Panzer und Petersilie

KLEVE. Nach 90 Minuten steht man auf. Keine Fragen mehr. Der Block ist voll – der Kopf leer. Vielleicht zum Friedhof fahren: ans Grab der Eltern, die man nie gefragt hat, wie sie das überlebt haben, was Krieg genannt wird. Krieg ist ein großes Wort – zu erklären irgendwie nur in Kleinigkeiten …

Elend, Grauen

Da sitzt Inna. Seit zehn Jahren lebt sie in Deutschland. Der Vater: Russe – die Mutter: Ukrainerin. Alles irgendwie normal: gewesen. Der Krieg – das sind die Bilder im Fernsehen, in Zeitungen und längst auch im Kopf, wenn man abends denkend wach liegt und nicht in den Schlaf findet vor lauter Elend, Grauen, Sprachlosigkeit. Man bekommt den Krieg nicht zu fassen – muss das Kleine beschreiben, um das Große zu erklären. Vielleicht.

Renée Reichenbach, Halle

Zu Besuch bei Oma

Inna hat Besuch: Zwölf Personen sind gekommen in einem Auto mit acht Plätzen. Eine Fahrt in die Rettung. Innas Tochter, Innas Schwiegersohn Anton, drei Kinder. Antons Bruder, seine Frau Mila, Milas Schwestern, drei Kinder. In der Nacht zum 1. März sind sie angekommen aus Riwne. Man schaut nach: 1.619 Kilometer ist Riwne von Kleve entfernt. Menschen, die gestern noch ein Leben hatten – einen Beruf, Normalitäten, Alltag – sind heute Gestrandete: angespült von einer überflutenden Gegenwart. Die Kinder denken, sie besuchen die Oma. Die Eltern wissen es besser.

-Anzeige-

Rüdiger Dehnen, Kleve

Nur zurück

Da sitzen sie: Zwölf Entwurzelte – vereint in dem einen Gedanken, dass sie zurück möchten in das Land, das sie Heimat nennen. Heimat ist ein Ort, der jetzt nicht erreichbar ist. (Heimat, denke ich, hat keine Mehrzahl. Das hat Gründe.) Was ist Heimat? Der Klang der Sprache, die Freunde – das Leben, das gestern zu Ende war. Heimat – das sind die Tränen und die Gedanken an alles, was gestern noch war. Heimat ist zu einem Gebiet geworden, in das zu Reisen unmöglich ist – nicht im Herzen. Nicht im Kopf. Nicht in der Wirklichkeit des Krieges. „Heimat“, sagt Anton, „ist der Ort, an dem du blind durch die Straßen gehen kannst. Du kennst dich aus. Du kennst die anderen – die anderen kennen dich.“
Anton und die anderen sind dankbar, dass sie hier sein können und haben doch nur einen Wunsch: zurück. Zurück. Zurück. Heimat – das ist die Petersilie im Garten, die jetzt niemand ernten wird. „Wir sind hier nur auf Zeit“, sagen sie und merken, dass sich diese Zeit nicht messen lässt.

Peter Strege, Dortmund

Brüder

Der Krieg ist überall. Die Medien sind voll davon. Noch. Was wird in sechs Wochen sein? In drei Monaten? Der Hahn, der nach nichts mehr kräht, kann dann längst zerfetzt in den eigenen Federn liegen.
Anton und die anderen hassen nicht. Was sie tun würden, wenn sie dem Mann in Russland etwas sagen könnten, frage ich. Es wird still. Dann sagt einer: „Ich möchte ihn an die Hand nehmen – mit ihm dahin gehen, wo gekämpft wird, wo alles zerstört ist und ihn fragen, ob er das Frieden nennt.“
„Russen und Ukrainer“, sagt Inna, „sind doch Brudervölker. Immer gewesen. Mit einem Bruder kannst du dich streiten, du prügelst dich vielleicht, aber du gehst nicht zu ihm und schießt.“
Natürlich kennt Inna Russen. Ein Kollege in der Arbeit kommt von da. „Der kam neulich und hat sich entschuldigt.“ Natürlich sind nicht alle so. Idioten gibt es immer und auf allen Seiten.
Wenn Inna von ihrer Mutter spricht, versagt ihre Stimme. Die Mutter wird in der Ukraine bleiben und es bricht Innas Herz. „Ich brauche sie doch“, sagt sie. „Ich brauche ihre Stimme und ihren Rat.“

