"Jugendhilfe St.-Josef-Stift feiert 125 Jahre Unterstützung für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen"
6. Juni 2026 · Wachtendonk

125 Jahre St.-Josef-Stift in Wachtendonk

Hilfe für bislang fast 3.500 Kinder und Jugendliche / Großes Jubiläumsfest am 13. Juni

WACHTENDONK. Die Jugendhilfeeinrichtung St.-Josef-Stift in Wachtendonk feiert in diesem Jahr ein beachtliches Jubiläum. 125 Jahre lang finden Kinder und Jugendliche hier nun schon Unterstützung, manche auch ein Zuhause. Heimleiterin Getrud Bühner-Lichtrauter blickt auf die vergangene Zeit zurück und lädt im Namen des Stiftungsvorstands und der Mitarbeitenden zum großen Jubiläumsfest am Samstag, 13. Juni von 12 bis 18 Uhr ein.

Es war 1901, als die ersten Kinder ab drei Jahren in das „Waisenhaus für die katholischen Kinder beiderlei Geschlechts“ einzogen. 1898 von Anna Sibilla Camp initiiert, wurde die Stiftung nur ein Jahr später gegründet und die Erziehungsverantwortung an die Ordensgemeinschaft „Schwestern unserer lieben Frau“ übertragen. Die Nonnen „sicherten fortan den Alltag“, wie Bühner-Lichtrauter betont. „Die Ordensschwestern haben sich um alles gekümmert. Die Versorgung der Kinder, den Haushalt sowie die Pflege des eigenen Gemüsegartens und der Tiere, die damals noch mit auf dem Hof lebten. Den Beruf des Erziehers oder Pädagogen gab es damals noch nicht. Die Schwestern haben es so gemacht, wie sie es für richtig empfunden haben und zu der Zeit üblich war“, ergänzt die Heimleiterin weiter. Schlafsäle mit bis zu 20 Kindern in einem Raum waren zu dieser Zeit keine Seltenheit. Der Orden war bis September 1986 im St.-Josef-Stift aktiv.

"Modernisiertes Interieur im historischen St.-Josef-Stift Wachtendonk, unveränderte Fassade, Gebäudesanierung"

Einige Veränderungen zeichnen das Gebäude des St.-Josef-Stifts in Wachtendonk im Inneren. Das äußere Erscheinungsbild hat sich dagegen kaum verändert. Foto: St.-Josef-Stift Wachtendonk

Mit dem Wandel der Zeit veränderte sich auch der Bedarf der Jugendeinrichtung. Von bis zu 70 bedürftigen Kindern im Jahr 1917 zu beinahe 100 während des Zweiten Weltkriegs ist die Rede. Immer wieder wurde das Gebäude erweitert, mehr Platz geschaffen. Seit Mitte der 90er-Jahre erhält jedes Kind bei Einzug sein eigenes Zimmer. Auch wurden außerhalb Wachtendonks, in Wankum, Walbeck und Geldern Wohnungen oder einst leer stehende Gebäude für Wohngruppen älterer Jugendliche erworben. Dort leben zu meist sieben bis neun Personen zusammen.

Besonders wichtig für Getrud Bühner-Lichtrauter ist, mit veralteten Klischees aufzuräumen. Das moderne Leben in der Jugendhilfeeinrichtung setzt auf individuelle Beratung und Förderung. „Jedes Kind und jeder Jugendliche hat einen Ansprechpartner und wird in unterschiedlichen Hilfebedarfen unterstützt, kann aber vor allem auch eine feste Tagesstruktur entwickeln und zur Ruhe kommen.“ Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen aus Situationen von Missbrauch, Wohnungslosigkeit, Verwahrlosung oder psychisch erkrankter Eltern, sei dies wichtig. So betont Bühner-Lichtrauter weiter: „Es gibt eine persönliche und fachliche Zusammenarbeit zwischen uns, den Kindern und Jugendlichen sowie den Sorgeberechtigten. Soweit das möglich ist, beziehen wir sie mit ein und versuchen zu vermitteln und zu stabilisieren. Man kann Eltern nicht ersetzen. Nur ergänzen. Alle am Hilfesystem Beteiligten stimmen sich miteinander ab, welchen Hilfebedarf das Kind oder der Jugendliche hat.“ Ein Konzept, das sich bewährt hat: Die Dauer der Aufenthalte im Heim seien in den letzten Jahren deutlich gesunken und in den meisten Fällen nur vorübergehend. „Wir versuchen, so zu unterstützen, dass Kinder und Eltern wieder zueinanderfinden“, so Bühner-Lichtrauter.

Die Kinder und Jugendlichen im St.-Josef-Stift Wachtendonk können ihre Persönlichkeit frei entfalten. Dabei helfen diverse Freizeitangebote. Jedes Kind ist beispielsweise in einem Wachtendonker Verein angemeldet. Das soll Außenkontakte stärken und die Chance bieten, Talente zu entdecken. Darüber hinaus verfügt die Einrichtung unter anderem über einen Musik- und Fitnessraum, einen Fußballplatz sowie Mountainbikes. Freunde, die außerhalb der Wohngruppe leben, sind ebenfalls willkommen. Ein weiteres wichtiges Konzept, das die Heimleiterin und ihre Kollegen umsetzen, ist das Miteinbeziehen der Kinder in alltägliche Entscheidungen. Jede Gruppe hat einen Gruppensprecher, der die Interessen der Kinder und Jugendlichen vertreten und deren Wünsche äußern kann. Auch ihre Ferienplanung, den Speiseplan oder ihre Zimmerwandfarbe können sie mitgestalten. Im hauseigenen Jugendparlament lernen sie darüber hinaus die Bedeutung von Demokratie und Austausch kennen.

Auch in der Vorbereitung des Jubiläumsfestes konnten die Kinder ihre eigenen Ideen einbringen. Mit etwa einem Jahr Vorlaufzeit wurde das Fest geplant. Am Samstag, 13. Juni von 12 bis 18 Uhr können Besucher sich die Einrichtung genauer anschauen und auch hinter die Kulissen blicken. „Wir möchten zum ersten Mal einen Einblick in die stationäre Jugendhilfe geben und zeigen Besprechungsräume, unsere Aula, die Freizeitbereiche und einen Teilbereich einer Wohngruppe „, beschreibt Bühner-Lichtrauter weiter. Auch ein Foodtruck mit niederländischen Pommes und vegetarischen Spezialitäten, eine Cafeteria sowie alkoholfreie Cocktails und Softdrinks werden angeboten. Kreativ- und Spielangebote für Kinder und Jugendliche soll es ebenfalls geben. Anschließend an einen Wortgottesdienst um 12 Uhr findet in der alten Kapelle des Gebäudes ein Café der Begegnung statt. Hier werden auch Bilder und kurze Filme aus den Gruppen sowie Fotos aus den vergangenen 125 Jahren gezeigt.

Eingeladen sind alle Interessierten, vor allem aber auch ehemalige Bewohner oder Mitarbeitende. Sie wiederzusehen, würde Bühner-Lichtrauter besonders freuen und zeige Pädagogen und Erzieher, dass „ihre Erfolge messbar sind.“

Die Jugendhilfeeinrichtung St.-Josef-Stift unterstützt Kinder und Jugendliche aus dysfunktioneler Herkunft seit nun 125 Jahren auf ihrem Weg. Foto: St.-Josef-Stift Wachtendonk