XANTEN. Der beschauliche Rhein, strahlendes Kaiserwetter und gute Kumpel. Was sich für die meisten Menschen nach einem fantastischen und sorgenfreien Tag anhört, war für den Xantener Hans-Hermann Pieper und seine Ruderkollegen von der Ruder- und Tennisgesellschaft Wesel 1907 bei allem Spaß vor allem eines: anstrengend. Bei der Marathonregatta „All You Can Row“ (AYCR) des Karlsruher Rheinklubs Alemannia machten sie sich um 5.20 Uhr vom Karlsruher Hafen auf den langen Weg rheinabwärts. 213 Kilometer waren sie unterwegs, als sie schließlich kurz vor dem Fristende um 21.40 Uhr ihre Fahrt in Boppard beendeten.

Ein stolzes Ergebnis, da gibt es keinen Zweifel. Das fünfte Mal war der 55-Jährige Pieper nun bereits bei AYCR dabei. Stolz kann er aber auch aus einem anderen Grund sein. Mit dieser Fahrt sammelt der in Moers tätige Kinderarzt nämlich zum wiederholten Male für die „Aktion pro Humanität“ (APH) Spenden für eine Krankenstation im westafrikanischen Benin.

Seit mehr als 25 Jahren in Betrieb, ist jene für ihre hohe Behandlungsqualität überregional bekannt. Mit den in 2017 und 2018 von Pieper bei AYCR gesammelten Spenden konnte bereits eine Kinderstation aufgebaut werden, in der pro Monat 400 bis 600 Patienten ambulant und stationär behandelt werden. Da jedoch inzwischen die räumlichen und personellen Bedingungen deutlich zu klein geworden seien, plant APH eine Raumerweiterung und eine Aufstockung des Personals. Und genau dabei sollen die aktuellen Spenden helfen.

-Anzeige-

Eine Spende pro Kilometer

All you can row
Auch bei „bestem“ Wetter gehören zu so einer langen Tour Höhen und Tiefen.

Das Prinzip von Piepers Spendenmarathon: Jeder Ruderkilometer des Boots „Bis nach Holland!“ erzeugt eine Spende. Wer also einen Euro pro Kilometer geben möchte, würde nach dieser Rechnung 213 Euro in den Topf werfen. Vorgaben gibt es dabei aber keine, auch kleine Beiträge sind herzlich willkommen. „Wir sind über jede Spende glücklich.“ Der Xantener Rotary Club, dessen Mitglied Pieper ist, vermehrt diese Spenden anschließend. Pieper betont: „Es kommt alles an.“ Weder APH noch der Club müssten Kosten decken.

Trotz dieses ernsten Hintergrundes steht für Pieper bei AYCR vor allem der Spaß am Rudern im Fokus – um einen ernsten Wettkampf um Preise handelt es sich nicht. Laut ihm müsse man sich AYCR eher als Wanderfahrt vorstellen statt als dramatische Tour. Mit möglichst viel Zeit im Boot haben sich die Ruderer dennoch so gut es ging vorbereitet. Feste Rollen gab es am Tag der Fahrt allerdings nicht, stattdessen stand auf dem Wasser alle 30 Minuten der fliegende Wechsel an. „Wir haben damit einen guten Zeitrahmen für uns gefunden.“ Das helfe sehr beim Durchhalten.

Ohne Herausforderungen und Schwierigkeiten bleibt eine solche Fahrt trotzdem nicht. „Am Anfang ist es leicht, aber irgendwann werden die Beine schwerer“, erzählt er und ergänzt: „Das sieht vom Land aus bestimmt lustig aus.“ Zwischendurch gebe es auch mal eine Begegnung mit Treibgut und andere kleine Überraschungen, „aber nichts, was besonders gefährlich wäre.“ Dieses Jahr habe es jedoch mehr Schiffsverkehr als sonst gegeben, gerade die wellenschlagenden Sportboote hätten seinem Team mehr Anstrengung abverlangt.

Eine Toiletten- und Streck-Pause muss bei alldem natürlich auch einmal erlaubt sein, Halte gab es deshalb in Mannheim und Mainz.

Ein Auf und Ab

Ansonsten spielte sich alles im Boot ab, mit allen dazugehörigen Höhen und Tiefen – vor allem gilt das für die eigene Gefühlslage, wie Pieper erzählt. „Man kommt zum Nachdenken über alles Mögliche. Es ist eine emotionale Achterbahnfahrt.“ Mal vergehe ein Streckenabschnitt wie im Fluge, dann ziehe sich der nächste. Mal finde man alles schön, dann wieder alles schrecklich. Vor allem, wenn die erwarteten schönen Ecken auf sich warten ließen, die Sonne ständig brenne und die Körperteile schmerzten. „Irgendwann tut alles weh und man sehnt jede Brücke und jede Wolke herbei.“ Da würden auch kleine Hilfen wie Sitzkissen nicht ewig helfen. Und dann gibt es da noch die Gefahr der Übersättigung bei der Wegzehrung: „Ich esse im Jahr vielleicht fünf Bananen. Bei AYCR sind es mindestens fünf an einem Tag“, erzählt er mit einem Lachen.

Schön ist es aber vor allem dann wieder, wenn es witzig wird. Zum Beispiel, wenn das Team im Nachbarboot ein Lied schmettert. „Das hält einen wieder die nächsten 20 Kilometer aufrecht“, erzählt Pieper amüsiert. Für dieses Jahr zieht er wieder ein positives Fazit. „Es lief alles ziemlich reibungslos.“ Ebenfalls eine schöne Überraschung für das Team: Sie legten von allen Teilnehmern die weiteste Entfernung zurück.

Das Gefühl der Stunde, als sie in Boppard den Schlussstrich zogen, war aber vor allem Erleichterung. Denn eine so lange Fahrt macht sich bemerkbar: in Piepers Fall gab es neben einigen schmerzenden Stellen ein paar Blasen und hier und da einen kleinen Sonnenbrand zu verzeichnen. „Und wenn man dann wieder auf dem Land steht, denkt man, es bewegt sich.“

Jetzt steht für Pieper erst einmal Urlaub an. Die Erholung wird er brauchen, steht im September doch schon der Rheinmarathon von Leverkusen nach Düsseldorf an. „Dafür müssen wir noch trainieren, denn dann geht es auch wieder um Preise.“
Die Kontoinformationen finden interessierte Spender unter xanten.rotary.de.