Corina Grieger, die Vorsitzende von „Lauter werden“. Foto: privat
8. August 2025 · Emmerich

„Barrierefreiheit ist ein Muss!“

Corina Grieger, 1. Vorsitzende von „Lauter werden“ in Emmerich, über den Expertentag 2.0

EMMERICH. Zum zweiten Mal lädt die „Initiative Barrierefrei – lauter werden“ aus Emmerich zu einem Expertentag mit Fachvorträgen und Gesprächsrunden ein. Am Samstag, 30. August, findet von 10 bis 16.30 Uhr der „Expertentag 2.0“ in der Wasserburg Rindern statt; die Teilnahme ist kostenfrei. Auf dem Programm stehen unter dem Motto „Netzwerke schaffen und nutzen“ Informationen, Austausch und Gespräche zum Thema Inklusion mit Betroffenen und Experten. Im Vorfeld spricht Corina Grieger (50), die 1. Vorsitzende von „Lauter werden“, im NN-Interview über die kommende Veranstaltung, über die Initiative und die Frage: Wie barrierefrei ist Emmerich?

Frau Grieger, seit wann besteht die „Initiative Barrierefrei – lauter werden“?

Corina Grieger: Die Initiative gibt es seit dreieinhalb Jahren. Damals bin ich von einer 87-jährigen Autofahrerin mit meinem Rollstuhl erfasst worden. In der Folge habe ich – obwohl ich bereits seit vielen Jahren im Rollstuhl sitze – gemerkt, wie schlimm es ist, wenn man gar nichts mehr kann und wie viele Barrieren sich im Alltag auftun. Danach habe ich die Gruppe eröffnet mit dem Ziel, die derzeitige Situation unter dem Aspekt „Barrierefreies Emmerich und Umgebung“ zu verbessern sowie eine Möglichkeit zum Austausch auf Augenhöhe zu schaffen, beispielsweise mit der Politik.

Wie schnell haben Sie nach der Gründung von „Lauter werden“ Mitstreiter gefunden?

Grieger: Eigentlich recht schnell. Viele kennen mich. Ich habe erst eine Internet-Seite eröffnet über mich und mein Leben im Rollstuhl. Dort haben viele Leute Interesse gezeigt. Am 23. Juni 2022 habe ich die Seite „Lauter werden“ für alle Menschen mit Beeinträchtigung eröffnet. Aktuell hat die Initiative 18 Mitglieder aus Emmerich und umliegenden Kommunen, mit einem kleinen aktiven Kreis. Wir setzen uns für ein Miteinander ein – mit der Politik und allen anderen Menschen. Wir treffen uns regelmäßig, an jedem dritten Samstag im Monat, und tauschen uns aus, beispielsweise über aktuelle Schwierigkeiten und Hindernisse in der Stadt sowie Projekte, die wir planen können. Eigentlich sprechen wir über alles.

Können Sie ein paar Beispiele für solche Hindernisse in Emmerich nennen, bei denen die Initiative aktiv werden will oder bereits aktiv geworden ist?

Grieger: Durch unsere Initiative sind zwei Behindertenparkplätze vor einer Arztpraxis entstanden, in der auch eine Physiotherapie-Praxis ansässig ist. Hindernisse gibt es beispielsweise, wenn ich ins Rathaus gehen möchte. Das hat nichts mit barrierefrei zu tun: Ich muss mich anmelden, unter Umständen auch bei der Bücherei, damit man hier hinten die Tür aufschließt. Dort habe ich dann wieder eine Barriere: Da ich nur eine Hand benutzen kann, kann ich nicht gleichzeitig lenken, die Tür aufhalten und durchfahren. Eigentlich gibt es überall Barrieren; zum Beispiel sind die Absenkungen der Bürgersteige teilweise massiv. Es gibt hier so viele Hindernisse.

Die man als Fußgänger vermutlich nicht bemerkt.

Grieger: Richtig. Deshalb organisieren wir beispielsweise Rollstuhlfahrten. Dabei können sich Interessierte in einen Rollstuhl setzen, wir nehmen sie mit durch Emmerich, und sie erleben die Stadt aus einer anderen Perspektive. Wir haben bereits Parteien eingeladen, die Stadtverwaltung und die Wirtschaftsförderung. Die Selbsterfahrung in Begleitung im Rahmen des LAG-Projekts „In Zukunft Inklusive“ geht in eine ähnliche Richtung: Dabei erhalten die Teilnehmer eine Augenmaske und einen Langstock und erfahren, wie sich das anfühlt. Oder sie setzen einen Gehörschutz auf und mussten Lippenlesen. So versuchen wir, einiges zu bewegen, damit die Leute merken: Wie ist es denn, wenn...? Außerdem betreiben wir Aufklärung, etwa in Sachen Assistenzhunde in Geschäften.

