NIEDERRHEIN. Seit mehr als 20 Jahren ist Achim Hagemann als „Pawel Popolski“ mit seiner fiktiven polnischen Familie und solo zu Gast in den Veranstaltungsstätten des Landes. Am Samstag, 8. Juni, steht auch ein Auftritt in der Bofrost-Halle in Straelen auf dem Programm. Im Interview mit NN-Redakteur Thomas Langer erzählt der gebürtige Recklinghausener und Wahlberliner, was seine Show ausmacht, wie er damals auf die Idee gekommen ist und welchen Einfluss seine Kunstfigur auf ihn hat.

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Für alle, die Sie und ihr aktuelles Programm „Polka Mania!“ nicht kennen: Wie würden Sie Ihre Show ganz allgemein beschreiben? Was steckt alles drin, macht sie aus?

Achim Hagemann: Eigentlich ist es eine interaktive Musikshow, das Publikum nimmt auf unterschiedliche Art und Weise teil. Mein liebster Punkt am Abend ist, wenn ich einen Schlagzeuger aus dem jeweiligen Publikum auf die Bühne hole und mit ihm zusammen spiele. Die Leute singen aber auch mit oder sprechen irgendwelche Dinge. Dahinter steht ein schräges Märchen vom Großvater Piotr Popolski, der in Zabrze lebend die ganze Popmusik erfunden hat. Das ist der rote Faden der Geschichte und die Musik spielt eine große Rolle.

Können Sie noch ein bisschen mehr über die dahinterliegende Geschichte verraten?

Hagemann: Piotr Popolski hat vor mehr als 100 Jahren die Popmusik erfunden und seitdem 128.000 Top-Ten-Hits komponiert. Die wurden geklaut und in alle Welt verscherbelt. Das ist die Basisgeschichte, die in jedem Programm mit anderen Musiken und anderen Geschichten variiert wird. Mal war er als erster Mensch auf dem Mond und hat dort die Hits „Walking on the moon“ oder „Moonlight Shadow“ geschrieben, mal hat er den Heavy Metal erfunden, mal ist ihm ein Song über die billige Jeans eingefallen, der später von Michael Jackson völlig missverstanden wurde. Ich spiele auf vier Instrumenten den Abend über die Songs vom Opa: auf dem Schlagzeug, auf dem Keyboard, auf den Kesselpauken und auf dem Vibraphon

Sucht man nach Pawel Popolski im Internet, taucht auch das Wörtchen „Kabarett“ auf: Gibt es bestimmte gesellschaftliche Themen, die Sie mit ihrer Show aufgreifen? Es hört sich ja eher so an, als würde es ihnen um eine unbeschwerte musikalische Comedy gehen.

Hagemann: Das würde ich auch eher so beschreiben. Es wird immer dem Kabarett zugeordnet, mir selbst ist es jedoch eigentlich egal, ob man es Musik-Kabarett oder Musik-Comedy nennt. Aber es ist eine bewusste Entscheidung, die gesellschaftlichen Themen rauszulassen und zu sagen: „Hier Eintritt in die Fantasiewelt. Ab jetzt gelten andere Regeln.“ Am Anfang löten wir erst mal einen Vodka zusammen, ich trinke mit dem ganzen Publikum einen. Dann geht eine Musikshow los, in der man lachen und den Hintern auf dem Sitz zur Musik bewegen soll.

Was war der Grund, dass Sie sich gegen ein kritisches Kabarett entschieden haben?

Hagemann: Weil ich selbst die Empfindung habe, dass man schon den ganzen Tag über von Apokalypsen umgeben ist. Ich hätte selbst nicht wirklich Lust dazu, mich abends hinzusetzen und es mir noch einmal aus einer anderen Warte anzuhören. Ich selbst würde gerne mal abends frei haben von den ganzen Desastern der Welt und positive Energie tanken.
Und eigentlich geht es in dieser Show um positive Energie. Dem Opa passieren viele Missgeschicke und die arbeitet er immer in einen neuen Hit um. Was ich sehe: Die Leute gehen ziemlich positiv aufgeladen raus und darin sehe ich meine Hauptaufgabe. Lasst uns einen schönen Abend haben mit möglichst viel Musik.

Wie sind Sie damals überhaupt auf die Idee gekommen, eine Show mit einer überzeichneten polnischen Familie zu kreieren? Haben Sie auch einen persönlichen beziehungsweise privaten Bezug zu Polen?

Hagemann: Ich hatte damals eine polnische Freundin, die mit ihrer ganzen Großfamilie von Zabrze nach Köln gezogen ist. Auf den Familienfeiern habe ich immer diesen tollen Akzent gehört und ihnen irgendwann mal erzählt: „Was ist, wenn wir diese Klau-Geschichte mal umdrehen? Ich habe diese Geschichte von einem Opa, der hat alles erfunden und dem wurde es geklaut.“ Das fanden sie lustig. So habe ich das weiterentwickelt. Der andere Bezug: Mein Urgroßvater kommt aus Polen. Aber ausschlaggebend war für mich die Geschichte der polnischen Großfamilie.

