"Sozialpädagoginnen Lena Werken und Bianca Turek beraten Care Leaver in Kleve, Jugendhilfe, Eigenständigkeit, SOS-Kinderdorf"
4. November 2026 · Kleve

Damit junge Menschen ihren eigenen Weg gehen können

Seit vier Jahren hilft die „Care Leaver Anlauf- und Beratungsstelle“ in Kleve

KLEVE. Wer in einer Einrichtung der Jugendhilfe aufgewachsen ist, muss oft früher auf eigenen Beinen stehen als Gleichaltrige. Seit vielen Jahren kümmert sich das SOS-Kinderdorf Niederrhein um junge Menschen auf diesem Weg, seit vier Jahren auch mit der Care Leaver Anlauf- und Beratungsstelle. Rund 100 Care Leaver haben in dieser Zeit die Beratungsstelle in Kleve bereits genutzt.

Die erste eigene Wohnung, der Start ins Berufsleben, der Umgang mit Geld und Behörden: Erwachsenwerden ist nicht einfach. Die meisten jungen Menschen können dabei auf ihre Eltern zählen. Sie helfen bei Entscheidungen, springen finanziell ein oder bieten im Notfall ein Zimmer an. Für die allermeisten Care Leaver gibt es dieses Sicherheitsnetz nicht. Sie müssen allein zurechtkommen. Care Leaver sind junge Menschen, die in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe aufgewachsen sind und bereits im jungen Erwachsenenalter auf sich alleine gestellt sind. Damit müssen sie wichtige Schritte auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit viele Jahre früher bewältigen als Gleichaltrige, die nach statistischem Durchschnitt erst mit 24 Jahren das Elternhaus verlassen. Manche Care Leaver fragen sich schon mit 16 oder 17 Jahren, wo und wovon sie nach dem Ende der Jugendhilfe leben sollen. „Diese Sorgen können für junge Menschen sehr existenziell sein“, sagt Bianca Turek, Sozialpädagogin der Care Leaver Anlauf- und Beratungsstelle des SOS-Kinderdorfs Niederrhein. Sie kennt die Situation aus eigener Erfahrung: Auch Turek ist in der Jugendhilfe aufgewachsen. „Viele junge Erwachsene wissen: Wenn etwas schiefläuft, kann ich meine Eltern anrufen. Für viele Care Leaver ist dieses Sicherheitsnetz schlicht nicht da. Gleichzeitig stehen sehr früh Entscheidungen an, die ihre gesamte Zukunft prägen können.“

Rund 100 junge Menschen beraten

Seit 2022 begleitet die Beratungsstelle in Kleve junge Menschen auf dem Weg in die Eigenständigkeit. Rund 100 Care Leaver haben das Angebot bislang genutzt. Finanziert wird es aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds im Rahmen des Bundesprogramms „Jugend stärken – Brücken in die Eigenständigkeit“. Die Stadt Kleve und das SOS-Kinderdorf Niederrhein beteiligen sich mit Zuschüssen. Die Anliegen der jungen Menschen sind vielfältig. Manche haben Fragen zu BAföG oder Jobcenter. Andere kämpfen gleichzeitig mit Geldsorgen, einer unsicheren Wohnsituation und bürokratischen Hürden. Wenn Leistungen ausbleiben, die Miete nicht bezahlt werden kann oder eine Wohnmöglichkeit wegfällt, wird aus einem Problem schnell eine Krise. Ohne familiären Rückhalt fehlt oft jede Möglichkeit, solche Situationen aufzufangen. In Einzelfällen droht sogar Obdachlosigkeit – und das jungen Menschen, die gerade erst volljährig geworden sind. „Wir schauen immer auf das gesamte Bild“, erklärt Sozialpädagogin Lena Werken. „Wir klären zuerst: Wo steht der junge Mensch gerade? Was ist dringend? Welche Möglichkeiten gibt es? Dann sortieren wir gemeinsam die nächsten Schritte.“ Dabei geht es nicht nur darum, akute Probleme zu lösen. Die Fachkräfte helfen auch, Perspektiven zu entwickeln. Wer möglichst schnell eine eigene Wohnung beziehen möchte, stößt auf einen angespannten Wohnungsmarkt. Vielleicht bietet eine Wohngemeinschaft zunächst mehr Sicherheit. Vielleicht muss erst ein Ausbildungsplatz gefunden werden. Die Fachkräfte prüfen gemeinsam mit den jungen Menschen Alternativen und helfen, Prioritäten zu setzen. Die Entscheidungen treffen die jungen Menschen selbst. Das ist den pädagogischen Fachkräften ein besonderes Anliegen. Die Beratung ist kostenlos, neutral und unabhängig. Im Mittelpunkt stehen die Wünsche und Ziele der jungen Menschen.