Mut, Dankbarkeit

Der Raum füllt sich mit Hoffnungslosigkeit. Das Atmen fällt schwer. Man hat doch nur Fragen, die fast schon touristisch anmuten. Man weiß doch nicht wirklich, wie sich Entwurzelung anfühlt. Man ist doch nur ein Sofakrieger und simuliert das Entsetzen im eigenen Kopf, aber alles ist und bleibt Simulation. Die einem hier gegenübersitzen, sind die Mutigen. Die Tapferen. Die Dankbaren. „Menschen, die wir nicht kennen, sammeln Geld für uns“, sagt Inna. Das Annehmen, das wird klar, ist eine Herkulesaufgabe. „Wir machen uns Sorgen, weil wir denken, dass wir alles, was uns jetzt gegeben wird, nicht zurückgeben können.“ Innas Schwägerin sagt: „Wenn wir jetzt packen müssten und weg von hier, wären wir doch bei euch. Ihr würdet uns aufnehmen. Selbstverständlich.“ Inna nickt. Es geht um Gebenkönnen und Nehmenkönnen. Annehmen ist kein Infragestellen der eigenen Würde. Würde aber ist für viele eine Art letzter Besitz.

Dirk Knickhoff, Kleve

Väter

Man hat die Bilder gesehen von ukrainischen Männern, die ihre Frauen an die Grenze bringen und dann umkehren. „Dass es ein Gesetz gibt, das auch ukrainischen Männern erlaubt, ihr Land zu verlassen, wissen hier längst nicht alle“, sagt Anton und Inna übersetzt. Väter von mehr als drei Kindern dürfen gehen, Väter, die ein behindertes Kind haben oder ein Adoptivkind dürfen auch gehen. „Wir können auch von hier aus etwas tun“, sagt Inna. Was? „Wir können sammeln: Medikamente, Hilfsgüter, Geld …“ Pause „… und wir können Kontakt halten. Schreiben. Telefonieren. Wir können unseren Landsleuten signalisieren, dass wir sie nicht vergessen. Wir können fragen: Wie geht‘s?“
Klingt das banal? Es klingt so, wenn man nicht zu Ende kommt mit dem Denken. Vergessen zu werden ist ein Elendsverstärker der besonderen Art. Dass der Krieg noch Monate dauern kann – wer will das hören? „Wir hoffen, dass es schnell vorbei geht. Wir stehen zwischen Russland und der Welt. Wenn die Ukraine fällt, ist Putin nicht fertig. Wir Ukrainer sind mutige Leute. Aber die Frage ist: Wie lange reicht die Kraft? Wie lange reicht der Mut?“
Nach 90 Minuten steht man auf. „Darf ich mich noch mal melden?“ „Natürlich dürfen Sie das“, sagt Inna. „Wir sind dankbar“, sagt sie. 90 Minuten: Der Block ist voll – der Kopf leer. Krieg ist ein großes Wort, denkt man, aber das Verstehen kommt mit den kleinen Geschichten – mit den Menschen, die man trifft. Menschen, denen – hoffentlich nur vorübergehend – die Heimat abhanden gekommen ist. Zuhören als Rettungsversuch. Es bleiben die Geschichten: Panzer und Petersilie.

Klaus Franken, Kleve

Danke an Peter Busch, Rüdiger Dehnen, Klaus Franken, Dirk Knickhoff, Renée Reichenbach und Peter Strege, die ihre Arbeiten für diesen Beitrag angefertigt beziehungsweise zur Verfügung gestellt haben.