STRAELEN. Es war keine leichte Entscheidung, aber die richtige: Um einer Heirat mit einem viele Jahre älteren Mann zu entgehen, haben Shahin Noori und ihre Familie 2014 ihre Heimat Afghanistan verlassen, um Shahin Noori ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Ihre Geschichte hat die heute 22-Jährige nun mit „Ein afghanisches Mädchen“ auf 13 Seiten niedergeschrieben.
Shahin Noori ist 13 Jahre alt, als ein erwachsener Mann im Jahr 2013 für die Ehe mit ihr bei ihrer Mutter vorstellig wird. Er stammt aus einer reichen Familie. Shahin Noori weiß zu dieser Zeit nicht, was sie dazu sagen soll, ist vielmehr damit beschäftigt, ein Kind zu sein. Ihre Familie ist nicht einverstanden mit der Ehe. Es dauert jedoch ein Jahr, bis sie sich alle schweren Herzens dazu entschließen, das Land zu verlassen, um der Tochter und Schwester ein selbstständiges Leben zu ermöglichen.
Ideengeberin für ihr erstes kleines Buch war ihre große Schwester Nahida Noori, die Afghanistan schon früher in Richtung England verlassen hatte und ihre Familie finanziell bei der Flucht unterstützte. Sie wusste von ihrem Interesse am Schreiben, „also hat sie mich gefragt, warum ich denn kein Buch schreiben würde.“ Das tat sie schließlich, um den Menschen von der beschwerlichen Reise nach Deutschland und ihren Erlebnissen hier zu erzählen. Die Leser erhalten in ihrem Erstlingswerk bebilderte Eindrücke von der harten Reise, die die Familie unter anderem über den Iran, die Türkei, Griechenland und Österreich bis nach Deutschland führte.

Eine schwierige Reise

Die Strapazen waren groß: Da wären zum Beispiel der über zwei Monate lange Fußmarsch unter teils schwierigen Bedingungen vom Iran in die Türkei. Oder der Ausfall der Schiffsteuerung auf dem Mittelmeer. Über einen Anruf bei Freunden in der Türkei, die Kontakt zur Küstenwache herstellten, konnte die Situation zwar schnell gerettet werden, und der zweite Versuch auf einem anderen Schiff glückte endlich. „Aber wir waren alle sehr enttäuscht“, beschreibt Shahin Noori das vorherrschende Gefühl. Es wurde auch nicht viel leichter, als es, in Griechenland angekommen, mit dem Bus weiterging. In Österreich wurde die Familie aufgrund von Platzmangel auf mehrere Busse aufgeteilt. Und auch als Familie Noori drei Wochen nach dem Aufbruch in der Türkei endlich Deutschland erreicht hatte, war die Odyssee damit noch nicht vorbei.
Immer wieder ratlos und ohne Hilfe fand Shahin Noori schließlich nach mehreren Städten, einigen Unterkünften und der deutschen Bürokratie ihren Weg nach Straelen. Hier lebt sie mittlerweile mit ihrer Mutter in der Dachgeschosswohnung eines alten Hauses.

Neue Probleme

Zwar muss sie sich nicht mehr vor einer Verheiratung fürchten und konnte sich auch über die engagierte Hilfe zweier Straelener freuen, trotzdem sah sie sich sehr bald neuen Schwierigkeiten gegenüber. Zum Beispiel der Sprache: „Zwischen Deutsch und Persisch besteht ein großer Unterschied.“ Da sie als junges Mädchen nie eine Schule besucht hatte, waren sowohl die 5. Klasse als auch später die Berufsschulklasse eine Hürde. Auch ihre Mitschüler machten sich über sie und ihr, wie sie behaupteten, schlechtes Deutsch lustig.
Die Zuversicht hat ihr das aber nie geraubt: Bei bis zu zehn Stunden pro Tag lernte sie die Sprache monatelang und ist bis heute am Ball geblieben. Ihre Herangehensweise: Sprachkurse im Internet. „Youtube hat mir sehr geholfen“, betont sie.
Ihr Schicksal in die eigene Hand genommen hat sie auch, als sie sich schließlich für ein Berufsvorbereitungsjahr entschieden hat – der richtige Weg für sie, wie sie sagt. Nun hofft Shahin Noori, vielleicht schon nächstes Jahr weitere Schritte in Richtung „Digital Marketing“ unternehmen zu können. Am Ende steht ihr großer Traum: ein eigener Online-Shop, in dem sie Mode aus ihrer Heimat anbieten kann. „Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg“, weiß sie.
Die Entscheidung ihrer Familie, Afghanistan zu verlassen, bereut sie nicht. Vor allem angesichts der Taliban, die die Situation vor allem für Frauen wesentlich verschlimmert hätten. „Wir sind sehr traurig darüber“, sagt sie. In absehbarer Zukunft zurückzukehren ist daher definitiv keine Option für Shahin Noori. „Irgendwann vielleicht, wenn die Situation besser ist.“
Das Schreiben wird sie übrigens auch in Zukunft begleiten: Als nächstes plant sie nämlich einen vollwertigen Roman. Wer zunächst aber ihr Erstlingswerk lesen möchte, findet es in den Buchhandlungen Keuck, im Bücherkoffer und bei Lotto Fabienne Nellen in Geldern sowie im Straelener Buchhaus und in Jacobs-Börse in Straelen zum Preis von neun Euro.