Judith Hendriks ist auf einem schwierigen Weg unterwegs. NN-Foto: hf
21. Februar 2026 · Kranenburg

Das Überlebensparadox

Die Geschichte von den unvorstellbaren Schwierigkeiten, ein „normales“ Leben zu führen

KRANENBURG. Vielleicht muss unterschieden werden zwischen Wirklichkeit und Realität, zwischen anscheinend und scheinbar, zwischen Außenwirkung und innerer Angst.

Judith Hendriks hat ein entgegenkommendes Lächeln. Sie hat mich eingeladen, ihr Leben zu betreten. „Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben“, sagt sie. Judith Hendriks hat schlecht geschlafen vor diesem Treffen. Sie ist nervös. Aufgeregt. Würde sie es nicht sagen – es würde mir nicht auffallen.

Da ist er: der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität – zwischen Außenwirkung und innerer Angst. Das Leben: eine Art Falle. Eine Inszenierung. Da ist die Rolle, die sie spielt, um dazuzugehören – um Teil des vermeintlich Normalen zu sein. Und dann ist da das Auge des Orkans im Inneren: die Angst davor, die eigene Verletzlichkeit zu zeigen und zum Stempelkissen zu werden – in einer Schublade zu enden, auf der mindestens „komisch“ steht.

Judith Hendriks lebt mit vielen Einschränkungen. Da sind die Depressionen. Da ist der Autismus. Da sind Suizidgefährdung und ADHS. Hendriks ist arbeitsunfähig. Lange schon. Sie erzählt von Klinikaufenthalten – immer wieder. Hendriks spricht von „einer dunklen, schwierigen Zeit“. Sie erzählt von Medikamenten, die nicht anschlugen und als man längst in diesem Schlund angekommen ist, der keinen Ausweg zu haben scheint, erzählt sie vom Laufen – vom ersten Kontakt mit dem Sport. Der Sport als erste Station auf dem Weg in ein Leben mit weniger Ausweglosigkeiten.

Hendriks ist Triathletin. Sie ist erfolgreich. Wenn sie beschreibt, wie es war, als sie das erste Mal mit anderen Athleten zusammenkam – mit Athleten, die auch mit Handicaps zu tun hatten, schildert sie eine Situation des Normalen. „Plötzlich musste ich nichts erklären. Ich konnte einfach ich sein. Niemand hat gefragt.“ Und während man noch das Wort „schön“ denkt, wird etwas deutlich – langsam schleicht es sich ins Hirn. Was, wenn der Wettkampf vorbei ist? Wenn es zurück geht in eine vermeintliche Normalität, in der das Unsichtbare untergeht?

Mittlerweile ist Hendriks Kampfrichterin beim Triathlon. „Weil ich inzwischen auch mit Rheuma zu tun habe, geht es mit dem Aktivsein nicht mehr so gut.“ Kampfrichterin – das klingt fast nach einem normalen Leben. Hendriks beschreibt es so: „Obwohl ein Tag als Kampfrichterin bedeutet, dass ich mich die Woche vorher schonen soll und die Woche danach eine Woche voll Migräne ist, mache ich das gerne.“ In diesem Jahr wird Hendriks am größten Multisport-Event für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung teilnehmen. Sie hat sich qualifiziert. „Ich habe mich zusammen getan mit einem anderen Triathleten aus Mecklenburg-Vorpommern. Wir nennen uns ‚Team TriHelden‘.“ Zurück in den anderen Teil eines schwierigen Lebens: Hendriks hat „Scripts“ für das „Normale“ entwickelt. Handlungsmuster, die eigentlich Umleitungen sind – die das für sie Normale verkleiden, damit es für die anderen den Anschein des Normalen erweckt. Was Hendriks „Scripts“ nennt oder „Masken“, wird spätestens im Alltag zur Falle. Die Menschen im Umfeld werden Zeugen einer Inszenierung des Normalen, das aber nur scheinnormal ist. Sie akzeptieren einen Mensch, der (zum eigenen Schutz) die Deckung nicht verlässt, die das Überleben ermöglicht. Ein Überlebensparadox entsteht.

Das Leben: ein Widerspruch – befeuert von dem Wunsch der Zugehörigkeit. „Die Leute wissen nicht, wie viel Kraft es mich kostet, am normalen Leben teilzunehmen“, sagt Hendriks. Und ich denke: Wie sollen die es auch merken, wenn sie Teil einer nahezu perfekten Inszenierung sind? Irgendwann sei ihr klar geworden, sagt Hendriks, dass „Rettung“ bedeutet, die Deckung zu verlassen. Ein Paradox. Es geht um die Offenlegung der eigenen Ängste. Das Zeigen der Verwundbarkeit. Ein schwerer, anfangs fast unmöglich erscheinender Schritt – einer, der unendlich viel Mut erfordert: ein Schritt ohne Netz und doppelten Boden. Längst hat Hendriks diesen Schritt getan. Auf Instagram schreibt sie über ihr Leben. „Und ich bekomme sehr viel positive Rückmeldungen.“ Die Bestätigung dafür, dass es ein Fortschritt ist, die Deckung fallen zu lassen. „Das funktioniert längst noch nicht immer.“ Hendriks schickt mir nach unserem Treffen das Bild eines Tellers. Auf dem Teller: ihr Essen. Die unterschiedlichen Komponenten dürfen sich nicht berühren. Für jede Komponente eine eigene Abteilung. Der Teller: sichtbar in Fächer aufgeteilt. Hendriks schreibt: „Am Wochenende war ich mit Kampfrichtern essen. Leute, die ich bis dahin noch nicht kannte. Ich habe trotzdem mein Essen so aufgeteilt auf meinem Teller. Für alle sichtbar. Und habe nur kurz erklärt warum. Also: Ich versuche mich immer weniger zu verstecken.“ Als ich das lese, begreife ich, wie viel Mut es kosten muss, Menschen ins eigene Leben zu lassen und ihnen die „Zimmer des Verhaltens“ zu zeigen, die man früher nur ganz allein betreten hat.

„Ich weiß noch nicht, welche Geschichte ich am Ende schreibe“, sage ich zum Abschied. Vielleicht spielt der Sport eine Rolle, aber eigentlich geht es um etwas anderes. Eigentlich geht es um den Mut. Hendriks, denke ich, ist eine Heldin. Schwäche zu zeigen und Verletzlichkeit ist ein echtes Wagnis. Gelingen kann es nur, wenn du Menschen triffst, die sich einlassen – die offen sind oder sich öffnen; die bereit sind, die Welt jeden Tag neu zu denken. Zuhören. Mitfühlen. Sich Zeit nehmen. Als ich gehe, bedanke ich mich. Jemand hat mir vertraut.

Judith Hendriks ist auf einem schwierigen Weg unterwegs. NN-Foto: hf