NIEDERRHEIN. Die kürzlich erschienene ForuM-Studie hat neue Erkenntnisse und Zahlen zum Thema sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche und der Diakonie hervorgebracht. Der evangelische Kirchenkreis und die Diakonie im Kirchenkreis Kleve haben sich nun zu den Ergebnissen geäußert und möchten besonders auf Prävention und Meldestellen setzen. 
Es ist eine schwierige Lektüre: Dafür sorgen nicht nur die fast 1.000 Seiten, sondern auch die Worte der Betroffenen. Dann sprechen noch die Zahlen für sich: Von 1946 bis heute kommt die Studie auf 1.259 Beschuldigte und mindestens 2.225 zum entsprechenden Zeitpunkt minderjährige Betroffene für den Bereich der Evangelischen Kirche (EKD) und der Diakonie in Deutschland.
Auch auf der Ebene der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) als Landeskirche wird man genauer: Bekannt sind 70 Verdachtsfälle durch Pfarrpersonen und Angestellte, während es seit 2004 28 Disziplinarverfahren gegeben habe. Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL) berichtet seit der Einrichtung der Fachstelle zum Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung in 2013 von 302 Anträgen auf Anerkennung von Leid. Die Zahl der bislang bekannten Betroffenen seit 1947 beziffert sie auf 201.
Schaut man noch eine Ebene darunter auf den Kirchenkreis Kleve, wurde erst 2022 ein Fall bekannt, bei dem sich Anfang der 70er Jahre ein Pfarrer dem Missbrauch schuldig gemacht habe. Der Betroffene erhielt im Zuge dessen zwar eine Entschädigung, die beschuldigte Pfarrperson ist jedoch bereits verstorben. Auf die Nennung des Namens und der Gemeinde verzichtete man mit Blick auf die Persönlichkeitsrechte. Nicht nur, weil sich der Verstorbene nicht mehr äußern könne, sondern auch, um die Angehörigen zu schützen.
Für den Bereich der hiesigen Diakonie kann Geschäftsführer Joachim Wolff allerdings von keinem Fall berichten. Auch in den Personalakten habe man nach Veröffentlichung der Studie keine Hinweise finden können. „Das heißt aber nicht, dass es keinen gibt“, sagt er. Er ist sich sicher: „Die Zahlen der Studie sind nur die Spitze des Eisbergs. Ich glaube, wir haben ein gigantisches Dunkelfeld.“

Bereitschaft zur Aufarbeitung

Im evangelischen Kirchenkreis und der Diakonie im Kirchenkreis Kleve begrüßt man die Studie, sagt Presse- und Öffentlichkeitsreferent Stefan Schmelting während eines Pressegesprächs. Vor allem, weil sich so der Blick auf die Bedürfnisse der Betroffenen richte. „Hinter jedem Fall steht erlittenes Unrecht und Leid. Jeder Fall ist einer zu viel.“
Superintendent Pfarrer Hans-Joachim Wefers betrachtet die Studie als Spiegel, der blinde Flecken aufzeige: „bitter, aber heilsam.“ Damit bezieht er sich vor allem auf die qualitativen Ergebnisse, bei denen es um die teils spezifisch evangelischen Strukturen geht, die laut den Forschern Missbrauch ermöglichen bzw. begünstigen würden. „Sie werfen große Fragen auf“, sagt Wefers. Und diese gelte es nun zu beantworten.

Strukturen mit Folgen

Bei den besagten Strukturen macht sich laut Studie auch das positive und progressive Selbstbild als liberale Kirche negativ bemerkbar. „Meldete sich jemand zu Wort, wurde lange Zeit sofort gesagt: Das kann gar nicht sein“, führt Wefers aus. Heute sei das zwar anders, aber derartige Reflexe hätten dafür gesorgt, dass man die Probleme langfristig außerhalb der eigenen Organisation verortet habe. „Externalisierung“ nennen das die Forscher. Auch der theologische Schwerpunkt auf Schuld und Vergebung habe sich als potenzielles Einfallstor herausgestellt. Statt ernstgenommen zu werden, gab es mitunter sogar eine Moralpredigt. „In Gesprächen wurde Betroffenen offenbar gesagt, man müsse irgendwann auch vergeben können.“ Dass dem Leid so noch eines draufgesetzt wurde, sei für ihn ein Schock gewesen, erzählt Wefers.
Aber auch die sogenannte „Verantwortungsdiffusion“ und „Verantwortungsdelegation“ spielen laut Studie in die Missbrauchsfälle hinein: Sei in der katholischen Kirche schnell der Bischof oder Papst als Verantwortlicher auszumachen, gebe es in der evangelischen Kirche mit ihren Landeskirchen und Kirchenkreisen keine so klaren Hierarchien, sondern viele Verantwortliche für unterschiedliche Bereiche. Dieser Umstand habe auch die als unzureichend bemängelte Beantwortung der Fragebögen zur Studie schwieriger gestaltet.
Erschwert hätten diese Strukturen die Studie aber noch auf eine andere Weise, da so nämlich kein einheitlicher Zugriff auf sämtliche Akten, also auch unterhalb der landeskirchlichen Ebene, möglich war. Dem Vorwurf mangelnder Kooperation stimmt Hans-Joachim Wefers aber nicht zu, er sieht darin vielmehr ein Missverständnis. Wie er erläutert, seien die der Landeskirche vermeintlich untergeordneten Verwaltungseinheiten in den Kirchenkreisen auch in dieser Hinsicht selbstständiger als gemeinhin angenommen. Einen „direkten Durchgriff“ gebe es daher nicht, alle hätten ihre eigenen Akten. Die Verfahren dabei seien zudem nicht einheitlich – weder, wie die Akten geführt, noch wo und wie lange sie aufbewahrt und was wann dokumentiert würde.
Wie Wefers sagt, sollen jedoch noch landeskirchliche Studien im Rheinland folgen, für die dann auch die restlichen Akten hinzugezogen werden sollen – eben auch jene aus den Archiven der Kirchenkreise.

Betroffene ernst nehmen

Einen wichtigen Baustein für die Aufarbeitung sehen Wefers und Wolff in den Meldestellen. In jener der EKiR sind seit 2021 76 Meldungen eingegangen. Beide möchten Betroffene dazu ermutigen, den Fachleuten ihre Erlebnisse anzuvertrauen. „Die Folgen für die Betroffenen sind massiv. Auch weil ihnen nicht geglaubt worden ist“, sagt Wolff mit Blick auf die Vergangenheit. Er und Wefers sehen in den Meldestellen aber auch eine Gelegenheit, derartige Vorfälle zukünftig besser dokumentieren zu können, als das bislang mit Personalakten möglich gewesen sei. Wolff äußert aber Verständnis dafür, wenn sich Betroffene dagegen entscheiden, um zum Beispiel keine alten Wunden aufzureißen. Betrifft ein Fall einen Erwachsenen, sollen die Wünsche des Betroffenen berücksichtigt werden. Bei Minderjährigen wird allerdings jeder Vorfall zur Anzeige gebracht.
Abseits der Meldestellen setzt man im Kirchenkreis Kleve auf Prävention und die Sensibilisierung aller Amtsträger. Dazu wurden seit 2023 mehr als 100 Menschen geschult, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein: vom Pfarrer bis zum Ehrenamtlichen. Denn, so sagt Stefan Schmelting, auch ein Presbyter könnte einmal als Vertrauensperson auf Missbrauch angesprochen werden. Hinschauen laute die Devise. Weitere Informationen, etwa zu den Unterstützungsangeboten, gibt es unter www2.ekir.de/thema/missbrauch-sexualisierte-gewalt/.
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