"Verantwortliche präsentieren Geldrischen Heimatkalender 2027, NN-Foto von Thomas Langer"
5. November 2026 · Niederrhein

Das Gelderland aus neuen Blickwinkeln entdecken

Der Geldrische Heimatkalender 2027 setzt die Erforschung der Region fort

GELDERLAND. Geldern von oben, hell erleuchtet am dämmrigen Morgen des Drachen- und Feuerfestes Anfang Januar: Das Bild von Joachim Schulz, das auf dem Cover des Sammelbandes prangt, zeigt exemplarisch, was den meisten Menschen in den Gelderländischen Kommunen verborgen bleibt. Gut, dass es den Geldrischen Heimatkalender gibt: Jedes Jahr fördert er nicht nur solche bildlichen Eindrücke zutage, sondern auch viele neue Perspektiven auf die geschichtlichen Seiten der Kommunen – Geschichtsforschung trifft auf -vermittlung.

Das Flaggschiff des Historischen Vereins: So habe Heinz Bosch, ehemaliger Vorsitzender des Historischen Vereins für Geldern und Umgegend, den Heimatkalender einmal bezeichnet, erzählt sein Nachfolger Gerd Halmanns. Die 51. Auflage für 2027 gibt ihm Recht: Auf 296 Seiten beleuchten 42 Autoren, Fotografen, Dichter und Erzähler das Gelderland in ihren Beiträgen mit insgesamt 282 Fotos und Abbildungen aus neuen Perspektiven – nach acht Jahren liegt der Fokus erstmals wieder auf der Stadt Geldern.

Daher leitet auch die Kategorie „Gelderner Aspekte“ den neusten Band ein. Den Anfang macht Michael Klatt mit seiner Analyse der Entwicklung der Stadt Geldern: Schulen, Kitas, Sportstätten, Wohnen, Innenstadt-Modernisierung, Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit; In der Drachenstadt haben viele Fäden zusammengefunden. Rien van den Brand hat sich seinerseits dem sexuellen Fehlverhalten des Paters Gerhardt de Greef im Augustinerinnenkloster Nazareth/Geldern (circa 1605-1609) gewidmet – hier trifft Frühe Neuzeit auf eine noch immer brandaktuelle Thematik.

Christian Wiltsch hat die Orientierung der Kirchen in Gelderns Westen zum Thema. Die wechselhafte Geschichte des Triumphkreuzes der Kapellener St.-Georg-Kirche und des Hagelkreuzes ist Inhalt des Beitrags von Hubert Dornbusch. Gerd Halmanns hat sich den Wechsel Gelderns von der französischen zur preußischen Herrschaft angeschaut – und zeigt auf, dass nicht das gesamte Bürgertum die Begeisterung der Mitmenschen teilte. Eine geistliche Figur rückt Gabriele van Krimpen in den Fokus, oder vielmehr den Lebensweg des Dr. theol. Heinrich Selhorst vom KZ-Häftling zum Domkapitular. Dirk Möwius und Bernd Stibi beenden das Gelderner Kapitel mit einer Betrachtung der Entwicklung der Manten AG als Traditionsgastronomie zum Jubiläumsjahr.

In der Kategorie „Aktuelles aus dem Gelderland“ stellt Yvonne Bergerfurth das neue Magazin für das Stadtarchiv Geldern vor. Gisela Rode fasst in ihrer Chronik des Gelderlandes das regionale Geschehen aus 2026 zusammen. Elena Buchholz informiert über neue Publikationen zur Geschichte der Region.

Die Bedeutung der Artenvielfalt

Unter „Aus Natur und Landschaft“ geht es im Beitrag von Hermann-Josef Windeln um den Tagfalter im Kreis Kleve, genauer um seine Gefährdung und Möglichkeiten zum Erhalt des „Gauklers der Lüfte“. Christian Behrens wiederum thematisiert den Erhalt der Artenvielfalt am Beispiel der Käfer.

Auch die Kategorie „Erinnerungen“ kehrt zurück: Franz-Joseph Martin blickt als 94-jähriger auf seine Erlebnisse im zweiten Weltkrieg als Zehnjähriger zurück. Dabei geht es weniger um den Krieg als solchen, sondern um den Alltag in dieser schwierigen Zeit. Bernhard Keuck erinnert seinerseits an Karl Alsters auf der Grundlage jener Briefe, die er an der Front schrieb, wo er 1945 fiel.

