Prostest gegen Impfgegner formiert sich

Wie die Corona-„Spaziergänger“, so gehen vielerorts auch immer mehr Impfbefürworter auf die Straße

Corona Gegenprotest Impfgegner
In Geldern formierte sich Montagabend ein Gegenprotest, an dem ähnlich viele Impfbefürworter teilnahmen, wie Impfgegner zeitgleich durch die Innenstadt zogen. NN-Foto: Theo Leie

NIEDERRHEIN. Impfungen gehören laut des Robert-Koch-Instituts (RKI) „zu den wichtigsten und wirksamsten präventiven Maßnahmen, die in der Medizin zur Verfügung stehen“. Wer beispielsweise in bestimmte Länder reisen möchte, sollte sich gegen einige Krankheiten impfen lassen – und die meisten tun dies auch. Ganz anders sieht es aber beim Thema Corona-Schutzimpfung aus. Sie spaltet die Nation, seit Monaten gehen Impfgegner gegen die Maßnahmen der Bundesregierung auf die Straße – auch am Niederrhein. Doch mittlerweile formiert sich immer öfter ein Gegenprotest.

Das Problem der Corona-„Spaziergänge“: Zum einen sind sie vielfach nicht angemeldet. Doch genau dies sei erforderlich, wie die Polizei betont. „Die Teilnehmer sehen einen solchen ‚Spaziergang‘ vielleicht nicht als Versammlung, die Polizei schon. Denn dahinter steht eine gemeinsame politische Aussage. Und eine solche Versammlung muss nicht genehmigt, aber sie muss angemeldet werden. Das Nichtanmelden ist eine Straftat“, erläutert Manuela Schmickler, Pressesprecherin der Kreispolizei Kleve. Es drohe eine Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Freiheitsentzug – allerdings nur für denjenigen, der die Versammlung nicht anmeldet. Diese Personen auszumachen, sei jedoch schwierig, sagt Peter Reuters, Pressesprecher der Kreispolizei Wesel: „Über ‚Social Monitoring‘ konnten aber beispielsweise in Wesel und Dinslaken Koordinatoren ausgemacht und belangt werden.“ Dies sei ein wichtiges Zeichen für die Bevölkerung.

Nicht nur Impfgegner bei den “Spaziergängen”

Zum anderen ziehen nicht nur Impfgegner und -skeptiker mit, sondern auch rechte und rechtsextreme Gruppierungen. So stehen beispielsweise Kleve, Goch, Rees, Xanten, Rheinberg, Issum und Gel­dern auf der Empfehlungsliste der Partei „Der III. Weg“. Auch hier zeige sich laut Reuters das Problem der Nichtanmeldung: „So können sich die ‚Spaziergänger‘ auch nicht von bestimmten Personengruppen abgrenzen und sie von einer Teilnahme ausschließen. Das kann nur der Versammlungsleiter.“

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Ein grundsätzliches Problem bestehe laut Reuters darin, dass die Teilnehmer der „Spaziergänge“ für sich in Anspruch nehmen, rechtsstaatlich behandelt werden zu wollen, „sich selbst aber nicht rechtsstaatlich verhalten, indem sie die Versammlung nicht anmelden.“

In Kleve fanden vor einiger Zeit die Anwohner Wurfzettel in ihren Briefkästen vor, auf denen ebenfalls zur Teilnahme an den „Spaziergängen“ in mehreren Kommunen in der Region aufgerufen wurde. Zudem warnte der Verfasser vor den Folgen der Impfdebatte: „Möchtest Du, dass Dein Kind/Enkelkind in einer Welt voller Hass und Ausgrenzung aufwächst? Möchtest Du, dass all Deine Freundschaften zerbrechen, weil ihr nicht derselben Meinung seid? Möchtest Du Deinem Nachbarn voller Missachtung entgegentreten, weil er andere Ängste hat?“ Für eine „gemeinsame friedliche Zukunft“ solle man auf die Straße gehen.

“Nicht mehr nur die schweigende Mehrheit”

Umso wichtiger scheint vielen der Gegenprotest: „Wir wollen nicht mehr nur die schweigende Mehrheit bleiben“, sagt eine 66-Jährige, die montagabends auf dem Gel­derner Markt steht, wenn die Corona-„Spaziergänger“ unterwegs sind. Zu Beginn seien sie nur zu dritt gewesen, erzählt sie. Nun hatten erstmals auch die im Gel­derner Stadtrat vertretenen Parteien, mit Ausnahme der AfD, zum Gegenprotest aufgerufen. Mit Erfolg: Erstmals ist die Zahl der „Spaziergänger“ und der Impfbefürworter annähernd gleich.

Corona Impfgegner Protest
In Kleve gingen am Montag erneut Impfgegner auf die Straße.
NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Eine 69-jährige Geldernerin, die zum Trio der ersten Stunde gehört, freut sich über das Statement aus der Politik: „Egal, welche Partei sich positioniert, Hauptsache ist, dass sie Flagge zeigt.“ Auch sie wertet es „als positives Zeichen, dass heute erstmals fast so viele von uns wie Impfgegner da sind“.

Prostest gegen Impfgegner “war mehr als überfällig”

Pascal Bungert hatte sich schon früh montagabends den Impfbefürwortern angeschlossen. Er freut sich über die große Gruppe, die sich mittlerweile auf dem Gelderner Markt versammelt hat. „Endlich formiert sich ein Gegenprotest. Das war mehr als überfällig“, sagt er. Grundsätzlich begrüße er den Dialog in jeder Phase, auch im Freundeskreis werde über das Impfen debattiert. Doch im Gegensatz zu dem auf dem Wurfzettel aus Kleve postulierten Szenario der zerbrochenen Freundschaften sagt er: „Bei uns sind 95 Prozent bereits geimpft, und die übrigen fünf Prozent lassen mit sich reden“, sagt er. Streit gebe es nicht.

Auch die 66-jährige Geldernerin will sich dem Dialog nicht verschließen, wie sie versichert: „Mit den Impfgegnern kann man aber keine Diskussion führen. Diese Menschen sind leider immun gegenüber Fakten und Argumenten.“

So hat sich an diesem Abend tatsächlich eine Impfgegnerin in die Reihen der Impfbefürworter verirrt. Als man sie darauf aufmerksam macht, bietet die 69-Jährige ihr an, ihr den Weg zum Treffpunkt der „Spaziergänger“ zu zeigen – und hält ihr ein Schild mit der Aufschrift „Impfgegner gefährden Kinder“ entgegen. Schnell entwickelt sich eine lebhafte Debatte, die damit endet, dass sich die Impfgegnerin lautstark diskutierend entfernt. „Die Frau berief sich auf einen entfernten Verwandten oder Bekannten in einem australischen Krankenhaus, wonach alle Geimpften auf der Intensivstation lägen“, berichtet die 69-Jährige. „So ist das immer: Es geht nur um Hörensagen, nie um Fakten.“