Beim Verladen der Hilfsgüter am Mittwoch (Foto o.) ist die Stimmung bei Mike Püllen, Marius van de Stay, Christian Janssen, Peter Janssen und Andreas Gey noch recht gelöst. Dies soll sich nach ihrer Ankunft im Flüchtlingslager ändern. Foto: NN/Gerhard Seybert,

STRAELEN. Um einen flotten Spruch ist Mike Püllen in der Regel nie verlegen. Wer den Straelener privat oder über seinen Kevelaerer Betrieb Starlack kennt, kann dies bestätigen. Wer mit ihm jedoch über das spricht, was er in der vergangenen Woche erlebt und gesehen hat, lernt einen anderen Mike Püllen kennen: in sich gekehrt, nachdenklich, ernst. Gemeinsam mit seinen Freunden Andreas Gey, Christian Janssen und Marius van de Stay ist er am Mittwoch, 9. März, mit zwei Transportern voller Hilfsgüter zu einem Flüchtlingslager an der polnisch-ukrainischen Grenze gefahren. „Ich habe vor einigen Jahren eine humanitäre Reise nach Ghana mitgemacht. Das jetzt war noch schlimmer“, sagt Mike rückblickend.
Weitere Hilfsaktionen

Wie derzeit in vielen Kommunen in der Region, startet einige Tage zuvor von Straelen aus bereits eine erste Hilfsaktion. Für diese stellt Mike einen Transporter, Anhänger und Spritgeld bereit. Doch ihm ist schnell klar: „Ich muss auch selbst aktiv werden.“ Also organisiert er eine zweite Hilfsaktion, sucht und findet Fahrer sowie über Pannenbecker einen zweiten Transporter, ruft dann zu Spenden auf. „Innerhalb von 36 Stunden hatten wir rund drei Tonnen an Material zusammen“, zeigt sich Mike von der Hilfs- und Spendenbereitschaft der Menschen begeistert. Lebensmittel, Hygieneartikel und Medikamente werden in den Flüchtlingslagern dringend benötigt. „Doch vor allem alles, um sich warmzuhalten“, betont Mike. Also Winterjacken, Mäntel, dicke Schuhe, warme Bettwäsche, aber auch Decken, Schlafsäcke und Isomatten.
Neben unzähligen privaten Spenden verladen die Straelener am Mittwochabend auch mehr als 200 Dosen Nudelsuppe, die Edeka Brüggemeier bereitstellt, sowie 600 Liter Wasser in kleinen Boxen vom Parookaville-Team. Auch knapp 3.000 Euro an Barspenden kommen zusammen. „Da haben wir gemerkt, wie viele Menschen hier helfen wollen“, erzählt Mike. Ein anderes Beispiel dafür ist der Tierschützer Ralf Seeger aus Kranenburg. Mit vier Bussen voller Tierfutter, Nahrungsmitteln, Kleidung und Medikamenten ist er jüngst in Richtung Ukraine gefahren.

Um 19.30 Uhr startet das Quartett dann in Richtung der polnischen Grenzstadt Przemysl, zehn Kilometer entfernt von der Grenze zur Ukraine und rund 70 Kilometer von Lwiw. Hier befindet sich eines der Flüchtlingslager, die Polen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine eingerichtet hat. Für die knapp 1.400 Kilometer lange Strecke benötigen sie etwa 14 Stunden. „Auf den ersten 1.000 Kilometern scheint alles noch relativ normal“, erinnert sich Mike. „Irgendwann aber wird der Verkehr immer weniger, man sieht vor allem noch Transporter und Lkw mit Hilfsgütern – und Militärfahrzeuge. Da wird dir endgültig klar, dass es ernst ist.“

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300.000 Flüchtlinge

Umso mehr, als sie endlich das Flüchtlingslager bei Przemysl erreichen. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Kurz zuvor hat Polen weitere 300.000 Flüchtlinge aufgenommen und auf die Lager entlang der Grenze verteilt. „Sich im Vorfeld vorzustellen, was dort los ist, ist schwierig“, sagt Mike. Natürlich haben er und seine Freunde die Nachrichten der vergangenen Tage verfolgt. Aber: „Kein Bild und kein Video der Welt kann das Elend hier wiedergeben“, schreibt Mike unmittelbar nach der Ankunft in Przemysl – und wiederholt dies noch einmal im Gespräch: „Die Bilder in den Nachrichten können dich kaum auf die Realität vorbereiten.“ Und das liegt nicht nur an den Tagestemperaturen von -1 bis -4 Grad und Schneefall.
Nachdem sie die Hilfsgüter abgeladen haben – dabei erfahren sie, dass ein Teil davon, wie Medikamente und Utensilien zur Erstversorgung, direkt nach Kiew weitergeleitet wird –, können sie einen kurzen Blick ins eigentliche Flüchtlingslager werfen, wo die Menschen aus der Ukraine untergebracht sind. „Das war echt heftig“, sagt Mike. Sie sehen ältere Menschen, verwirrt und gezeichnet von der Flucht. Sie sehen viele Mütter mit ihren kleinen Kindern. „Die Frauen sitzen da, mit ihren Kindern auf dem Schoß, und weinen, während sie Briefe an ihre Liebsten schreiben und zu erklären versuchen, wo sie sind“, erzählt Mike. „Obwohl sie nicht einmal wissen, ob die Briefe überhaupt ankommen. Ihnen bleibt nur die Hoffnung.“ Vor allem aber sehen sie Trauer und Angst.

Auf seinem Smartphone zeigt Mike das Foto eines kleinen Jungen, der mit seiner Mutter vor einem der beiden Transporter der Straelener steht. „Sieh dir diese Augen an – ohne jede Emotion. Solche leeren Gesichter sieht man dort überall. Da ich selbst einen kleinen Sohn habe, geht mir so etwas natürlich besonders nah.“ Doch die vier Straelener erleben auch viel Dankbarkeit, nicht zuletzt von Seiten der polnischen Hilfskräfte. „Was Polen in dieser kurzen Zeit auf die Beine gestellt hat, ist unglaublich“, sagt Mike. Und er sieht eine ungeahnte Hilfsbereitschaft: Fahrzeuge des Deutschen Roten Kreuzes, der Malteser, der Feuerwehr, viele private Transporter und Lkw aus Deutschland, aber auch aus Italien, Frankreich und Portugal stehen auf dem Gelände vor dem Flüchtlingslager.

„Vieles erscheint nichtig“

Nach vier Stunden treten sie die Rückfahrt an. Diese verläuft deutlich ruhiger als die Hinfahrt – und das nicht nur, weil sie erschöpft sind. „Was wir dort gesehen haben, geht mir immer noch nah“, sagt Mike. 34 Stunden nach dem Start sind sie wieder zurück in der Heimat, zwei Tage ohne Schlaf liegen hinter ihnen. „Man kommt zurück und denkt: Wie unfassbar glücklich können wir hier sein? Was einen vorher beschäftigt hat, erscheint jetzt fast schon nichtig.“
Das Erlebte beschäftigt Mike und seine Freunde weiter – auch, weil sie sich bereits Gedanken über die nächste Hilfsaktion machen. „Das muss nicht zwangsläufig wieder eine Fahrt zur ukrainischen Grenze sein“, betont Mike. „Denn auch die Flüchtlinge, die hierher zu uns kommen, werden Hilfe benötigen.“ Und er weiß: „Jede Spende zählt! Seien es zehn Euro oder eine dicke Winterjacke, die man nicht mehr trägt.“