Neun Blicke auf die Welt

Es ist Mittwoch. Es ist der 31. August: Es ist drei Tage vor der Eröffnung der Ausstellung zum ArToll Sommerlabor. Ein Titel steht im Raum: „Gewöhnung gegen alles“. Das ArToll-Haus: eine Baustelle.

Anders

„Diesmal ist irgendwie alles anders“, sagt Carla Gottwein. „Früher hätte hier jetzt eine ziemlich fertige Ausstellung gestanden. Das ist dieses Mal nicht der Fall. Es war ja bei den Kunstlaboren bisher meist so, dass sich die Beteiligten ziemlich früh einen der Räume ausgesucht und den dann bespielt haben.“ Aber Kunst ist auch eine Hinterfragungsmaschine und so viel steht fest: Hier und heute ist die Befragung noch nicht abgeschlossen. Alle Räume sind mit Ansätzen gefüllt. Man muss vorsichtig sein: Natürlich ist hier schon mehr zu sehen als ein Ansatz. Man läuft durch ein Puzzle. Alle Teile sind vorhanden, aber es ist anders als bei den Ravensburgern. Bei denen gibt es den Deckel, und auf dem Deckel findet sich das Bild der Lösung: So muss es werden. So – nicht anders. Das wäre dann die Gewöhnung.

Bedburg-Hau, ArToll, Christian Theiss. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Die Gruppe, die hier seit dem 21. August gearbeitet hat – dieser Eindruck entsteht – kommuniziert und demonstriert, dass bis zum letzten Augenblick und vielleicht auch darüber hinaus Wandel möglich ist. Man muss sich zurechtfinden in der eigenen Erwartung. Vielleicht ist man mit den Jahren dem Präsentationswahn erlegen. Vielleicht ist man längst borniert – erwartet, dass ‚die‘ spätestens zur Vorbesichtigung ein Ergebnis präsentieren. Man muss sich zurechtdenken und begreifen, dass hier längst Ergebnisse zu sehen sind: Zauberhafte Papierarbeiten, Plastiken, Dinge, die noch werden aber genau deswegen auch schon sind.

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Ein Nenner

Arbeitet man sich durch die Kurzbiografien derer, die hier ausstellen, findet sich schnell ein fast alle verbindender Nenner: Düsseldorf. Die Kunstakademie. Natürlich ist auch das zu kurz gedacht: Es geht hier nicht um einen gemeinsamen Nenner, es geht – wie eigentlich immer im Kunstlabor – um ein Aufeinandertreffen im positiven Sinn. Es geht darum, dass Künstler eine zeitlich begrenzte Dramaturgie der Gleichzeitigkeit ihrer Gedanken inszenieren. Da Künstler aber in der Regel nicht Schriftsteller sind, hängen keine eng bedruckten Papiere an der Wand, die dem Besucher die Welt erklären. Gedanken müssen sich nicht in Worten manifestieren – sie können viele Gestalten annehmen: Sie können zu Bildern werden, zu Zeichnungen, zu Filmen Skulpturen, Plastiken, Aktionen und so wie manchmal beim Musizieren die Proben das eigentlich Spannende sind, weil sie einen Weg vor der endgültigen Festlegung zeigen, so ist, was jetzt und hier – drei Tage vor der Ausstellung – zu sehen ist, ein Erlebnis der besonderen Art. Es ist ein Erlebnis, das man den Besuchern der Ausstellung rückwirkend gönnen würde. Es gilt zu erkennen, dass es mit der Kunst wie mit der Milch ist, die nicht irgendwann über Nacht ins Kühlregal wächst. Wer etwas über die Milch erfahren möchte, sollte den Weg auf die Wiese nicht auslassen. Das hier ist die Wiese: Alle Zutaten sind vorhanden – alle Überlegungen angestoßen, aber man muss wiederkommen um zu erleben, welchen Weg die Dinge einschlagen werden – welche Plätze die Kunst sich aussuchen wird, um am Ende in den Dialog zu treten.

Gespräche mit der Kunst

Man schlendert durchs Internet – googelt die Namen der Beteiligten: Eine spannende Reise – vorbei an Endprodukten und fest steht: Man muss hin, wenn alles am Platz ist. Wenn die Kunst Gespräche mit der Kunst führt. Wenn die Räumer erobert und erschlossen sind. Wenn aus der Idee – ja was denn eigentlich? – eine andere Idee geworden ist.
Am Samstag, 3. September um 15 Uhr dann die Jungfernfahrt einer Ausstellung. Carla Gottwein, die 2. Vorsitzende von ArToll, wird die Gäste begrüßen, der Bürgermeister wird da sein und Susanne Figner vom Museum Kurhaus Kleve wird die Einführung machen. Die Ausstellung wird bis zum 18. Setpember jeweils freitags bis sonntags zwischen 15 und 18 Uhr zu sehen sein und fast hätte man das Allerwichtigste vergessen: Es sind die Namen derer, die Haus und Außenbereich bespielen: Domingo Chaves, Jonas Gerhard, Marlin de Haan. Friederike Haug, Ae Ran Kim, Jungwoon Kim, Klara Paterok, Christian Theiss und Josef Zky – neun Blicke auf die Welt.
Man setzt den Ausstellungsbesuch auf die innere To-Do-List. ArToll ist immer spannend, weil Einblicke ins Denken stattfinden.