„Aus Archäologie, Geschichte und Kunst“ ist die größte Kategorie. Marc Steputat schreibt über Johan van Honselaer, der im späten 14. Jahrhundert die Zukunft des Herzogtums Geldern maßgeblich mitgestaltet hat. Beate Sturm zeichnet anhand einer Karte die kirchliche Neuordnung nach, in dessen Rahmen Schaephuysen eine eigenständige Pfarrei wurde. Manuel Hagemann stellt den wenig beachteten Kartenbestand des Archivs auf Schloss Wissen vor.

Der frühere rokokeske Niersemans-Hochaltar in der Petrus-Kirche Wetten ist Gegenstand im Beitrag von Dennis Hartjes. Bernd Kibilka rückt den evangelischen Friedhof in Kervenheim und die Gruft der Familien Gerdts und Knoops in den Mittelpunkt. Clemens Broeckmann und Dieter Zimmermann haben die Geschichte des erstmals 1495 erwähnten Laershof in Holt zum Thema gemacht. Mathias Büsch beschäftigt sich mit den amtlichen Karten und Statistiken der letzten 200 Jahre in Kerken.

Joachim Bever untersucht anschließend einen zweifelhaften Sterbefall aus der Franzosenzeit. Heinz Dieter Bonnekamp bringt den Lesern die Entstehung der route impériale Classe I Nr. 3 von Paris nach Hamburg nahe – eine wichtige Militär- und Handelsstraße, die 1807 auf Befehl Napoleons entstand. Einen anderen Weg schlägt Peter Nieting ein: Er beleuchtet die Entwicklung der B9 vom holprigen Weg zur wichtigen Fernverkehrsstraße. Gerd Halmanns hat seinerseits die Weezer Wasserstraße in den Blick genommen.

Elgin Vaassen stellt die Werke des unbekannten Glasmalers Peter Mathias van Treeck aus Krefeld vor. Die traurige Geschichte des Issumers Robert Tang hat Jürgen Kwiatkowski aufgerollt. Nach Kevelaer entführt schließlich Veronika Kaenders, wenn sie von einer Entwurfszeichnung des Antoniusaltars in der Marienbasilika schreibt.

Ausflüge in die NS-Zeit

Der Fotograf Carl Stappers ist der Protagonist im Beitrag von Nicole Sillekens. Johanna Klümpen-Hegmans erzählt ihrerseits vom christlichen Widerstandskämpfer Matthias Merstens aus Wachtendonk zur NS-Zeit. Johannes Baaken beschäftigt sich mit der Entstehung der St.-Josef-Kapelle in Achterhoek im Zuge der Zerstörung weiterer Kirchen im Umfeld.

Herbert Bloemen und Claudia Kurfürst informieren gemeinsam über den Herongener Lehrer Arnold Schleicher, der sich durch falschen Idealismus zum Werkzeug der Nazis machte – und schließlich selbst im Internierungslager landete. Clemens Broeckmann hat zudem mit den Beurkundungen von Kriegssterbefällen in Straelen Dokumente voller Schrecken und Trauer zutage gefördert.

Die Kategorie „Volkskunde und Sprache“ wartet mit Georg Cornelissens Beitrag über Georg Wenkers Dialektfragebogen von 1876 auf – es geht um 150 Jahre Sprachforschung im Raum Geldern. Peter Lingens beschäftigt sich mit einer Spezialform der Kevelaerer Andachtsbildchen aus dem 18. Jahrhundert und Belegen für einen Devotionalienhandel mit dem Alpenraum. Rafael Sürgers nimmt die Geschichte der historischen Leuker-Familienkrippe unter die Lupe.

Auch auf Gedichte und (Mundart-)Erzählungen muss der Leser nicht verzichten: Beiträge kommen von Heinz Velmans, Liss Steeger, Alois van Doornick und Christian Behrens.

Und weil der Heimatkalender „nicht nur ein Buch zum Lesen, sondern auch eines zum Blättern ist“, wie Gerd Halmanns sagt, bilden die visuellen Highlights der Kategorie „Fotoserien“ den Abschluss: Bruno und Dirk Langer zeigen Geldern bei Nacht, während Joachim Schulz die Betrachter mitnimmt auf seine Reise durch Gelderns Ortsteile.

Mit einer Auflage von 1.800 Stück ist der Geldrische Heimatkalender 2027 für 12,90 Euro im Buchhandel und beim Historischen Verein für Geldern und Umgebung, Hartstraße 4-6 in Geldern, zu haben. „Ohne unsere Sponsoren könnten wir den Preis allerdings nicht halten“, sagt Gerd Halmanns. Er dankt der Volksbank an der Niers, der Familie Bösken-Diebels und dem Kreis Kleve.

Die Verantwortlichen präsentieren den Geldrischen Heimatkalender 2027. NN-Foto: Thomas Langer