SONSBECK. Nein, Beate und Bruno zählen nicht zu den bedrohten Arten. Den beiden weißen Eseln geht’s ausgezeichnet. Es sind die Landwirte, die auf der Roten Liste stehen. „Auch am Niederrhein nimmt das Höfesterben zu“, sagt der Landtagsabgeordnete René Schneider. Und weil er seine Sommertour in diesem Jahr „Bedrohten Arten“ widmet, hat er sich jetzt auf dem Hof von Familie van Betteray in Sonsbeck ein Bild davon gemacht, wie es mit einer Neuaufstellung der Landwirtschaft funktionieren kann.

Die Familie van Betteray bewirtschaftet den Klappboomshof in siebter Generation. „Die Entscheidung, die Tierhaltung aufzugeben, ist uns nicht leicht gefallen“, sagt Johannes van Betteray und denkt ans vergangene Jahr zurück: „Das war schon ein komisches Gefühl, als die letzten Schweine den Stall verlassen haben.“ Zwar geht es für die van Betterays mit dem Anbau von Zuckerrüben, Mais und Getreide weiter, aber ein Bauernhof ohne Tiere? „Daran mussten wir uns erstmal gewöhnen.“

Für Brigitte Krebber-van Betteray, die seit acht Jahren Vorsitzende der Sonsbecker Landfrauen ist, stand von Anfang an fest, dass sie weiter auf dem Hof arbeiten und ihn „lebendig“ halten wollte. „Meine Schwiegereltern sind beide über 90 Jahre alt“, erklärt sie.
Der Familienrat kam zusammen und grübelte über mögliche Alternativen. Zwei weiße Esel grasten zu diesem Zeitpunkt bereits friedlich auf der Wiese hinter dem Haus. Die haben früher ihrem Vater gehört. So reifte die Idee, geführte Eselwanderungen anzubieten. Und weil die Nachfrage groß war, kamen Beate und Bruno als Verstärkung dazu. „Die vier weißen Esel aus dem Kreis Wesel sind unser Markenzeichen“, sagt Brigitte Krebber-van Betteray und ist froh, dass sie den Nerv der Zeit getroffen und ihre „Marktnische“ gefunden hat. Ein weiteres Standbein ist seit April diesen Jahres die Vermietung des Tiny-Houses, das ihr Sohn, gelernter Tischler, selbst gebaut hat. Und auch die Photovoltaik-Anlagen tragen dazu bei, dass die Einnahmen in nächster Zeit gesichert sind.

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“Die Musik spielt auf der EU-Ebene”

„Der Klappboomshof setzt seit dem vergangenen Jahr auf unterschiedliche Betriebszweige. Ist eine multifunktionale Landwirtschaft also ein möglicher Weg hin zur Landwirtschaft der Zukunft?“ Mit diesem komplexen Thema befasste sich René Schneider nun im persönlichen Gespräch. Zum Ortstermin kam auch Landfrau Ulrike Terhorst mit ihrem Mann Frank. Anders als bei Familie van Betteray steht hier mit Sohn Max ein Hofnachfolger in den Startlöchern. Doch die Terhorsts sorgen sich dennoch um die Zukunft. „Was uns fehlt, ist Planungssicherheit“, sagt Frank Terhorst und sieht die Politik in der Verantwortung. Die ständig wechselnden Bestimmungen stellen Landwirte, die investieren müssen, um auf einem stark umkämpften Markt wettbewerbsfähig zu bleiben, vor immer neue Herausforderungen. „Es geht nicht um die Entwicklung des Marktes“, stellt Frank Terhorst klar. Einem gewissen Risiko müsse sich schließlich jeder Unternehmer stellen. „Es geht darum, dass die Standards bestehen bleiben, bis eine Investition abbezahlt ist.“ Diese Sicherheit habe man zurzeit nicht. Dem stimmte Schneider zu. „Die Musik spielt auf der EU-Ebene“, räumte der Politiker ein und versprach, dies künftig mehr im Blick zu behalten. Schneider stellte aber auch die Frage, wieviel Fleisch in Zukunft überhaupt noch produziert werden müsse und wie man die Frage nach dem Tierwohl für alle Beteiligten verbindlich regeln könnte. „Beim Getreide ist die Preissteigerung auch in den Köpfen der Verbraucher angekommen, aber beim Fleisch funktioniert das nicht. Der Kunde will es so billig wie möglich“, sagt Frank Terhorst. Hier plane Politik und Einzelhandel am tatsächlichen Bedarf vorbei. „Und gerade jetzt, wo die Kosten explodieren und alles teurer geworden ist, wird der Verbraucher nicht mehr Geld ausgeben“, befürchtet Terhorst.

„Veränderung ist nicht immer schlecht“, sehen sich die van Betterays mit ihrem Bauernhof-Modell gut aufgestellt. Was ihnen besonders gefällt, ist die Wertschätzung, die sie dadurch erfahren. „Das war lange Zeit nicht der Fall“, sagen sie. Häufig werde den Landwirten der „Schwarze Peter“ zugeschoben, obwohl diese kaum noch Einfluss hätten. „Wie soll man den Kontakt zum Verbraucher halten und ihn aufklären, wenn keiner mehr in den Stall darf“, fragt Johannes van Betteray. „Zuviel Schwarz-weiß-Denken“, findet auch René Schneider. Er möchte, das alle Interessengruppen aufeinander zugehen und gemeinsam Lösungen finden. Für ihn ist das Modell „Eselwanderungen“ ein guter Ansatz. Auch Hofcafés, Direktvermarktung oder Ferienwohnungen seien gute Möglichkeiten, um die Landwirtschaft breiter aufzustellen und die Zukunft der Höfe zu sichern.

Mehr Infos zum Klappboomshof findet man unter www.klappboomshof.de.