Saturday Night Fever oder: Ja, wo schlafen sie denn?

„Brauchst du einen Fotografen?“ „Nö.“ „Wie? Gibt`s keine Bilder?“ „Dunkel war‘s, der Mond schien helle …“ „????“ „Nachtführung im Tiergarten.“ „Echt jetzt?“ „Echt jetzt!“

Im Hellen hat man‘s ja alles schon gesehen. Jetzt also die Nachtführung. Im Winter ist früh Nacht, denke ich. Beginn: 19 Uhr. 21 Gäste. Zwei Führerinnen. Wir (also meine Frau und ich) schließen uns Tina an. Finale Anweisungen: „Ihr dürft gern eure Taschenlampen benutzen, aber bitte weder den anderen Gästen noch den Tieren ins Gesicht leuchten.“ Jawoll. Und auf geht‘s in die Dunkelheit.

Halbes Hirn

Erste Station: die Seehunde. Oft wird‘s das nicht mehr geben, denn die Seehunde werden umziehen: ein anderer Zoo. „Wohin gehen die?“, fragt ein Gast. „Das darf ich noch nicht sagen“, sagt Tina. Aber anderes darf sie sagen. Zum Beispiel die Antwort auf die Frage wie und wo die Seehunde ihr Nickerchen machen. Jetzt gilt‘s. Sprechen wir von einem Nickerchen, dann können die Seehunde das unter Wasser tun. Bis zu 20 Minuten. (Oder war‘s eine halbe Stunde?) Und wie funktioniert das: Herzfrequenz runter und Luft anhalten. Und damit man (als hund) am Ende nicht tot aufwacht, gibt‘s einen Trick. Tina weiß wie‘s geht: „Es schläft dann nur eine Hirnhälfe“, sagt Tina und ich denke: Das kommt mir bekannt vor. Noch was: Es ist nicht immer dieselbe Schlafhälfte. Und wenn‘s um Tiefschlaf geht, sind die Seehunde an Land. Dann schlafen beide Gehirnhälften. Während Tina erklärt, ist im Becken der eine oder andere Seehund zu sehen. Weiter geht‘s …

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Bindegewebe

…zu den Kamelen. Man darf auch Trampeltier sagen, aber nicht Dromedar. Die Dromedare haben nur einen Höcker. Und um das auch noch mal klarzustellen: Kein Wasser in den Höckern. Fett ist drin. „Das Wasser speichern die im Magen“, sagt Tina. Eine Woche kann ein Kamel ohne Trinken auskommen. Dann hat es aber vorher reichlich getankt: Bis zu 150 Liter werden dann in wenigen Minuten in den Magen geschafft. Stramme Leistung. Apropos: stramm – dass bei manchen Kamelen die Höcker stehen und bei anderen eher baumeln, hat – erfahren wir – mit dem Bindegewebe und dem Alter zu tun. Merke: Im Alter lässt die Spannkraft nach. Kamele, auch das erfahren wir, schlafen schon mal gern mit überkreuznachvorngestreckten Vorderbeinen. Jetzt, im Taschenlampenschein, ist es natürlich der Vorführeffekt: Jetzt tun sie’s natürlich nicht. Und die Zwergotter? Pennen in ihrem Stall. Tina hatte ja gewarnt: „Wir wissen nie, wen und was wir zu sehen bekommen.“

Leuchttapete

Dafür bekommen wir leuchtende Augen bei den Wiehießensienochschafen zu sehen. Das Leuchten kommt vom „Tapetum Lucidum“ und hat etwas mit optimaler Lichtausbeute zu tun. Ein Vater erklärt‘s dem Sohnemann – wie später auch die Sache mit den Albinos. Mein Hund jedenfalls hat auch eine „Leuchttapete“ im Auge. Sieht beim Nachtfoto dann immer ein bisschen spooky aus.

Bedroht

Tina erzählt vom Artenschutz. Der wird im Tiergarten groß geschrieben. Demnächst kommen die Wiehießensichnochaffen [Zweifarbtamarine]: Sie gehören zu den seltensten Affenarten der Welt und sind gelistet als ‚vom Aussterben bedroht‘. Bei bedrohten Arten denkt man ja schnell an Exoten. Tina weiß mehr: „Auch unsere Bentheimer Schweine gehören zu den bedrohten Arten.“ Wie jetzt? Schweine bedroht? Aber hallo. Die Bentheimer setzen viel Fett an. Das ist auf dem Schweinefleischmarkt längst nicht mehr gefragt. So geht‘s den Bentheimern ans Leder. Wenn sie nicht gezüchtet werden, ist es aus. Offiziell klingt es so: „Zahlreiche Nutztiere werden von immer hochleistungsfähigeren Rassen verdrängt.“

Jemand zuhause?

Jemand zuhause? „Bitte alle mal vor die Glasscheibe treten“, bittet Tina. Also nicht gegen die Scheibe – nur vor, alaso an die Scheibe treten: Licht aus (ist ja schon), Spot an: Wie Sie sehen, sehen Sie nichts. Kein Kugelgürteltier. Pech. Aber Maras: drei Stück. Maracuja, Marathon und Maradona. Sie schlafen auf der Wiese. Und Esel schlafen (fast immer) im Stehen. Und das Dammwild hat auch „Tapetum Lucidum“, aber heute leuchtet nix. Und die Strauße? Auch nicht auszumachen. Dafür die Stachelschweinre. Die lassen sich zu einer kleinen Show hinreißen: stellen die Stacheln auf und rascheln ein bisschen.

Unterhaltung

So geht es knapp 70 Minuten durch die (teils) belebte Dunkelheit. Geht man den Bewohnern nicht eigentlich auf den Wecker? Wie täte man selbst sich denn fühlen, wenn (mitten in der Nacht – also nicht um 19 Uhr) eine Horde betaschenlampter Besucher nebst Führerin ins heimische Schlafzimmer einfiele?

Martin Polotzek, Tierarzt und Tiergartenchef sagt: „Für unsere Tiere ist das kein Problem.“ In Kleve wird einmal oder zweimal im Monat nachtgeführt. In Wien – da war der Polotzek früher – ging‘s jede Nacht rund. Manche Tiere, erfährt man, langweilen sich in der Zeit zwischen letztem Pflegerbesuch und dem nächsten Morgen. Na, dann haben wir ja ein gutes Werk getan, denkt man.

Wittgenstein

Das zumindest denkt die eine Hirnhälfte und die andere denkt: Sei froh, dass die Tiere nicht sprechen können. Man denkt an Wittgenstein. Das war ein Philosoph. Der hat gesagt: „Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Und er hat auch gesagt: „Wenn ein Löwe sprechen könnte, würden wir ihn nicht verstehen.“ Danke, Tina und gute Nacht, Freunde.

Die nächsten Nachtführungen (immer samstags) finden statt am: 11. und 25. Februar (19 Uhr), an 11. und 25. März (20.30 Uhr), am 1. und 22. April (21.30 Uhr) und am 13. und 27. Mai (21.30 Uhr). Tickets gibt es ausschließlich über tiergarten-kleve.ticketbro.io. Karten kosten 15 Euro pro Teilnehmer. Die Führungen finden bei jedem Wetter statt und dauern circa 70 Minuten. Das empfohlene Mindestalter für die Teilnahme: 10 Jahre.