Wie barrierefrei ist denn Emmerich aus Ihrer Sicht?

Grieger: Gute Frage. Man bemüht sich. An manchen Stellen hat sich auch etwas verändert. Aber: Gut gemeint heißt nicht gut gemacht. An vielen Stellen bekommt man zum Beispiel aufgrund des Kopfsteinpflasters ein Schütteltrauma, wenn man mit dem Rollstuhl darüberfahren muss. Oder der „ganz intelligente“ Sand auf dem Neumarkt – wo soll denn der Rollstuhlfahrer hin? Wenn der Sand nass ist, bleibt man auch schon mal stecken. Da hat man sich einfach nicht mit Betroffenen auseinandergesetzt. Letztlich muss man sagen: Emmerich ist nicht barrierefrei – man kommt dem langsam näher, ist aber noch längst nicht nah. Es gibt auch keine barrierefreien Bushaltestellen in der Innenstadt.

In der ganzen Innenstadt nicht?

Grieger: Nein, nicht einmal am Bahnhof oder, was besonders wichtig wäre, am Emmericher Krankenhaus, wo es jetzt erhalten bleibt. Wenn man dann hört: „Frühestens in fünf Jahren“, muss man sagen: Das ist einfach schlecht! Die Busse senken sich zwar ab, aber ohne einen Bordstein hilft das nicht. Denn nicht jeder Busfahrer ist so ohne Weiteres bereit auszusteigen, die Rampe auszuklappen und den Rollstuhl reinzuschieben. Ich bin schon stehengelassen worden, andere Mitglieder unserer Gruppe auch. Es heißt war immer: Kinder werden stehen gelassen. Behinderte aber genauso!

Nun steht der Expertentag 2.0 an. Gab es denn auch schon eine Version 1.0?

Grieger: Es gab bereits einen Expertentag in Duisburg-Hamborn, im November 2023. Damals haben wir auch den Inklusionsscheck NRW bekommen. Diesmal findet der Tag auf der Wasserburg in Kleve-Rindern statt – und wir haben erneut den Inklusionsscheck erhalten.

Wen wollen sie mit dem Expertentag ansprechen?

Grieger: Es geht ganz allgemein um alles, was das Thema Behinderung betrifft. Dr. Monika Rosenbaum, Sozialwissenschaftlerin aus Duisburg und Leitung des Netzwerkbüros, spricht beispielsweise über Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit Behinderung. Sie zeigt auf, dass diese Gruppe schneller an Gewaltsituationen herangeführt wird – und gleichzeitig von der Polizei oft nicht ernstgenommen wird. Rita Hübers, die Gleichstellungsbeauftrage der Stadt Emmerich, wird sich dem Thema anschließen.

Worüber sprechen die weiteren Referenten?

Grieger: Jörg Rodeike vom Kompetenzzentrum Selbstbestimmtes Leben wird erzählen, wie wichtig ein selbstbestimmtes Leben ist und wie wichtig es ist, dass sich die Politik dafür einsetzt. Denn die Barrierefreiheit ist kein Kann, sie ist ein Muss! Es ist ein Menschenrecht auf Teilhabe. Dazu gehört beispielsweise auch digitale Barrierefreiheit. Darüber wird Herr Rodeike aufklären. Dann haben wir Jana Woytowicz, die Pflegedienstleiterin der Senioreneinrichtung St. Augustinus in Emmerich. Sie wird darüber berichten, wie es ist, wenn Menschen auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind, wenn sie dadurch plötzlich ihre Selbstständigkeit verlieren, ihr Zuhause verlieren und auf andere, auf Pflege angewiesen sind. Auch das ist ein Thema, das mal offen angesprochen werden muss. Worüber unser fünfter Referent, Norbert Killewald von der Stiftung Wohlfahrtspflege NRW, sprechen wird, steht noch nicht fest. Was ich aber schon sagen kann: Wir werden an diesem Tag zwei neue besondere Projekte für Emmerich bekanntgeben, für die sich „Lauter werden“ eingesetzt hat!

Die Fachvorträge sind aber nur ein Teil des Expertentages.

Grieger: Richtig. Es gibt auch Gesprächsrunden und Gelegenheit zum Austausch. Netzwerken ist ganz wichtig, davon lebt jede Initiative, damit man weiterkommt – auch wir in Emmerich und Umgebung.

Anmeldung zum Expertentag 2.0

Da beim Expertentag am 30. August in Kleve auch ein kostenloses Mittagessen angeboten wird, ist eine Anmeldung bis Freitag, 15. August, unbedingt erforderlich per E-Mail an info@initiative-barrierefrei.de und unter Telefon 0172/6445037 sowie in der Wasserburg Rindern unter Telefon 02821/73210. Weitere Informationen unter www.initiative-barrierefrei.de.

Corina Grieger, die Vorsitzende von „Lauter werden“. Foto: privat