30 Jahre Schweigen

Ich habe Helena nie gesehen. Ein Brief. Ein Telefonat. Eine Geschichte. Eine Katastrophe. Helenas Geschichte: Eine traurige Geschichte. Eine Geschichte des Verschweigens, der Verschwiegenheit, des Verletztseins. Natürlich heißt Helena nicht Helena. „Wie würden Sie in der Geschichte gerne heißen?“, habe ich per Whatsapp gefragt. Antwort: „Helena, die Sonnenhafte – das würde mich berühren.“

Entschlossen, freundlich, zugewandt

Helena ist heute 44 Jahre alt. Ihr Brief beginnt so: „Ich habe Jahre hin und her gerätselt, wie ich irgendwie mit dem Zustand zurecht komme, dass ich als Mädchen von circa sechs bis sieben Jahren missbraucht wurde. […] Ich verstehe bis heute nicht, wie der Mensch, der das getan hat, mich als Mädchen missbrauchen konnte, ohne dass seine Familie oder die Gesellschaft das mitbekommt.“ Whatsapp-Nachrichten gehen hin und her. Ich verabrede mich zu einem Telefonat. Helena wirkt – abseits der Erinnerungen – entschlossen, freundlich, zugewandt. Helena ist also missbraucht worden. Sie war sechs oder sieben. Ein blondes Mädchen – eher still. Helena wuchs in einer Pflegefamilie auf. Ihr leiblicher Vater: Alkoholiker. Die leibliche Mutter: überfordert. Mit Helena. Mit dem Leben.
Wenn Helena den Tag umkreist, der ihr Kinder-Leben entgleisen ließ, wird die Stimme weich, schwach. Der Ton: verletzlich.

Mehr als 30 Jahre

Sie erzählt von einem Mann, an dessen Cordhose sie sich noch heute erinnert. Es sind Kleinigkeiten, die sich einbrennen. Mehr als 30 Jahre ist das her. Helena hat geschwiegen. All die Jahre. Tief in ihr gibt es diese Schublade. In der Lade: der Tag des Missbrauchs: das Davor, das Danach. Die Schmerzen, sagt sie, kann sie noch heute empfinden, denn manchmal öffnet sich die Lade. Ganz von selbst. Und manchmal schaut Helena hinein.
Sie hat gelernt, mit der Erinnerung zu leben und mit dem Verdrängen.
Seit 20 Jahren ist sie nicht mehr da gewesen, wo sie aufgewachsen ist: ein Dorf am linken unteren Niederrhein: Nordkreis Kleve. Die Stelle, an der „es“ passiert ist, kann sie noch heute beschreiben. „Ich weiß natürlich nicht, ob es da heute noch so aussieht.“
Heute lebt Helena im Süden der Republik. „Ich mag die Berge.“

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Zuhören

Helena war verheiratet. Sie ist geschieden. Sie hat eine Tochter: ein Pflegekind. Helena ist Erzieherin. „Wir hören den Kindern nicht genug zu“, sagt sie. Wegschauen ist auch heute noch ein Werkzeug, das Katastrophen möglich macht. Und oft ist es so, dass Menschen, die Kinder missbrauchen und ihre Seelen verrenken, genau die sind, von denen man es am wenigsten vermutet hätte …
Die Tat von damals: verjährt. Aber da klafft diese Lücke zwischen dem Gesetz und dem Leben. Verwundungen verjähren nicht. „Was mich bewegt: Dieser Typ lebt ein ganz normales Leben. Er war in seinem Dorf einer von den Wichtigen. Hätte ich damals gesagt, dass er mich missbraucht hat – mir hätte doch niemand geglaubt.“ Damit keine falschen Vermutungen aufkeimen: „Nein, es war kein Priester. Aber bestimmt war und ist er ein gläubiger Mensch.“

