haben oder die Bedingungen im Ausbildungsbetrieb nicht ihren Erwartungen entsprechen. Andere brechen ihre Ausbildung nicht grundsätzlich ab, sondern wechseln lediglich den Arbeitgeber. Besonders auffällig ist die Entwicklung im Handwerk: Dort sank die Zahl der vorzeitigen Vertragsauflösungen von fast 46 Prozent im Jahr 2024 auf knapp 38 Prozent im vergangenen Jahr. Dennoch bleibt die Quote hoch. Noch darüber liegen die Freien Berufe mit 38,6 Prozent. In Industrie und Handel beendet knapp jeder dritte Auszubildende seine Ausbildung vorzeitig, in der Landwirtschaft ist es gut ein Viertel. Auch im öffentlichen Dienst ist die Zahl der aufgelösten Verträge gestiegen, allerdings liegt die Quote mit knapp acht Prozent auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau.
Nicht immer geht der Nachwuchs aber vollständig verloren. „Mitunter wechseln die Auszubildenden von einem öffentlichen Dienstherrn zu einem anderen. Weil der Weg kürzer ist oder die Ausbildung besser bezahlt wird, beispielsweise“, erklärt Ossyra. Ein weiterer Grund für vorzeitige Vertragsauflösungen kann das Betriebsklima sein. Dabei habe sich auch die Kommunikation zwischen Ausbildungsbetrieben und Jugendlichen verändert. „Das Motto ‚Lehrjahre sind keine Herrenjahre‘ ist nicht mehr die richtige Kommunikation mit den Jugendlichen“, betont die Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Wesel. Viele Arbeitgeber hätten diese Entwicklung inzwischen erkannt.
Die Auswahl des passenden Berufs bleibt für viele Jugendliche eine Herausforderung. „Es gibt rund 500 Ausbildungsberufe“, erläutert Ossyra. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen konzentriere sich jedoch auf lediglich zehn davon. Besonders gefragt seien unter anderem kaufmännische Berufe, die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker, Tätigkeiten im Verkauf sowie der Beruf der Medizinischen Fachangestellten. Die gemeldeten Ausbildungsstellen zeigten allerdings ein anderes Bild: Im Einzelhandel gebe es mehr Ausbildungsangebote als Nachfrage, während das Angebot im Bereich Kfz-Mechatronik eher dünn sei. Um Jugendlichen die Vielfalt der beruflichen Möglichkeiten näherzubringen, vermittelt die Arbeitsagentur Praktika, organisiert Jobbörsen und bietet Beratungsgespräche an den Schulen an.
Auch die Erwartungen an die berufliche Zukunft haben sich verändert. Die zunehmende Digitalisierung und der Einsatz Künstlicher Intelligenz in vielen Arbeitsbereichen sorgen bei Jugendlichen und Eltern teilweise für Unsicherheit. „Eine betriebliche Ausbildung ist und bleibt ein stabiles Fundament, auf das junge Menschen ihr Berufsleben aufbauen können. Die kommenden Jahre werden in den meisten Berufen von Veränderungen durch neue Technologien und die Integration von Künstlicher Intelligenz in die Arbeitsabläufe geprägt sein“, sagt Ossyra. Die Berufsberater griffen diese Themen in ihren Gesprächen auf und unterstützten junge Menschen dabei, die beruflichen Perspektiven besser einzuschätzen.
Darüber hinaus seien die Wünsche der Jugendlichen nicht immer mit den Angeboten und Erwartungen der Ausbildungsbetriebe vereinbar. Auch die Entfernung zwischen Wohnort, Ausbildungsbetrieb und gewünschtem Arbeitsort könne eine Rolle spielen. Frühzeitige Kontakte zu Unternehmen, Schnuppertage und Praktika seien deshalb wichtige Möglichkeiten, um passende Ausbildungsplätze zu finden. Die Berufsberatung sei dazu regelmäßig an Schulen und bei zahlreichen Veranstaltungen in den Kreisen Wesel und Kleve vertreten, häufig gemeinsam mit Netzwerkpartnern. Ziel sei es, möglichst viele Jugendliche mit unterschiedlichen Bedürfnissen zu erreichen und ihnen die verschiedenen beruflichen Möglichkeiten aufzuzeigen.
