„Das ist faktisch falsch“

Aktionstag: Ärzte fordern Beibehalt der Neupatientenregelung

NIEDERRHEIN. Versicherte in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) kennen das Problem: Man benötigt einen Termin beim Arzt – und muss dafür (gerade im Vergleich mit Privatpatienten) viel Zeit einplanen. Die vor drei Jahren mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) eingeführte Neupatientenregelung sollte dafür sorgen, dass gesetzlich Versicherte vor allem bei Fachärzten zeitnäher an Termine kommen. Als Ausgleich für den Mehraufwand der Praxen wurde die Versorgung von neuen Patienten entbudgetiert, also die Leistung ohne Abschläge vergütet. Dies soll nun wieder rückgängig gemacht werden. Bei dem von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) initiierten Aktionstag am morgigen Mittwoch wollen die niedergelassenen Ärzte deutlich machen, dass sie mit dieser Sparmaßnahme nicht einverstanden sind und dass sie zu einer Verschlechterung in der ambulanten Versorgung führen könnte.

Dazu der Vorstandsvorsitzende der KV Nordrhein, Dr. Frank Bergmann: „Bundesgesundheitsminister Professor Karl Lauterbach sagt, dass die Neupatientenregelung nichts bewirkt hat. Das ist faktisch falsch. Ersten Analysen zufolge sind im vierten Quartal 2021 200.000 Neupatienten mehr in den nordrheinischen Praxen behandelt worden als noch im vierten Quartal 2019. Das sind viele Menschen, denen schneller geholfen werden konnte.“ Bergmann geht davon aus, dass die Zahl in „normalen“ Zeiten ohne Pandemie noch einmal deutlich stärker gestiegen wäre.

In der Öffentlichkeit werde häufig die irrige Annahme wiedergegeben, dass die Niedergelassenen zusätzliches Geld bekämen, wenn sie mehr Neupatienten aufnehmen. „Das ist falsch“, betont Bergmann: „Es geht vielmehr um eine endlich angemessene Aufwandsentschädigung.“ Denn für zehn Prozent ihrer Leistungen erhielten die Niedergelassenen bereits seit Jahren nicht die Vergütung, die ihnen gemäß dem bundesweit „Einheitlichen Bewertungsmaßstab“ (EBM) eigentlich zustünde. Bergmann befürchtet, dass die Streichung der Neupatientenregelung gerade in bestimmten Bereichen, etwa in der orthopädischen Schmerztherapie, wieder für längere Wartezeiten sorgt. „Das gilt natürlich nicht für Notsituationen“, stellt Bergmann klar. Trotzdem bedeute die Neupatientenregelung zudem auch für viele Hausärzte eine große Entlastung, weil sie ihre Patienten zeitnäher zu den fachärztlichen Kollegen überweisen können.

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Im Rahmen des Aktionstags am 7. September findet  von 11 bis 13 Uhr eine Online-Infoveranstaltung mit Vertretern der ärztlichen Berufsverbände zu den möglichen Auswirkungen statt. Praxen können in dieser Zeit schließen, um teilnehmen zu können. Die Veranstaltung ist öffentlich und kann unter www.kvno.de live verfolgt werden.

Infektionslage

Die Zahl der Corona-Infizierten und die 7-Tage-Inzidenz in NRW sind seit Juli rückläufig. Auch im stationären Bereich ist eine deutliche Entspannung spürbar. Basierend auf den Erfahrungen der letzten Jahre ist allerdings anzunehmen, dass die Infektionszahlen im Herbst wieder steigen. Nachdem die Zahl der Impfungen zum Ende der Sommerferien kurzzeitig noch einmal zugenommen hat, geht sie seit drei Wochen zurück – sowohl insgesamt als auch (trotz Stiko-Empfehlung) in der Altersgruppe 60 plus.

Aktuell dominiert der Subtyp BA.5 (97 Prozent aller Infektionen). Der Anteil der BA.1-Infektionen, für den jetzt ein angepasster Impfstoff zur Verfügung steht, liegt laut Robert Koch Institut (RKI) derzeit bei null Prozent. Dazu der KVNO-Chef: „Aufgrund der Antikörpertiter ist aber davon auszugehen, dass der angepasste Impfstoff besser vor Omikronvarianten schützt, als der bisherige Impfstoff.“ Ende September/Anfang Oktober werde der nächste auf die BA.4/BA.5-Varianten angepasste Impfstoff erwartet. Hier rechnet Bergmann mit einem deutlichen Anstieg bei der Impfnachfrage, „wenn die Stiko ihre Empfehlung auch auf die Altersgruppe unter 60 Jahren ausweitet“. Zu den neuen Impfstoffen liegen zurzeit noch keine klinischen Daten vor – sie sind also nicht an Menschen getestet worden, wie der BA.1-Impfstoff.

Kinder- und Jugendliche

Da viele Kinder und Jugendliche unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden, wurde zusammen mit Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sowie -psychiatern ein niedrigschwelliges Therapieangebot entwickelt und finanziert vom NRW-Gesundheitsministerium (MAGS) auf den Weg gebracht. Bergmann: „Es geht dabei erst einmal darum, die Persönlichkeit der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu stärken – dadurch wollen wir im Ansatz abfedern, dass es eben zu psychischen Langzeitfolgen kommt.“ Über 130 Therapeuten aus Nordrhein haben sich für dieses Versorgungsprojekt angemeldet und zum Großteil bereits entsprechende Therapiegruppen ins Leben gerufen. „Diese Angebote werden sehr dabei helfen, die psychische Belastung durch Corona, die nach wie vor existent und in einigen Fällen noch lange nicht aufgearbeitet ist, angehen zu können.“ Eine Übersicht der Gruppenangebote findet man unter www.kvno.de.