Angst

Die Zeiten haben sich kaum geändert, denke ich. Die Täter, die ich auf der Anklagebank gesehen habe, waren Menschen, denen niemand so etwas zugetraut hatte. Der Mann, der Helena missbrauchte, ist nie zur Rechenschaft gezogen worden. Da lebt einer weiter in seinem Leben und macht sich keine Gedanken. „Ich habe auch schon mal gedacht, ich fahre dahin, schelle an seiner Tür und schaue, was passiert“, sagt Helena. In der Vorstellung geht das. In der Wirklichkeit …? Helena ist nicht sicher.
„Meist ist es ja so, dass Menschen, die so etwas machen, das auch öfter tun. Das macht mir Angst.“ Helena erzählt, dass sie in einem Ferienlager – damals – ein Mädchen traf, dem es, glaubt sie, ähnlich ergangen ist. „Im Ferienlager tauchte plötzlich der Mann auf, der mich missbraucht hatte. Ich bekam Panik. Bin zusammengebrochen, vertraute mich dem Mädchen an. Die Art, wie die damals reagiert hat, lässt mich heute denken: Der ist das auch passiert.“

Heimat

„Wie sind Sie ausgerechnet auf unsere Zeitung gekommen, als Sie den Brief geschrieben haben?“, frage ich. „Ich habe gesurft und die Niederrhein Nachrichten gefunden. Niederrhein – das ist doch meine Heimat“, sagt sie und wieder klappt ihr die Stimme ins Nichts. „Entschuldigung.“ „Alles gut … „Was stellen Sie sich vor?“, frage ich und erkläre: „Ich kann und werde keine Namen nennen. Nicht einmal einen Ort.“ „Ich weiß, dass Sie das nicht können“, sagt Helena. „Natürlich würde ich mir wünschen, dass der, um den es hier geht, die Geschichte liest und darüber nachdenkt, was er mir – und vielleicht auch anderen – angetan hat.“ Wieder geht es darum, dass Täter ihr Leben weiterleben, nachdem sie das Leben ihrer Opfer beschädigt haben.

Never look back

Helena schickt mir das Foto eines Tatoos, das sie sich hat stechen lassen. „Das ist das Bild einer sinnlich starken Frau“, schreibt sie. Aber die Frau weint. „Never look back“, steht neben dem Gesicht. „Haben Sie mal darüber nachgedacht, ihre Geschichte aufzuschreiben?“, frage ich. „Tatsächlich habe ich mehrmals darüber nachgedacht, über die Geschehnisse aus meiner Kindheit zu berichten und diese aufzuschreiben. Meine Kindheit in diesem Dorf ist bivalent: einerseits ein wunderschöner Fleck (damals war ja noch nicht alles bebaut wie jetzt) und für mich als Kind ein großes Abenteuer. Andererseits habe ich bis zu meinem neunten Lebensjahr viel Leid ertragen müssen. Leider bin ich sprachlich nicht so bewandert – daher wird es wohl eher bei einem Gedanken bleiben, obwohl mein Leben sicherlich filmreif wäre, da ich ja am Ende doch eine glückliche Frau bin.“
Das Bild ihres Tatoos darf ich benutzen, schreibt Helena, und erklärt: „Übrigens lassen sich viele Frauen ein Semikolon tätowieren, eine Art Geheimsprache. Es deutet darauf hin, dass Menschen die Leid erfahren haben, für sich einen Weg gefunden haben, damit zurechtzukommen und sich nicht als nur Opfer sehen, sondern verstanden haben, nach vorn zu schauen.“ Helena soll das letzte Wort haben: „… da ich ja am Ende doch eine glückliche Frau bin.”

Nachtrag

Ich habe Helena die Geschichte vorgelesen – am Telefon. „Vielleicht“, sagt sie am Ende, „vielleicht können Sie noch etwas einbauen. Vielleicht können Sie schreiben, dass es ein gutes Gefühl ist, gehört zu werden. Und vielleicht können Sie Opfern Mut machen. Es lohnt sich, das Schweigen zu beenden. Dieser Gedanke wäre mir wichtig. Geht das?“ Das geht.