NIEDERRHEIN. Der Flamenco-tanzenden Antonia Mercé oder dem Dichter und Denker Francois Villon hauchte Eduard Roijen mit seinen fabelhaften Wesen neues Leben ein. Jetzt sind die „Knekelkinder“ und viele weitere Arbeiten des Düsseldorfer Künstlers da angekommen, wo sie hingehören. Zumindest wirkt es auf den Betrachter so, denn die Figuren fügen sich auf fast magische Weise in das alte Gemäuer ein, das aus allen Poren Geschichte und Geschichten atmet. Knekel, das ist niederländisch für Knochen, sind charakteristisch für Roijens außergewöhnliche Kunst. Dem im vergangenen Jahr im Alter von 86 Jahren verstorbenen Künstler ist nun eine Ausstellung gewidmet, die an den kommenden Wochenenden im Haus Te Gesselen in Wetten zu sehen ist.

„Der Umfang seiner Kunst ist mir erst nach seinem Tod richtig bewusst geworden“, sagt Eduard Roijens Tochter Sarah, die seit über einem Jahr mit der Sichtung des Nachlasses beschäftigt ist. Dabei stieß sie nicht nur auf unzählige Objekte und Figuren und auf eine zigtausende Bücher umfassende Bibliothek, sondern auch auf die Kopien hunderter von ihm verfasster, handgeschriebener Briefe und deren kreativ erstellten Umschläge. Sowie auf weit über tausend gestaltete Karten, die er an seine Freunde und Familie versandt hatte. Besonders am Herzen liegen der 64-Jährigen die „Knekelkinder“, mit denen sie aufgewachsen ist und die sie ein Leben lang begleitet haben. Sie blickt zurück: „Anfang 1973 hat mir mein Vater eine kleine Figur mit Vogelschädel, gläsernen Puppenaugen, Körper im Federkleid sowie langem, schwarzem Rock aus Brokatstoff und nach oben gestreckten Armen aus Vogelkrallen geschenkt – da war ich 13 Jahre alt. Auf dem Rücken hatte diese Figur damals noch zwei Vogelflügel, so dass er sie nach mir ,Sarahs Schutzengel‘ nannte.“ Diese Figur habe sie stets begleitet. Auch heute noch. „Als Kind fand ich seine Kunstwerke vielleicht etwas skurril, aber nie morbide“, kann sie dennoch verstehen, wenn man Zeit braucht, um sich auf Eduard Roijens Kunst einzulassen.

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Sein Material besorgte sich Roijen vom Präparator. „Reste, die sonst einfach entsorgt wurden“, sagt die Kunst- und Deutschlehrerin, die in Geldern unterrichtet und seit vielen Jahren in Aldekerk zuhause ist. Sie betont: „Kein Tier ist dafür getötet worden.“ Auch andere Materialien wie alte Stoffe oder angespültes Treibholz hat Roijen wiederverwertet und ihnen damit neues Leben eingehaucht. „Erinnerung ist alles“, habe er häufig gesagt. „Das hat er gemacht“, sagt die Tochter: „Er hat die Dinge bewahrt und dafür gesorgt, dass sie nicht in Vergessenheit geraten.“

Innige Verbindung zum Niederrhein

Eduard Roijen hat unzählige Briefe und Karten gestaltet, um mit seinen Lieben Kontakt zu halten und Freundschaften zu pflegen. Foto: Matthias David

Gelebt für – aber nicht von – der Kunst hat Eduard Roijen, der in Nijmegen geboren und aufgewachsen ist und später in Düsseldorf gelebt hat, übrigens nicht. 1973 wurden seine Knekelkinder im Folkwang-Museum in Essen ausgestellt. „Danach hat er einige Figuren verkauft, aber es fiel ihm zu schwer, sich davon zu trennen“, erzählt Sarah Roijen. Damals beschloss ihr Vater, künftig selbst zu entscheiden, wer seine Kunst bekommt. Anders als sein 13 Jahre älterer Bruder Peter Royen, der als Maler, Grafiker und Bildhauer gewirkt und sich einen Namen gemacht hat. Im Rampenlicht zu stehen, das war nie Eduard Roijens Ding. Eine innige Verbindung zum Niederrhein hatte der Dekorateur auch durch seinen Onkel Manfred Royen, der über 50 Jahre lang das Haus Royen an der Hafenstraße in Kleve geführt hat. Das Museum Kurhaus und das Museum Schloss Moyland kannte Eduard Roijen gut.