Praktische Hilfe und persönlicher Rückhalt

Wie viel Unterstützung jemand braucht, ist unterschiedlich. Manche Care Leaver kommen mit einer konkreten Frage, andere benötigen Begleitung bei mehreren Herausforderungen zugleich. Schon ein Behördentelefonat, eine Bewerbung oder ein Antrag kann zur Hürde werden. Besonders schwierig wird es, wenn Unterschriften oder Nachweise der Eltern verlangt werden, zu denen seit Jahren gar kein oder kaum Kontakt besteht. Die drei pädagogischen Fachkräfte helfen deshalb ganz praktisch: Sie ordnen Unterlagen, klären Fristen, bereiten Gespräche vor, begleiten Behördengänge und vermitteln weitere Hilfen. Zugleich haben sie die persönliche Situation der jungen Menschen im Blick. „Wir helfen auch in emotional schwierigen Situationen. Trennung, Trauer, Einsamkeit – die jungen Menschen finden bei uns den Halt, der ihnen sonst häufig fehlt“, sagt Werken. Ihr Kollege Osman-Firat Elis begleitet viele Care Leaver mit Migrationshintergrund. „Dann spielen zusätzlich Fluchterfahrungen, die Entfernung zur Heimat, Sprache oder kulturelle Fragen eine Rolle. Auch hier unterstützen und vermitteln wir.“

Entscheidend ist für das Team, die Hilfe auf den Einzelnen abzustimmen. „Wir wollen Orientierung geben und gleichzeitig die Eigenständigkeit stärken“, sagt Werken. „Manchmal braucht es nur einen kleinen Impuls. In anderen Situationen geht es darum, erst einmal wieder Stabilität zu schaffen. Entscheidend ist, dass die Unterstützung zum jungen Menschen und zu seiner aktuellen Lebenssituation passt.“ Die Beratung soll möglichst früh greifen, bevor aus Problemen Krisen werden. Ein Erstgespräch ist in der Regel innerhalb einer Woche möglich, in akuten Fällen schneller. Viele kommen auf Empfehlung anderer Care Leaver. Manche melden sich erneut, wenn neue Fragen auftauchen.

Während die Erfahrungen in Kleve zeigen, wie wichtig verlässliche Hilfe ist, wird auf Bundesebene über Einsparungen in der Kinder- und Jugendhilfe diskutiert. Auch die Unterstützung junger Volljähriger steht unter finanziellem Druck. Für das SOS-Kinderdorf Niederrhein wäre es der falsche Weg, ausgerechnet dort zu sparen, wo jungen Menschen der familiäre Rückhalt fehlt. „Wir erleben in Kleve, dass junge Volljährige, die in öffentlicher Verantwortung groß geworden sind, sehr unterschiedliche Unterstützung brauchen. Entscheidend ist, dass passende Hilfen verfügbar bleiben und sich am jeweiligen Bedarf orientieren“, sagt Peter Schönrock, Gesamtleiter des SOS-Kinderdorfs Niederrhein. Für ihn muss der Rechtsanspruch auf Hilfe für junge Volljährige erhalten bleiben. Öffentliche Verantwortung ende nicht mit dem 18. Geburtstag. „Diese jungen Menschen haben auf ihrem bisherigen Lebensweg bereits viele Herausforderungen bewältigt. Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, ihnen beim Übergang in die Selbstständigkeit verlässliche Rahmenbedingungen zu geben.“ Aus Schönrocks Sicht könne gezielte Unterstützung verhindern, dass junge Menschen ihre Ausbildung abbrechen, ihre Wohnung verlieren oder dauerhaft auf Sozialleistungen angewiesen sind. Wer heute an dieser Hilfe spare, riskiere langfristig höhere gesellschaftliche Folgekosten. „Gute Unterstützung heute schafft Zukunft für morgen“, so Schönrock. „Wer jungen Menschen frühzeitig Orientierung, Stabilität und passende Hilfe ermöglicht, stärkt ihre Chancen auf ein eigenständiges Leben. Genau diese langfristige Perspektive sollte eine Reform der Jugendhilfe im Blick behalten.“

Vier Jahre Beratungsarbeit in der „Care Leaver Anlauf- und Beratungsstelle“ in Kleve zeigen: Der Weg in die Selbstständigkeit verläuft Schritt für Schritt. Deshalb bleibt die Beratungsstelle auch dann ansprechbar, wenn junge Menschen ihren Alltag schon in weiten Teilen selbst meistern. Denn selbstständig zu sein bedeutet auch, zu wissen, wo man Hilfe findet, wenn man sie braucht.

Die Sozialpädagoginnen Lena Werken und Bianca Turek kümmern sich in der Care Leaver Anlauf- und Beratungsstelle in Kleve um junge Menschen, die in der Jugendhilfe aufgewachsen sind und jetzt ihren Weg in die Eigenständigkeit gehen. Foto: SOS-Kinderdorf Niederrhein/ Katrin Wißen