„Beruf mit hoher Wertigkeit – und Vollbeschäftigung“
Dr. Andreas Bock über Ausbildung und Arbeit in den Pflegeberufen
Herr Dr. Bock, das neue Pflegeberufegesetz hat eine Aufwertung und eine höhere Attraktivität der Pflegeberufe versprochen. Seit 1. Januar 2020 erfolgt die Ausbildung auf Grundlage dieses Gesetzes – mit dem gewünschten Ergebnis?
Wie genau sehen Aufwertung und höhere Attraktivität aus?
Bock: Wir haben bei der Pflegefachfrau und dem Pflegefachmann durchgängig eine europaweite Anerkennung, ohne weitere Voraussetzungen. Das ist ein großer Gewinn. Außerdem sprechen wir mit einer Stimme über die „alten“ drei Berufsgruppen hinweg.
Machen sich die Veränderungen auch bei den Bewerberzahlen für eine Ausbildung bemerkbar?
Bock: Wir haben zumindest keine Einbrüche – und das ist auch schon mal positiv. Denn man muss klar sagen: Die Belastung in der Pflege ist weiterhin sehr hoch, bedingt durch Covid-19 und Personalmangel.
Sie haben Corona angesprochen. Während der Pandemie ist die Pflege besonders in den Fokus gerückt. Haben Sie das an der Schule auch gespürt?
Bock: Den Auszubildenden ist klargeworden, welche Wertigkeit der Beruf hat, den sie anstreben. Natürlich muss man auch sagen, dass viele Versprechungen, die etwa seitens der Regierung vorher angekündigt wurden, noch nicht umgesetzt worden sind.
Gibt es auch etwas, das sich speziell in der Ausbildung verändern muss?
Bock: In der Pflege wird die Ausbildung nach wie vor gut bezahlt, da sind wir unter den Top-5. Danach aber wird’s schwierig. Eine grundsätzliche Wertschätzung muss erfolgen. In der Bevölkerung ist sie durch Corona zwar angekommen, aber insgesamt schätzt man die Ausführenden noch nicht so wert, wie sie es verdienen.
Um auch mehr Auszubildende zu generieren? Denn der Fachkräftemangel ist in der Pflege ja längst angekommen, wie immer wieder zu hören ist.
Bock: Wenn noch einige Faktoren angepasst werden, wird uns das sicherlich gelingen. Das betrifft beispielsweise das Gehaltsgefüge nach der Ausbildung. Die Arbeitszufriedenheit in allen Einrichtungen muss auf ein höheres Level gehoben werden.
Wie ist denn die Zufriedenheit bei Ihren Auszubildenden?
Bock: Sie sind überwiegend weiterhin guter Dinge und freuen sich über ihre Berufswahl. Aber natürlich ist die Arbeitsbelastung – nicht zuletzt durch Corona – enorm, gerade wenn es um die Intensivstationen, aber auch die Pflegeeinrichtungen geht.
Bei aller – politischer – Diskussion: Was macht für Sie den Reiz der Pflegeberufe aus?
Bock: Wir haben ein hochinteressantes Arbeitsumfeld. Es ist nie langweilig, immer tagesaktuell, mit immer neuen Herausforderungen und einem hohen Maß an Verantwortung. Natürlich gibt es den einen oder anderen, der erst lernen muss, damit zurechtzukommen, aber dafür haben wir ja die drei Jahre Ausbildung. Und nicht zu vergessen: Wir haben das ganze Portfolio an Schulabschlüssen und ein breites Altersspektrum. Es gibt Auszubildende, die gerade 18 geworden sind, aber auch solche, die bereits einige Lebenserfahrung mitbringen, die 40 bis 50 sind. Sie bringen natürlich wieder ganz andere Kompetenzen mit.
Also sprechen Sie durchaus auch Bewerber an, die bereits Erfahrungen in anderen Berufen gesammelt haben?
Bock: Auf jeden Fall. Wir haben relativ viele, die nach einer familiären Phase den Wiedereinstieg ins Berufsleben suchen oder sich noch einmal neu aufstellen wollen nach einem Beruf, der nicht so spannend war, zum Beispiel im Büro-Alltag. Sie treibt letztlich dasselbe um wie die jungen Schulabgänger: die Aussicht auf einen sicheren Job – die Arbeitslosigkeit bei Pflegekräften liegt bei 0,2 Prozent – und eine Tätigkeit mit und am Menschen. Eine solche Vollbeschäftigung ist in der heutigen Zeit ein wichtiges Argument. So ergibt sich in unseren Klassen ein breites Altersspektrum, und genau das befruchtet sich gegenseitig. So trifft beispielsweise Lebenserfahrung auf Lernvorsprung, ohne dass eine Gruppe einen Vorteil hätte. Und dann gibt es noch den kulturellen Aspekt.
Wie sieht der aus?
Bock: Wir sind in unseren Klassen kulturell breit aufgestellt, nicht nur konfessionsübergreifend. Hier treffen auch ganz unterschiedliche Ethnien aufeinander, die im normalen Alltag vielleicht nur schwer oder sogar gar nicht miteinander kommunizieren würden. Das kann enorm kompetenzsteigend sein.
Dr. Andreas Bock Foto: privat
Ein hohes Maß an Verantwortung bringen die Berufe in der Pflege mit sich. Foto: Didesign/Adobe Stock