Am Tränenäquator

„Come in“, lockt das Programmheft. (Oder ist das ein Befehl?) Tut ja nichts zur Sache: Der Inhalt macht‘s. Ach ja: Bitte während der Ballettaufführung die Masken aufbehalten und nicht Skypenchattengoogeln. Das lässt sich einrichten.

10.800 Töne

„Come in“ ist ein Tanzabend als Diptychon. (Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie doppelt gefaltet.) Ein Abend des Gegensätzlichen. Die rauschhafte Diktatur der Töne tritt an gegen die ebenso rauschhafte Überwältigung durch das Schöne. Es beginnt mit „Commentaries on the floating world“. Twyla Tharp hat Musik von Terry Riley ausgesucht: 45 Minuten Repititives. Ein bisschen klingt es wie „In C“. Am Ende des Stückes möchte man dem Zurverfügungsteller des in die Ewigkeit wiederholten Grundtons Blumen schicken: zum Trost. 45 Minuten das Stück, geschätzte 240 Anschläge pro Minute: 10.800 Töne im Zentrum, die ihr Umfeld regieren – zwischenzeitlich aus dem Bewusstsein verschwinden, dann wieder da sind: unwegdenkbar. Man begreift, was Musik kann, wenn sie unnachgiebig ist. Vielleicht, denkt man, ist das Teil der Idee. Vielleicht lässt sich so ein Kommentar auf die Welt verfassen. Es ist ein Kommentar, in dessen Verlauf auch etwas auftaucht, das in seiner Gestalt an einen Herrscher unserer Zeit erinnert: Das Corona-Virus: Es wird – fast wie ein Heiligtum – von Tänzern über die Bühne getragen. Man beginnt zu leiden: Da ist dieser allesniedermachende Ton, der den Tanz fast zur Staffage werden lässt – ihn auffrisst und verdaut. Da agieren „The North Star“, „The Hero“, „The Companion“, „Time“, „Youth“, „The Trio“, „The Chorus Leader“, „Chorus Ladies“, „The Demagogue“, „The Mob“: Ein Weltenensemble, das angehörs des Tondiktats gegen das Statistentum anzukämpfen scheint.

Beziehungen – Kontext

Die Hilflosigkeit beim Nachfühlen treibt einen ins Programmheft: „Es geht um Beziehungen und es geht um Kontext.“
Vielleicht hat man einen schlechten Tag erwischt, der das Folgen in dieses Stück zur Herausforderung macht. Alles, was zu hören und zu sehen ist: perfekt. Aber da steht man vor diesem Stück wie vor einer schlecht übersetzten Montage-Anleitung. Man erkennt die Teile – sieht ein Bild vom Fertiggroßenganzen und schafft den Weg nicht: „Setzen Stange von 2 an Winkel mit Schraubelement und halten senkrecht.“ Man scheitert an der eigenen Unzulänglichkeit. Die Frage taucht auf: Kann ein Stück dieser Musik Paroli bieten oder muss alles Zuwiderhandeln zum Protokoll einer Niederlage werden?

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Aus den Fugen

Gegen Ende des Stückes: ein Sternenhimmel. Sofort wird – obwohl noch immer die Repetition des Tones herrscht – ein Bild ins Herz gegraben. An der Decke grüßt das Virusgebilde. Die Welt, denkt man, ist aus den Fugen: Sie ist längst so gnadenlospräzise getaktet, dass man Erlösung spürt, wenn am Ende alles stille steht – wenn alles Bewegen ein Ende hat. Wenn Musiker und Tänzer hochverdienten Applaus entgegennehmen. Plötzlich merkt man, dass tief im Inneren noch immer dieser Ton Ausflüge in die Tyrannei unternimmt. Pause. Raus. Luft. Maske ab.

Come in

Dann der zweite Teil: Come in. Eine Erzählung über die Magie des unausweichlich Schönen. Ein Streichorchester zwölf Tänzer. Es ist eine Gefangennahme: Vom ersten Ton, von der ersten Bewegung an gibt es kein Entkommen. Ein Gegenteil entsteht – es ist das Gegenteil zum ersten Stück: erzielt mit ähnlichen Mitteln.

Nach dem Urknall

Noch einmal geht es um Wiederholung, aber der Raum für die eigenen Bilder, die eigenen Gedanken entwickelt sich wie die Welt nach dem Urknall: Erweiterung ins Unendliche. „Come in“ ist ein Stück ungeheuerlicher Poesie und man fragt sich bis zum letzten Ton, bis zur letzten Bewegung, ob es eine Poesie der Traurigkeit ist oder ob da einer das Ausweglose zum Paradies für zwischendurch tapeziert. „Come in“ greift die Seele an. Man kann sich nicht wegmogeln.

Hinterher

Man muss hinterherreisen in die Bilder, die Töne, die Ruhe … „Come in“ ist das ganz große Kino der Innigkeiten. Man möchte am Schluss einfach sitzenbleibendürfen. Nichtsmehrsagen. Nurdasein. Es ist irgendwie grandios. Dann fragt man sich, ob gerade die „Commentaries on the floating world“ den Samen ins Parkett der Seele gestreut haben. Eine umgekehrte Stückfolge wäre zweifelsohne verheerend gewesen. So ist der Abend eine Reise ins Eigentliche geworden. Sie hat Bilder hinterlassen: Tänzer auf Stühlen; Tänzer, die zusammen auseinanderwachsen und getrennt zur Einheit werden. Das Bühnenbild: ein Nichts aus Licht und dem, was man selbst auf diese innere Leinwand tapeziert. Die Musik: ein Schlag mit dem Wattebausch. Eine Vorbeifahrt am Gebirgsmassiv der Töne, die sich hinter einer Nebelwand verstecken, weil man sie sonst nicht aushielte. Sich auf „Come in“ einzulassen, braucht Mut: Man passiert den Tränenäquator und beendet den Abend in friedlicher Stille.

Info

Zu sehen ist „Come in“ am Freitag, 25. Februar (19.30) Uhr, Sonntag, 27. Februar (15 Uhr) und am Sonntag, 6. März 18.30 Uhr) im Theater Duisburg.

“Commentaries on the floating world”, “Come in”

Szene aus “Commentaries on the floating world”. Foto: Bettina Stoess