Der Preis für die Freiheit

BEDBURG-HAU. Wir sitzen in der Küche. Küchen sind die Orte für die großen Gespräche. Zukunft ist ein großes Thema. Die Küche: gleich neben dem Theaterraum. Leben und Kunst wachsen zusammen. Crischa Ohler und Sjef van der Linden sind mini-art. Nichts ist präziser als dieser Satz.

Wertschätzung

Müssten die beiden einen Lebenslauf verfassen – es würde sich bescheuert anfühlen, wenn da stünde: 1997 bis 2015: Arbeit für das Theater mini art in Bedburg-Hau. Noch mal: Ohler und van der Linden sind mini-art. Die beiden können auf eine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Preise hier, Preise da. Fantastische Inszenierungen. Phantastisch kommt von Phantasie.
Van der Linden: „Am schönsten sind die Preise, die du von Kollegen verliehen bekommst.“ Mehr Wertschätzung geht nicht.

Zukunft beginnt am Ende der Gegenwart

Ohler und van der Linden haben keinen Schampus auf den Tisch gestellt. Vielleicht würde das nicht passen. Natürlich kann man die Vergangenheit feiern, aber da ist auch ein Fragezeichen, das auf den Namen Zukunft hört. Zukunft beginnt am Ende der Gegenwart. „Natürlich machen wir uns Gedanken, wie es mit dem Theater weitergehen wird“, sagen die beiden. Mini-art ist ein freies Theater. Ja: Es gibt Unterstützung, aber wenn man Freiheit essen könnte (irgendwie ist sie ein Überlebensmittel) – alles würde von der Hand in den Mund gehen. Freiheit braucht eine Lobby.

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Pressemitteilung

Kürzlich erschien eine Pressemitteilung der Gemeinde Bedburg-Hau: „Bürgermeister Stephan Reinders und die Vorsitzenden der im Rat vertretenen Parteien haben sich nun zu einem Gedankenaustausch mit Crischa Ohler und Sjef van der Linden getroffen. Hierbei stellten sowohl der Bürgermeister als auch die politischen Vertreter klar heraus, dass ihnen der Erhalt des Theaters mini-art Bedburg-Hau und die Fortführung und Weiterentwicklung der pädadogisch-künstlerischen Konzeption am Herzen liegt. Zum einen wurde die kommunale Förderung bereits im letzten Haushaltsjahr verdoppelt, zum anderen wurde jede mögliche Unterstützung bei der Suche und Übergabe an eine neue Leitung sowie bei der Erstellung von konzeptionellen Nutzungsideen zugesagt. ‚Das Theater mini-art muss Teil der Gemeinde Bedburg-Hau bleiben. Hier hat es seine Heimat und leistet insbesondere für Kinder und Jugendliche tolle integrative Arbeit‘, so Bürgermeister Reinders. Rat und Verwaltung wollen nun gemeinsam daran mitwirken, auch künftigen Generationen die ganz eigenen mini-art Erfahrungen zu ermöglichen.“

Rückenstärkung

Für Crischa Ohler ein wichties Statement. „Da stärkt uns jemand den Rücken. Das war lange Zeit nicht der Fall.“ Ohler möchte, dass es weitergeht. Nein – es ist mehr als ein „möchte“. „Ich will, dass es weitergeht.“ Sjef van der Linden ist Utopierealist. „Natürlich möchte ich das auch. Keine Frage. Aber es muss auch wirklich machbar sein.“
25 Jahre lang waren Ohler und van der Linden Bestimmer. „Wir haben den Spielplan gemacht. Wir haben uns um alles gekümmert, blicken sie zurück. So zu arbeiten, erfordert höchstmöglichen Einsatz, „aber wenn du dann siehst, was Theater mit Menschen machen kann, ist das ein Gefühl, das bis tief in die Seele wächst“, sind die beiden sich einig. Sie schenken … und werden beschenkt. Das ist das Wunder des Theaters – der Kunst. Kunst – das ist immer dieser Spagat zwischen größtmöglichem Freisein und dem, was man eine Lobby nennen könnte. Es geht um Überzeugungen und es geht noch mehr um Vertrauen. Dann ein Aber: Worte sind Stärkung, aber Kunst braucht außer Freiräumen auch das „Benzin“, um vom Fleck zu kommen.

Ein Ort als Glücksfall

Für Ohler und van der Linden ist der Ort, an dem sie arbeiten, ein Glücksfall. Es ist die Schnittstelle zwischen Kunst und Wirklichkeit: das Klinikgelände. „Immer wieder fragen uns Menschen: ‚Muss das hier?‘ Darauf gibt es nur eine Antwort: Das muss hier!“, sagt Crischa Ohler. Was Reinders und Politik geschrieben haben, sei eine Rückenstärkung, ist Ohler sicher.
Über Theater sollte man nach dem Erleben reden – nach der Feststellung, das man ein Geschenk erhalten hat. Was Ohler und van der Linden in 25 Jahren aufgebaut haben, ist weit mehr als ein Repertoire und Bühnenbilder. Es ist ein Schatz an Erfahrungen im Umgang mit Menschen. Es spielt keine Rolle, ob einer Patient ist oder nicht. Das Theater ist im allerbesten Sinne eine Gleichmachungsgelegenheit: Irgendwie starten alle am selben Punkt. Theater ist der Beweis der Tatsache, was Fantasie zu Bewegen im Stande ist. Es braucht keine Unsummen für technischen Schnickschnack. Im Theater reicht die Ahnung – aber auch Illusionen haben ihren Preis.

Staffelübergabe

Für Ohler und van der Linden geht es darum, eine Staffelübergabe zu inszenieren. Natürlich könnten die beiden einfach den Rückspiegel benutzen, stolz sein auf das Erreichte und denken, dass der Letzte das Licht ausmacht. Aber es geht ihnen auch um das, was auf der Grenze zur Zukunft passiert. Da ist dieser Punkt, an dem auch die Freiheit eine Aussicht braucht – es ist der Blick durch diesen Spalt, den man Hoffnung nennt. Ein Lebenswerk ist zu übergeben – das klingt nach Abschied, aber für mini-art sollte eine Zukunft bereit stehen. Es geht um Überzeugung. Es geht um Begeisterung. Freiheit hat einen Preis und es ist falsch, wenn er nur von den Künstlern gezahlt werden soll.
Wenn man Geschichte erlebt, stellt man fest, dass sie Kunst hinterlässt: Bauwerke, Gemälde, Musik, Bücher, Skulpturen. mini-art – so viel steht fest – ist ein Stück Theatergeschichte, die weit über Bedburg-Hau hinaus Gültigkeit hat und geschätzt wird. „Allein das Material, das bei uns im Keller liegt, würde ausreichen, ein Theatermuseum zu eröffnen“, sagt van der Linden und Crischa Ohler sagt: „Mir hat mal jemand gesagt: Ihr seid das einzige Theater, bei dem die Kulissen auch von hinten schön sind.“

mini-art im Internet