Wie reagieren Polen und polnisch-stämmige Deutsche auf Ihre Show? Kommt sie gut an?

Hagemann: Was ich abends sehe: Viele kommen mit Polska-T-Shirts oder -Mützen ins Programm. Es gibt auch viele Polen, die mich nachher ansprechen und das cool finden. Auch in der Presse waren die Reaktionen bislang sehr positiv. Das freut mich sehr!

Um auf ihre fiktive Popolski-Familie zurückzukommen: Wie lässt sie sich beschreiben? Mit was für Typen hat man es hier zu tun?

Hagemann: Es sind lauter verkappte, schräge Genies. Die Familie kann wie selbstverständlich alle möglichen Instrumente spielen. Das wird auch in der Show gezeigt. Irgendwann ist die ganze Familie sogar ein klassisches Blasorchester und spielt mit mir den „Hummelflug“ aus der heimischen Küche per Live-Übertragung. Der größte Star ist eigentlich der Schüchternste: der Bassist. Über ihn werden die ganze Zeit Witze gemacht, obwohl er am Ende alle überrascht.

Sie sind ja schon lange zusammen unterwegs: Wie viel Familie steckt denn eigentlich tatsächlich in ihrem Team?

Hagemann: Im Grunde ist es wie eine Familie geworden. Ich habe zwei feste Techniker für Licht, Ton und Video, mit denen ich schon seit Jahren live unterwegs bin. Auch zu den anderen Familienmitgliedern ist über viele Jahre eine Freundschaft entstanden. Hinter den Kulissen hat es etwas Familiäres, wenn man 20 Jahre zusammenarbeitet. Zum Beispiel Janusz oder Appolonia Popolski, das ist schon irre. Zu Janusz [Martin Ziaja, Anm. d. Red.] muss man vielleicht noch sagen: Er spielt den Schüchternen, er war aber immer derjenige, der außerhalb der Popolskis unheimlich erfolgreich gearbeitet hat und es auch im Augenblick tut. Er ist in der Pop- und Schlager-Szene zuständig für fast alle großen Tourneen in Deutschland. Von den No Angels bis zu Matthias Reim. Da ist er Bandleader und sogenannter „musical director“. Er ist also genau das Gegenteil seiner schüchternen Figur, die er seit Jahrzehnten in der Popolski-Show spielt.

Und wie viel von Pawel Popolski steckt in Ihnen? Hat er über die Zeit hinweg sehr auf Sie abgefärbt?

Hagemann: Was positiv abfärbt ist eine Eigenschaft dieser Figur, von der ich lange gar nicht wusste, dass sie so gute Auswirkungen auf mein Leben hat: Die Figur findet sich selbst uneingeschränkt super. Pawel Popolski hat mit seinem komischen Anzug, seiner Frisur, mit nichts ein Problem, sondern findet sich fantastisch aussehend und das ist eigentlich noch untertrieben.
So eine Rolle zu spielen, färbt ab, auch wenn man im wahren Leben gerade ganz andere Stimmungen durchmacht. So eine Rolle anderthalb Stunden zu spielen – die sehr positiv drauf ist, die gerne auf der Bühne ist und Schlagzeug spielt, die auch gerne mit dem Publikum interagiert – da kommt man positiv geladen von der Bühne herunter. Das ist mit der beste Effekt an dieser ganzen Geschichte.
Würde ich politisches Kabarett machen und mich über die Zustände in der Welt, in der Politik und in der Regierung aufregen, würde eine ganz andere Stimmung in dem Charakter herrschen, den man darstellt. Ich stelle aber einen Menschen dar, der sich freut, dass er den Leuten nun endlich Opas Musik-Hits präsentieren kann, der gerne trommelt und gerne zusammen mit den Leuten singt. Das ist etwas, was eine Menge positiven Einfluss hat. Nach der Show fühle ich mich eigentlich immer gut.

Wie schwer fällt es Ihnen, ihr alter Ego privat abzulegen? Kommt man schnell wieder aus so einer Rolle heraus?

Hagemann: Das ist der Vorteil, wenn man schon so lange auf Tour unterwegs ist: Das kann ich ziemlich schnell hinter mir lassen. Seit Beginn der Popolski-Geschichte waren es, ich würde mal sagen, über 1.000 Liveauftritte. Da lernt man mit der Zeit, die Rolle auf der Bühne zu lassen und ich freu mich jeden Abend wieder neu darauf, in Pawel Popolski hineinzuschlüpfen.

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