Female View oder: Claudias Schweigen

„Wohin?“ „Erstes OG rechts.“ „Okay.“ “Katalog?” “Hol ich später.” Female View – ein erster Rundgang. Alles schweigt. Nach der zweiten Runde beginnen sie zu reden – all die Bilder – all die Augen. Bei der dritten Runde fühlt Mann sich beobachtet: Female View. Man möchte schwören, dass sie – die Bilder also – zu sprechen beginnen, sobald man ihnen den Rücken zuwendet. Vielleicht zeigen sie lange Nasen. Lachen sich scheckig. Vielleicht stellen sie Fragen. „Was siehst du, Mann?“ „Sag was. Äußere dich.“ Also gut.

Pose vs. Haltung

„Eine tolle Ausstellung“, hatte die Kollegin gesagt und hinzugefügt: „Damit kriegen sie mich.“ Verdammt: Sie hat ja Recht. Eine tolle Ausstellung – eine, die Gedanken macht. All diese Menschen aus verschiedenen Zeiten transportieren Geschichten. Immer andere. Immer neue.
Die erste Erkenntnis: Da ist dieser Unterschied zwischen Pose und Haltung. Beides ist vorhanden – geht manchmal nahtlos ineinander über. Es geht immerhin um Modefotografie. Vielleicht kann man das erste Substantiv eleminieren: Eigentlich geht es doch um Fotografie. Nach der vierten Runde durch die Körper und Gesichter dann der Blitzschlag. Gerade ging man an der Bardot vorbei. Oder ist es die Schiffer als Bardot? Umgekehrt geht ja irgendwie nicht. Gerade will man weiter, da meint man, ein „Psst!“ zu hören – dreht sich um: Die Bardot schweigt. Die Schiffer auch. Scheinbar.

Einschlag

Aber der Blitz hat längst eingeschlagen: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Schönen und der Schönheit. Diese Erkenntnis allein lohnt das Kommen. Auch zwischen dem Schönen und der Schönheit finden Verzahnung statt. Natürlich ist die Bardot gar nicht die Bardot. Es ist die Schiffer. Der Original als Kopie des jawasdenneigentlich und Mann geht in die Falle.

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Zwei Fotos von Louise Dahl-Wolfe. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Allein mit den Blicken

Es ist phänomenal wie diese Ausstellung spricht, wie sie ohne ein Wort ins Erzählen gerät. Man denkt an Goethes Osterspaziergang: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche.“ „Ja und?“, fragen die Bilder: „Was soll das?“ Von Worten befreit sind die Wände, möchte man antworten: Alles ist so herrlich leicht, wenn man nicht zu Tode getextet wird – wenn sie einen mit Bildern und Erkenntnissen allein lassen. Wer was lesen möchte, nimmt sich das „Programmheft“ und erfährt Hintergründe, Daten Fakten. Man ist allein mit den Blicken, den Portraits, den Posen, der Haltung, dem Schönen, der Schönheit. Man tritt ein in die Echokammer der Bilder: Reduktion auf das Eigentliche. Hier und jetzt. Mehr gut geht nicht.

Neuer Tag – neuer Blick

Da hat die Neue (Antje-Britt Mählmann) gleich mal einen Knüller hingelegt, denkt man. Das hier ist eine Ausstellung, die – ja, das ist erlaubt im Museum – Spaß macht und sagt: „Komm doch wieder.“ Sie sagt auch: „Du glaubst nicht wirklich, dass du beim ersten Mal alles gesehen hast?“ „Haltstopp – ich bin schon auf der vierten Runde.“ „Das hat nichts zu bedeuten. Neuer Tag – neuer Blick“, sagen die Bilder. Da begreift man: Was zu sehen ist, bleibt nicht gleich. Die Schiffer-Bardot wird morgen einen Tick anders am Objektiv vorbeischauen. Vielleicht.

Antwort?

Eigentlich Quatsch, dass man ausgerechnet an der Schiffer-Bardot hängen bleibt. Na ja – man kennt sich. Ein Stück bildgewordener Zeitgeist. Vielleicht ist es auch umgekehrt.
Was in „Female View“ zu sehen ist: Ein Stück weitgehend unbekannter Fotografiegeschichte. Falsch: Es ist die Fotografinnengeschichte. „Viele der ausgestellten Modefotografinnen sind einer breiten Öffentlichkeit bis heute kaum bekannt“, liest man und denkt: Verdammt noch eins – wie ungerecht ist der Blick. Und man denkt auch: Sie könnten ruhig mehr zeigen: Vielleicht einfach mal das OG komplett besetzen. Zu sehen, da darf man sicher sein, gäbe es gut und reichlich. „The Female View“ ist ein Wurf. Am Ende geht man zurück zur Schiffer-Bardot: „Brigitteclaudia, sag mal, ist es ein Unterschied, ob du von einem Mann oder einer Frau fotografiert wirst?“ (Man ist ja mit den Jahren beim Du gelandet.) Claudiabrigitte holt tief Luft und … schweigt.
„Female View“ ist bis zum 23. Januar zu sehen. Ich werde wieder kommen: Schiffer und Bardot schulden mir eine Antwort.