Ein Fanclub feiert sich selbst

KLEVE. Der 21. Juni 1992 war ein Sonntag. Die Fußballsaison 1991/92 war beendet und Borussia Mönchengladbach belegte den 13. Tabellenplatz. Am letzten Spieltag, dem 16. Mai 1992, hatten die Gladbacher gegen Wattenscheid verloren (2:3). Trainer war Jürgen Gelsdorf (Oktober 1991 bis November 1992). Die Meisterschaft ging – nein, nicht an Bayern München – es waren die Stuttgarter. Die Namen der Spieler der Saison 1991/92 müssten die meisten wohl erst einmal recherchieren. Fachwissen für Eingeweihte …

Happy birthday

Der 21. Juni 1992 war der Tag, an dem der „Borussia Mönchengladbach Fanclub Kleve“ gegründet wurde. (Ach ja: Borussia ist Neulateinisch und steht für Preußen.) Gründungsverantwortliche des Fanclubs waren die heutigen Ehrenvorsitzenden Stefan Looschelders und Dirk Schumacher. Man kann einem der größten Gladbach Fanclubs in Deutschland (Mitgliederzahl: 223) also zum Geburtstag gratulieren. Kürzlich wurde im Vereinslokal – dem Ratskrug in Materborn – Geburtstag gefeiert. Dabei stand der Verein, um in der Fußballsprache zu bleiben, kurz vor dem Lizenzentzug, denn die (jetzt) Ehrenvorsitzenden legten nach 29 Jahren ihre Ämter nieder. Und wie es so ist: Alle möchten dabei sein, aber niemand will‘s machen. Die Rede ist von der Vorstandsarbeit. Die Regularien sagen: Kein Verein ohne Vorsitz. Klartext von Looschelders und Schumacher: „Das war es. Es war eine wunderschöne Zeit, jedoch hören wir auf. Wir haben keine Power mehr. Alles wird mit der Zeit immer intensiver. Entweder melden sich jetzt andere, oder wir müssen den Fanclub schließen.“ Kein gute Nachricht so kurz vor dem Geburtstag.

In letzter Sekunde

Mit Schockstarre in den Gliedern und einem drohenden Aus vor Augen fand sich ein neuer Vorstand. Es kann weitergehen. Seit Oktober 2021 leiten Frank Quartier (1. Vorsitzender), Thomas Gervens (2. Vorsitzender), Nicole-Lilli Burschinski (Geschäftsführerin) und Norbert Lamers (Kassenwart) nun die Geschicke des Fanclubs. „Ausgekegelt“ wurde das Ganze im Garten des jetzigen 2. Vorsitzenden. Alle Vorstandsmitglieder wurden einstimmig gewählt. Die Zukunft des Fanclubs ist also auf absehbare Zeit gesichert. Quartier und Gervens sind seit 25 Jahren Mitglied im Klever Fanclub.

-Anzeige-

Eine Religionszugehörigkeit

Wie wird man Fan? Die beiden sind sich einig: „Ein Fußballverein – das ist schon ein bisschen wie eine Religionszugehörigkeit.“ Man wechselt den Verein nicht wie ein Trikot. Man wechselt überhaupt nicht. Fan eines Vereins zu sein – das ist eine spezielle Form von lebenslänglich. Einschränkend kann gesagt werden, dass nicht jede Fankarriere geradlinig verläuft. Der 1. Vorsitzende hätte eigentlich Schalker werden müssen wie sein Bruder und sein Vater. Eigentlich wird die Vereinszugehörigkeit familienintern weitergegeben. Aber es ist wie auch sonst manchmal im Leben: Ausnahmen bestätigen die Regel. Für Thomas Gervens lief es geradlinig: war Borussia, ist Borussia, bleibt Borussia.
Die Vorsitzenden sind sich einig: Es ist längst nicht alles gut im Fußball. Es geht zu viel um den Kommerz. Aber an der Herzenslage ändert das nichts. Zwei Jahre lang lag Vieles im Argen. Die Stadien: leer. Die Fans: Auf Entzug.

Endlich!

„Endlich läuft es wieder rund“, freuen sich die beiden und fügen hinzu: „Als Vorsitzender bist du ja auch Reiseunternehmer.“ Sie meinen die Fahrten zu den Heimspielen. Merke: Fußball macht in der Gruppe mehr Spaß. „Und wenn wir zusammen im Bus unterwegs sind, dann darf‘s auch mal ein Bier sein. Das kann man vergessen, wenn man im eigenen PKW anreist.“
Da wären wir beim Reiseunternehmen: „Eine unserer Aufgaben ist es eben, für die Logistik zu sorgen. Das bedeutet an einem Heimspieltag: Brauchen wir einen Bus oder zwei?“ Das entscheidet sich natürlich im Vorfeld. Karten müssen organisiert werden. Dauerkarten bei Borussia? Glücksache. „Da gibt es lange Listen. Von den 223 Mitglieder, schätzen Quartier und Gervens, haben vielleicht 60 bis 70 eine Dauerkarte.“ Der Vorteil bei der Kartenbeschaffung: Fanclubs haben ein Vorkaufsrecht.
Was halten Quartier und Gervens von Randale? Schnell beantwortet: „Nichts.“ Es geht um den Spaß am Sport. Natürlich kann es auch mal hitzig werden, aber das bezieht sich aufs Diskutieren. Man muss ja nicht immer einer Meinung sein, auch wenn man Mitglied im selben Verein ist. Allein über die Trainerfrage oder die „Einkaufspolitik“ ließe sich problemlos stundenlang diskutieren.

Ein Gemeinschaftsding

Und noch mal: Fußballgucken ist ein Gemeinschaftsding. Wenn sich am Heimspieltag die Mitglieder Richtung Mönchengladbach auf den Weg machen – Start ist meist gegen 12.30 Uhr am Vereinslokal – beginnt ein Erlebnis der besonderen Art, das nicht erst mit dem Anpfiff beginnt und natürlich nicht beim Schlusspfiff endet. Diskussionsbedarf ist immer und worüber ließe sich besser und ausführlicher diskutieren als über ein Spiel, dessen Augenzeuge man war? Das zumindest sagen Eingefleischte. „Wir freuen uns alle unheimlich, dass es jetzt wieder los geht. Ein Teil des Plans beim neuen Vorstand: „Künftig auch öfter mal zu Auswärtsspielen fahren.“ Die Weichen sind gestellt. Herzliche Glückwünsche. Nachträglich.
Schließen wir mit einem Zitat. Es stammt von William „Bill“ Shanky, einem englischen Fußballspieler und Trainer (1913-1981): „Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Man hatte so was schon geahnt …