Haus Te Gesselen

„Die Räume leben noch einmal ganz anders, wenn sie mit Kunst gefüllt sind“, findet Petra Cleven, die das ehemalige Rittergut, im 17. Jahrhundert im Besitz der Grafen von Hoensbroech, vor acht Jahren gekauft hat. Die imposante Anlage fand 1247 erstmals urkundlich Erwähnung und zählt zu den am vollständigsten erhaltenen Herrensitzen am Niederrhein, zudem ist es das älteste bewohnte Haus in Nordrhein-Westfalen. „Das stand schon hier, bevor man in Köln mit dem Bau des Doms begonnen hat“, macht Cleven deutlich, wie besonders das Haus ist, das nur zu ausgewählten Anlässen besichtigt werden kann. Die hier stattfindenden Ausstellungen sind ein solcher Anlass. „Als die Familie Keuck das Anwesen in den 1980er Jahren übernommen hat, war es einsturzgefährdet“, hat sich Cleven intensiv mit der Historie von Haus Te Gesselen beschäftigt. Besonders aufwendig war der Austausch der Eichenpfähle, auf denen das Gebäude steht. „Bis in die 1930er Jahre lag es direkt an der Niers“, erklärt Cleven. Als diese begradigt wurde, lag das Holz nicht mehr im Wasser und begann zu faulen. Mit Fördermitteln des Denkmalschutzes wurde das Gebäude ab 1987 aufwendig saniert.

Kunsthistorisch bedeutend sind zwei offene, spätgotische Kamine, einer davon stammt aus dem Jahr 1461. Auch der Pfettendachstuhl und die gotischen Treppengiebel sind gut erhalten und können besichtigt werden. Petra Cleven und Ursula Keuck werden zudem jeweils um 12 Uhr durch die Räume führen. „In jedem Fall lohnt es sich auch, den Garten zu besuchen“, sagt Cleven. Hier gibt es rund 50 verschiedene Baumarten zu sehen, darunter Mammut-, Gingko und Tulpenbäume. Dort findet man dann auch ruhige Plätze, die zum Verweilen einladen. Gesorgt ist auch für das leibliche Wohl der Besucher. Es gibt Kuchen und Getränke, am letzten Ausstellungs-Wochenende auch frische Waffeln und Crepes und einen Eis-Wagen.

„Die Wunderkammer“

Im Rahmen der Vernissage wird am kommenden Freitag erstmals das Buch „Die Wunderkammer Eduard Roijens“ präsentiert, das im Kunstverlag David erschienen ist. Der Kevelaerer Matthias David ist neben Sarah Roijen und dem Bühnenbildner Michael Korn einer der Kuratoren der Ausstellung und hat den Anstoß dazu gegeben, die Schätze, die sich in Roijens Wohnung angesammelt haben, für die Nachwelt zu dokumentieren. Dies hat der Fotograf Dr. Thomas Köster im Auftrag der Tochter getan. „Die Geschichten müssen weitererzählt werden“, findet Sarah Roijen und spricht damit auch für Petra Cleven, die sich auf viele Besucher und gute Gespräche freut.

Info
Geöffnet sind die Ausstellung und Haus Te Gesselen, Kapellener Straße 4 in Wetten, am 18./19. Mai, 25./26. Mai und 8./9. Juni jeweils von 11 bis 18 Uhr. Die Vernissage findet am Freitag, 17. Mai, ab 19 Uhr statt und wird musikalisch vom Jazz-Duo Witzler & Schoppmann begleitet. Der Eintritt ist an allen Tagen frei, die Teilnahme an den Führungen (Haus: 12 Uhr/ Ausstellung: 15 Uhr) ist kostenlos und eine Anmeldung nicht erforderlich. Der Parkplatz befindet sich linker Hand am Feldweg zur Wasserburg. Der Fußweg beträgt 400 Meter. Wichtig: Das Haus Te Gesselen ist nicht barrierefrei begehbar. Die Ausstellungsräume befinden sich im Obergeschoss und sind nur über teils enge Holztreppen zu erreichen.
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