Für das bereits angelaufene Ausbildungsjahr besteht nach Einschätzung der Arbeitsagentur weiterhin die Möglichkeit, kurzfristig eine Ausbildung aufzunehmen. Versäumte Lerninhalte könnten nachgeholt werden. Noch gebe es offene Ausbildungsstellen, unter anderem für Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik, Fachlageristen, Gärtner, Kaufleute für Büromanagement und andere kaufmännische Fachrichtungen, Köche, Mechatroniker für Kältetechnik sowie Verkäufer. „Es ist jetzt noch möglich, in das angelaufene Ausbildungsjahr einzusteigen und den versäumten Lernstoff nachzuholen. Dazu haben wir einige offene Ausbildungsstellen im Angebot“, erklärt Ossyra.
Viele Betriebe richteten ihren Blick allerdings bereits auf das kommende Ausbildungsjahr. Das biete Unternehmen die Möglichkeit, Jugendliche zunächst im Rahmen eines längeren Praktikums kennenzulernen und sie im Idealfall im Sommer des kommenden Jahres in eine Ausbildung zu übernehmen. Die Arbeitsagentur empfiehlt den Betrieben deshalb, frühzeitig Kontakt zum Arbeitgeber-Service aufzunehmen. Neben der Vermittlung von Bewerbern gebe es weitere Unterstützungsangebote. Dazu zähle beispielsweise die Assistierte Ausbildung, bei der Auszubildende unter anderem Nachhilfeunterricht erhalten können. Auch ein Ausbildungszuschuss sei möglich, wenn ein junger Mensch mit einer gesundheitlichen Einschränkung zur Fachkraft ausgebildet werde.
Für das kommende Ausbildungsjahr rechnet die Agentur für Arbeit Wesel mit einer leichten Verbesserung der Situation. Die wirtschaftlichen Prognosen seien etwas günstiger, sodass wieder mehr Ausbildungsstellen gemeldet werden könnten. Gleichzeitig werde vorübergehend eine größere Zahl junger Menschen auf den Ausbildungsmarkt kommen, weil es wieder einen regulären Abiturjahrgang gibt. Langfristig erwartet die Arbeitsagentur allerdings einen Rückgang der Zahl junger Menschen.
Informationen zu freien Ausbildungsstellen für 2026 und 2027 sowie zu Praktikumsangeboten gibt es in der Jobsuche der Bundesagentur für Arbeit unter www.arbeitsagentur.de/jobsuche. Weitere Informationen rund um die Ausbildung bietet das Portal www.arbeitsagentur.de/k/ausbildungklarmachen. Termine bei der Berufsberatung können online unter www.arbeitsagentur.de/link/termin oder telefonisch unter 0800 45555 00 vereinbart werden. Die Hotline der Jugendberufsagenturen im Kreis Wesel ist unter 0281/9620-800 erreichbar (montags bis donnerstags von 8 bis 15 Uhr sowie freitags von 8 bis 13 Uhr). Weitere Orientierung bieten das Online-Portal www.mein-beruf.de, das Erkundungstool Check U unter www.check-u.de sowie das Filmportal Berufe TV unter www.berufe.tv. Informationen für Eltern, Erziehungsberechtigte und Lehrkräfte sind ebenfalls auf www.mein-beruf.de zu finden.
Arbeitgeber können sich an den gemeinsamen Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit Wesel und des Jobcenters Kreis Wesel wenden. Dieser ist unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 45555 20 montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr erreichbar. Anfragen sind außerdem per E-Mail an Wesel.Arbeitgeber@arbeitsagentur.de oder Kleve.Arbeitgeber@arbeitsagentur.de sowie über www.arbeitsagentur.de/unternehmen/ausbilden möglich.
Die Agentur für Arbeit Wesel stellte die aktuellen Ausbildungszahlen vor. Foto: Agentur für Arbeit Wesel