Wenig Akten, wenig Fakten

KLEVE. Wenn jemand sich ins Rückwärts der Geschichte aufmacht, ist nichts wichtiger als Quellen. Die Historikerin Helga Ullrich-Scheda ist Spezialistin beim Thema „Zeit des Nationalsozialismus“. Es ist nicht lange her, da legte sie ein viel beachtetes Buch über Kranenburg und die Zeit des Nationalsozialismus vor (Alte Grenzfeste im neuen Deutschland – Kranenburg in der Zeit des Nationalsozialismus).

Das Buch kommt in drei Jahren

2025 soll nun ein Buch zum Thema „Kleve zur Zeit des Nationalsozialimus erscheinen“. Das Problem: Die Quellenlage ist dürftig. Merke: Wenig Akten, wenig Fakten.
„Die städtischen Akten aus dieser Zeit sind nicht mehr vorhanden“, erklärt Ullrich-Scheyda. Natürlich: Es gibt Quellen in Landes- und Bundesarchiven. Trotzdem rief Ullrich-Scheyda zusammen mit Katrin Bürgel, der Leiterin des Klever Stadtarchivs, im Mai die Klever Bürger auf, bei der Hilfe nach Quellen behilflich zu sein. „Manchmal geht es dabei um Dinge, von denen die Menschen vielleicht denken, dass sie keine Bedeutung haben“, sagt Ullrich-Scheyda. Aber: Geschichte setzt sich nicht nur aus den vermeintlich großen Dingen zusammen.
Jetzt zogen Katrin Bürgel und Helga Ullrich-Scheyda ein erste Bilanz. „Es sind eine ganze Reihe interessanter Dokumente abgegeben worden. Es handelt sich um Fotos und offizielle Dokumente, die den Alltag in Kleve zur Zeit des Nationalsozialismus illustrieren und als Abbildungen für die Veröffentlichung sehr wichtig sind“, sagt Katrin Bürgel.

Schatzsuche

Helga Ullrich-Scheyda. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Ein bisschen ähnelt das Sichten des Materials einer Schatzsuche. „Von Jörg Coenen erhielten wir zwei Koffer mit Familienunterlagen“, erzählt Ullrich-Scheyda. „Bei der Durchsicht kamen zwei bemerkenswerte Vorgänge zum Vorschein. Zum einen kann man anhand vieler Dokumente die Biografie der Lehrerin Mechtilde Wimmer von ihrem Schulabschluss […] über ihre Aktivitäten für die NSDAP […] bis hin zu den Entnazifizierung sverfahren nachvollziehen. Zum anderen gibt es zahlreiche Unterlagen zu Gertrud Speyer, für deren ‚Anstaltsunterbringung‘ aufgrund einer geistigen Beeinträchtigung ihre Nichte Mechtilde Wimmer finanziell aufkommen musste.“

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Das Ende einer Geschichte

Gertrud Speyers Geschichte endet mit einer Benachrichtigung an ihre Tante, dass Gertrud verstorben sei.“ Dahinter steckt, da ist Ullrich-Scheyda sicher, ein Fall von Euthanasie. „Das lässt sich anhand der Korrespondenz belegen.“ Menschen, die euthanasiert werden sollten, habe man, so Ullrich-Scheyda immer weiter von ihrer Heimat weg in Krankenhäuser verlegt – meist im Osten – und „irgendwann bekamen dann die Angehörigen eine Todesbenachrichtigung.“ Traurige Geschichte.

Zwei Jahre Recherche

Ullrich-Scheydas Zeitplan für das Buch: Zwei Jahre recherchieren, ein Jahr schreiben. „Ich wollte mich da nicht unter Zeitdruck setzen.“ 2025 also soll das Buch erscheinen. Katrin Bürgel: „Wir sind sehr froh, dass wir schon einiges an Fotos und Dokumenten erhalten haben, aber es besteht noch immer die Möglichkeit, dass Menschen uns Material zur Verfügung stellen.“ Ullrich-Scheyda ergänzt: „Die Recherche-Phase dauert ja noch bis Ende nächsten Jahres.“
Wer Material zur Verfügung stellt, entscheidet selbst darüber, wie damit umgegangen wird. Katrin Bürgel: „Manche haben uns die Dokumente überlassen – andere möchten sie zurück haben. Wir digitalisieren dann das Material in enger Absprache. Jeder kann entscheiden, was wir digitalisieren und was davon gegebenenfalls veröffentlicht werden darf.“

Hier kann man sich melden

Wer Material aus der Zeit des Nationalsozialismus besitzt, das sich auf Kleve bezieht, ist weiterhin gebeten, sich mit Katrin Brügel in Verbindung zu setzen. Die Telefonnummer lautet 02821/84701. Emails an: katrin.buergel@kleve.de.

NN-Foto: Rüdiger Dehnen