Von der Keimkraft des Krieges

NIEDERRHEIN. Zwei Männer sitzen im Bahnhofscafé und sprechen über Krieg und Kunst. Immerhin: Zwei Worte, die mit identischem Anfangsbuchstaben. Mehr nicht?
Dirk Knickhoff ist Teil einer Gruppe von vier Künstlern, die ab Sonntag, 20. Februar im Städtischen Museum Wesel ausstellen. „For_ever? War“ – so der Ausstellungstitel. Untertitel: Ausstellung über die unaufhaltsame Keimkraft des Krieges.

Minerva

Knickhoff, der zusammen mit Pier Pennings, Anke Land und Peter Clouth ausstellt, hat gerade einen Lieferwagen mit den Einzelteilen seiner Installation „Minerva“ beladen. Kann irgendjemand dem Thema Krieg gerecht werden? Schon das Wortpaar macht Spaltungen deutlich. Knickhoff hat ein Video seiner Installation geschickt. Alles beginnt in der Schwärze. Der Ton: ein Knarren – vielleicht auf einem Holzfußboden. Aus dem Knarren wird eine Salve. Vielleicht. Dann: Eine Aufzugtür und eine Aufzugstimme. Eine Stimme sagt: „Door opening.“ Der Blick auf eine Statue wird freigegeben: Minerva. Dann: ein Uhrenticken. Dazu ein Landschaftsidyll. Das Ticken, denkt man: ein Unheilsvorbote. „Mein Herzenswunsch ist, dass unsere Kinder Kriege nur aus Geschichtsbüchern kennen“, sagt Knickhoff. Ist da einer einfach nur naiv? Nein. Wünschen darf man sich alles.

Unaushaltbar

Irgendwie entsteht im eigenen Kopf etwas Unaushaltbares, denn der Ausstellungstitel geistert durch die Gedanken – gedacht nur, aber unausweichlichunaufhaltsam. Alles, was nicht passiert verdeutlicht ist ein Anlauf auf das, was passieren könnte. Längst sind die Nachrichten der vergangenen Tage und Wochen im Hirn aufmarschiert. Längst entsteht eine unsichtbare Tragweite. Längst ist klar, dass man den Krieg nicht zeigen muss, um ihn zu kommentieren. Längst hat sich Knickhoffs Arbeit im eigenen Denken vervielfältigt und es entstehen Zellteilungen. Da inszeniert einer die Ahnung. Die Ahnung ist etwas Vergangenes, denkt man. Knickhoff, der heute in Kleve lebt, wuchs im Ruhrgebiet auf.

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Erinnerung

„Schon früh fielen mir dort die vielen Hochbunker auf und wenn ich bei den Großeltern war, kamen regelmäßig ältere Herren zum Sammeln für den Verein Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Meine Oma erzählte, dass mein Opa (geboren 1915) als einjähriger Junge mit seinem Brüdern nach Oberhausen gekommen sei und seine Eltern nie kennen gelernt hat. Viele Jahre später haben sie dann den Familiennamen geändert, so dass alle Spuren verwischt wurden – heute weiß ich nur, dass er in Masuren geboren wurde. Wenn ich ihn fragte was er im 2.Weltkrieg erlebt hat, gab er mir nur ein Buch und sagte, ‚du kannst alles nachlesen‘ – er sprach nie darüber, wie er in Russland sein Augenlicht verlor, als er mit einem Kameraden hinter der Front als Auskundschafter in einem Schusswechsel geriet.“

Geschichte im eigenen Kopf

Vielleicht muss man all das nicht wissen, wenn man Knickhoffs Installation sieht. Es ist wie so oft bei der Kunst: Sie verlangt nach der Geschichte im eigenen Kopf. Das Ende von Knickhoffs Film: Eine mit sich selbst verschmelzende Landschaft, deren akustischer Hintergrund eine Morsezeichenteppich ist – unterlegt mit Klangflächen. Wir erleben, denkt man, eine Zeit zwischen den Katastrophen. Alles Idyll ist ein Schein. Über der finalen Einstellung des Film liegt ein Titel: Minerva. Minerva ist Beschützerin des Handwerks und sie ist die Göttin des Verteidigungskrieges. Ahnung ist eine Vergangenheit, denkt man: „For_ever? war“
Carla Gottwein hat die Ausstellung in Wesel ermöglicht. Wir als Niederrheinischer Kunstverein bekamen eine Anfrage der Künstler.“ Eine Ausstellung, die mehr denn je in die Zeit passt, denkt man. „Die Künstler“, erklärt Gottwein, „nähmen in der Ausstellung auch Bezug auf die Krisen von heute.“

Ins Tatsächliche

Eine wichtige Ausstellung, denkt man. Sie holt den Gedanken an Krieg aus dem Abstrakten ins Tatsächliche. Kunst ist immer Stellungnahme, denkt man, aber manchmal hat die Zeit Bezüge aufgeweicht. Die Ausstellung wird am Sonntag um 11.30 Uhr eröffnet. Zur Einführung spricht Harald Kunde, der Direktor des Museum Kurhaus Kleve. Ebenfalls am Sonntag findet um 15.30 Uhr eine Führung, kombiniert mit einem Künstlergespräch, statt.

Der Niederrheinische Kunstverein im Internet